Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

3.11.2015

Die Buchhandlung Thaer. Eine Friedenauer Buchhandlung wird 70!

1945 war sie die erste Buchhandlung, die nach dem Krieg in Berlin neu gegründet und von den Alliierten genehmigt wurde,

jetzt feiert sie also ihr siebzigjähriges Jubiläum: die Buchhandlung Thaer in der Bundesallee 77, gleich am Friedrich-Wilhelm-Platz. Die Gründerinnen waren zwei Frauen, Anneliese Thaer und ihre Partnerin Herta Zelmanovic. Sie tauften ihren Laden „Bücherstube Thaer“. Es gibt heute noch Kunden, die die beiden kannten und von ihrem großen Einsatz für die Literatur berichten, was unmittelbar nach Kriegsende nicht einfach war.                                                             

Das ist lange her, aber immer noch hat sie ihre Türen geöffnet, ist einmal einen Laden weiter gezogen, die Hausnummer blieb die gleiche - der Name wurde in Buchhandlung Thaer geändert.
Die jetzigen Besitzer, Elvira und Walter Hanemann, hatten ihn beibehalten, seit sie den Laden gekauft hatten, von Anneliese Thaers Nachfolgerin Elke Adam, die die Buchhandlung 22 Jahre lang führte und bei der aus der Bücherstube eine Buchhandlung geworden war. Die Hanemanns waren Anfang der 1980er Jahre aus Regensburg, wo sie sich während ihrer Buchhändlerlehre kennengelernt hatten, nach Berlin gekommen. Walter Hanemann arbeitete hier bei Elwert und Meurer und bei Kiepert, seine Frau kümmerte sich um den kleinen Sohn und arbeitete Teilzeit in einer Verlagsauslieferung, einer West-Berliner Spezialität, wo westdeutsche Verlage ihre Bücher gelagert hatten, um die Belieferung der West-Berliner mit Büchern zu sichern; später in anderen Buchhandlungen, bis das Paar sich 2004 entschloss, Besitzer der zum Verkauf stehenden Buchhandlung Thaer zu werden.

Einen treuen Kundenstamm hatten sie sozusagen gleich mitgekauft, der sie zunächst kritisch beäugte, dann aber blieb. Es ist, wie Walter Hanemann erzählt, ein von Frau Adam  durch kompetente Beratung und hervorragende literarische Auswahl verwöhntes Publikum, das dankenswerter Weise auch ihnen treu geblieben ist. Sie haben ihren Schwerpunkt auf anspruchsvolle Belletristik und Neuerscheinungen aus den Bereichen Psychologie, Zeitgeschichte und Politik gelegt, man findet eine schöne Auswahl an Kinder- und Jugendbüchern und Sachbücher aus den verschiedensten Bereichen. Alles, was lieferbar ist, wird auch bestellt. Als Beigaben findet man daneben kleine Spielsachen, Notizbücher, Kalender und Postkarten mit Ansichten des alten Berlin.

Ein weiterer Schwerpunkt in der Buchhandlung Thaer sind die Lesungen. Elvira und Walter Hanemann haben sich von jeher für neue Autoren und Autorinnen eingesetzt und sie bekannt gemacht; es gab Krimi- und szenische Lesungen, eine Lesung von Büchern für und von Sehbehinderte(n), für Kinder und einmal sogar eine zweistündige „Wanderlesung“ mit Lesepause über Albrecht Haushofer, bei der die Teilnehmenden u.a. sein Grab und das Zellengefängnis in der Lehrter Straße besuchten. Aber auch viele bekannte Autoren haben bei den Hanemanns gelesen wie Marion Brasch, Julia Franck, Edgar Hilsenrath, Emine Özdamar, Katja Lange-Müller, Pascal Hugues, Jürgen von der Lippe. Die edition Friedenauer Brücke hat ihr Doppelbuch „Entlang der Rheinstraße/Friedenau erzählt 1945-1963“ vorgestellt, und in der Friedenauer Lesenacht und rund um den jährlich Ende September stattfindenden internationalen Übersetzertag wird hier vorgelesen. Auch Büchertische anlässlich von Lesungen andernorts werden von den Hanemanns ausgerichtet. Interessierte an den Lesungen werden gern in die Einladungsliste aufgenommen.

Darüber hinaus ist Elvira Hanemann noch auf „anderen Baustellen“ tätig: jeden Montag werden in der Sendung „Schöner lesen“ um 18.40 Uhr auf Radio 1 interessante Bücher vorgestellt, zehn bis fünfzehn Buchhandlungen nehmen an dieser Aktion teil, und auch sie  hat sich schon mehrmals daran beteiligt. Und wir können jeden Monat ihre Rezension eines ihr wichtigen Buches hier in unserer Zeitung finden.

Wie wir sehen, ist der Beruf des Buchhändlers vielfältig und anspruchsvoll. Elvira und Walter Hanemann wollen „bis zum Rentenalter“ dabei sein, wenn ihnen nicht die möglicherweise drohende Aufhebung der Buchpreisbindung, die dem Buchhandel, speziell den kleineren Buchhandlungen Sorge bereitet, einen Strich durch die Rechnung macht. Wir halten ihnen die Treue und feiern mit ihnen am Sonnabend, 31. Oktober ab 16.30h unter dem Motto „Lesen als Medizin“! (Bitte anmelden).

Sigrid Wiegand

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