Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.04.2018

Die Emsenkönigin von Friedenau

Emsig kletterte die Emse im Gebirge, traf die Gemsen und sprach zu ihnen die geflügelten Worte: „Soll ich euch Gemsen denn mal emsen, wie ich das bei den Krähen tue?“

Bianca Drenske mit Wassersprühflasche. Foto: Hartmut Ulrich

Bianca Drenske hätte wahrscheinlich für diesen alpinistisch geprägten Kalauer nur ein müdes Lächeln übrig. Die Friedenauerin selbst liebt die Wärme und züchtet Emsen (sprich Ameisen, lat. Formicidae) aus den warmen Gebieten unserer Erde in verschiedenen, miteinander verbundenen durchsichtigen Behältern (Formicarien), in denen die Ameisen nach Lust und Laune Auslauf haben und in denen man ihr Verhalten und ihre Organisationsstrukturen  gut beobachten kann. Die natürlichen Heimatlandschaften sind fast perfekt nachgebildet; man kommt sich manchmal vor wie in der Heimat der etwa 5.000 afrikanischen Wüstenameisen oder der australischen Bulldog-Ameisen.
Frau Drenske ist Lehrerin mit Leib und Seele. Ihre Examensarbeit hat sie über einheimische Ameisen geschrieben, und nun möchte sie ihre Erfahrung weitergeben: Schulen, Zoos und andere biologische Lerneinrichtungen berät und betreut sie bei Ameisen-Projekten. Wissen unter das Volk bringen, so kann man das ja wohl lobend nennen.

Einen Verlag hat sie auch gegründet, in dem in nunmehr vierter Auflage ihr Buch „Das spannende Leben im heimischen Wohnzimmer - Eine Einführung in die Ameisenhaltung“ über das Leben und die Pflege der Ameisen erschienen ist.
Insbesondere Lernumweltschulen, die am Beispiel der Blattschneider-Ameisen das Thema Recycling vermitteln wollen, greifen gerne auf die Kompetenz der Emsen-Königin zurück. So plant sie die Ameisenanlagen in Anlehnung an die natürlichen Bedürfnisse selbst und pflegt die aus Mittel- und Südamerika stammenden Blattschneider bis zur Umsiedlung auf eine „ausstellungsfähige“ Größe hoch.
Ein junges Blattschneidervolk besitzt einen Tischtennisball großen Pilz und etwa 100 Arbeiterinnen, ein insgesamt noch sehr pflegeintensives und sensibles Gesamtgefüge. Der Futterbedarf ist zwar noch nicht nennenswert, ein Blatt pro Tag und etwas Zuckerwasser. Ständig muss aber die Temperatur und Luftfeuchtigkeit kontrolliert und notfalls mittels Technik korrigiert werden. So erklärt sich die Vielzahl an Lampentechnik, Nebelgeräten und Heizmatten im Aufzuchtzimmer.
Nach etwa einem Jahr regelt die Ameisen-Pilz-Symbiose die Luftfeuchtigkeit selbst, dafür wird aber die Blattbeschaffung eine Herausforderung. Denn diese steigt exponenziell und kann bei ausgewachsenen Kolonien für den Blattschneider-Halter eine große Herausforderung werden. Eine Einkaufstüte voll mit Blättern reicht dann vielleicht gerade mal zwei Tage. Besonders in den Wintermonaten muss man schon mal bei eisigen Minusgraden ausgedehnt spazierengehen. Dann steht man mit frostigen Händen mitten in Brombeerhecken, um an die besten Blätter heranzukommen, ohne unpraktische Handschuhe, weil man mit ihnen ständig an den Dornen hängen bleibt -  aber was tut man nicht alles für die Lieblinge zu Hause.

Sind die Ameisen an die neuen Halter abgegeben, fängt die Betreuungszeit an. Regelmäßig wird telefonisch die Entwicklung des Volkes verfolgt. Die gewonnenen Daten werden für eine Entwicklungsprognose notiert und für das nächste Buchprojekt über die Haltung von Blattschneidern gespeichert.
An weiteren Ideen zur Verbreitung ihres Wissens fehlt es Frau Drenske nicht, doch mit Familie und Ambitionen im Lehrerberuf muss sie mit ihren Kräften haushalten. Aber der sprichwörtliche Fleiß der Ameisen motiviert  sie immer wieder zu weiterer Arbeit, um  diese spannenden Tiere dem Menschen näher zu bringen. Stellvertretend für alle Lebewesen auf diesem Planeten sollen Ameisen in uns die Freude und den Respekt an der Natur wecken. Dieser erste Samen kann zu einer prächtigen Pflanze heranwachsen, der sich Naturschutz nennt.
Helfen also auch Sie mit, dass nicht nur wir, sondern auch unsere Nachkommen die Natur so bewundern können, wie wir sie heute vorfinden. So gibt uns die Emsenkönigin ein Zitat mit auf den Weg: „Um die Welt der Ameisen zu verstehen, braucht es mehr als ein Menschenleben - um ihrer Faszination zu erliegen, jedoch nur einen Augenblick.“
Eine ähnliche Faszination geht aber auch vom Emsen aus: Manchmal können Krähen – aber auch andere Vögel - mit ausgebreiteten Flügeln auf Ameisenhaufen beobachtet werden. Sie lassen sich dort „Emsen“:  Ameisen krabbeln in das Federkleid und spritzen dem vermeintlichen Angreifer ihre Ameisensäure an die Haut. Diese tötet die zahlreichen Parasiten der Krähen, z.B. Milben und Flöhe ab. Und weil die Ameisen dies und vieles andere so emsig tun, heißen die Ameisen  mundartlich eben Emsen.
Jean de La Fontaine beschreibt in seiner Fabel „die Grille und die Ameise“, wie die Ameisen emsig ihr Futter als Vorrat sammeln und welche Moral sich daraus ergibt. Eine schöner Text – nicht nur für Kinder.
Und wer noch nicht genug hat von den Emsen, kann bei Ringelnatz nachlesen, wie die Ameisen auf der Elbchaussee in Blankeneese nach Australien reisen wollen, ihre Reisepläne wegen „weher“  Füße aufgeben und mit welcher Erkenntnis sie dann bescheiden weiterleben.

Hartmut Ulrich