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11.03.2018 / Projekte und Initiativen

Die Berlinale 2018

Der jährliche Berlinalerückblich von Sigrid Wiegand
Foto: Elfie Hartmann

Teil 1: In und um und drum herum
Die Berlinale beginnt, bevor sie beginnt. Für diejenigen, die beruflich mit ihr zu tun haben, die Drucker, die Layouter (zum Thema Layout s. unten), die Gastronomen, die Journalisten, die Buchbinder, die Werbefuzzis, die Fotografen und viele mehr, die einem gar nicht bewusst sind - sicher auch viele Frauen dabei, die weiblichen Formen denken Sie sich bitte dazu. Und dann das Putzpersonal, der Berlinalepalast muss ja auf Vordermann gebracht werden. Am frühesten beginnt die Berlinale wahrscheinlich für die Leute, die mit dem (Aus-)Suchen der Filme zu tun haben, das wird                                                                                                                                                                                                                         Dieter Kosslick sicher nicht allein machen. Überhaupt Dieter Kosslick, da scheint einiges im Busch zu sein, er soll nächstes Jahr aufhören als Berlinalechef, darüber hat sich schon unsere Elfriede Knöttke gewundert, die sich zu meinem Erstaunen als „Fän“ geoutet hat. (Bloß mit Meryl Streep lag sie falsch, die war ja vor zwei Jahren Jury-Präsidentin der Berlinale, da war wohl der Wunsch der Vater ihrer Gedanken.)

Jetzt verstehe ich auch, warum mich auf der vorjährigen Berlinale ein Mitarbeiter zu meiner Meinung über die Berliner Filmfestspiele und im besonderen über ihren Leiter Dieter Kosslick befragt hat, man wollte wohl die Stimmung in der Bevölkerung sondieren.

Ich bin ganz zufrieden mit seiner Arbeit, er hat viel Neues initiiert, manchmal ein bisschen sehr viel; aber er hat das kuschelige Filmfest von dazumal in einen internationalen Rang gehoben und uns viele hervorragende, interessante Filme beschert. Manchmal fehlt mir ein bisschen mehr Schmackes, so richtig gut gemachte Unterhaltung,  die Güte von Kunst liegt ja nicht im Was, sondern im Wie. Das sollten sich auch die konventionellen Langweiler merken, die jetzt an Dieters Kosslicks Stuhl sägen!

Die Vorarbeit für die Berlinale ist schon die halbe Miete, dieses Programmbeschaffen: was, noch nicht da? - das Studieren des Angebots: was interessiert mich, was mag hinter dieser Beschreibung stecken, was mag der Journalist sich dabei gedacht haben? Und dann schreibt noch so mancher von einer nicht stimmigen Inhaltsangabe ab, so dass man den Film dann gar nicht wiedererkennt.

Überhaupt das Berlinale Journal, das ist dies Jahr eine Zumutung! Man hat sich im wesentlichen die kleinere Ausgabe gespart, sie lag nur einmal einigen Zeitungen bei und ist mir in diesem Zusammenhang in den Papiermüll geraten und war dann nicht wiederzubeschaffen. Alles wurde in die dicke Ausgabe mit einem unmöglichen Layout gequetscht, für das Dingfestmachen jedes einzelnen Films, seiner Nummer und seines Termins muss man mindestens drei verschiedene Rubriken bemühen, die auf unterschiedlichen Seiten zu finden – oder nicht zu finden sind. Das Zusammenstellen meiner Berlinaletermine hat mich Nachtstunden gekostet!

Das Ticketbeschaffen beginnt natürlich auch schon vor dem Start des Festivals. Die Zeiten des stundenlangen Anstehens (fünf Stunden im Europa-Center!) sind zwar lange vorbei, aber wer zu spät kommt, wird mit ausverkauften Lieblingsvorstellungen bestraft. Das geht ruckzuck! Die Kassen öffnen um 10 Uhr, es empfiehlt sich, etwas vorher da zu sein. Viele andere machen das auch, also kommt man um ca. anderthalb, zwei Stunden, bis man die begehrten Tickets in der Hand hält, nicht herum. Man kann natürlich auch online buchen, so man ein Smartphone oder ähnliches besitzt oder einen Laptop plus Drucker sein eigen nennt (wer hat heute eigentlich noch privat einen großen Computer?), dann kann/ muss man sich seine Tickets selbst ausdrucken, oder muss sie in den Potsdamer Platz Arkaden abholen - alles ein bisschen umständlich, finde ich. Diese Prozedur wiederholt sich jeden Tag, denn es werden jeweils nur Tickets für drei Tage im voraus verkauft. Und endlich, endlich hält man dann die langen Papierschlangen ausgedruckter Eintrittskarten in der Hand! Und dann ist der große Moment da, wo man im Kino sitzt und auf der Leinwand das Berlinalebärchen durch den Goldregen tappst.

Teil 2: Worum es eigentlich geht - Die Filme
Mein Favorit ist die Oscar Wilde-Story „The Happy Prince“. Er erfüllt meine Kriterien einer gut erzählten und gut gespielten Geschichte („Schmackes“). Es ist ja immer Glücksache, was man so erwischt: ein Mönch in Myanmar, der mit Äpfelessen seine Schlaflosigkeit bekämpfen will („14 Apples“); ein Haus mit zwei Dimensionen (die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen will allerdings gekonnt sein: „Our House“), John Malkovich als Mann mit dem “Casanovagen“, der sich selbst fragt, was er eigentlich in diesem Film soll); die erste weibliche Trainerin einer norwegischen männlichen Profifußballmannschaft, die sich wacker schlägt gegen Häme und Shitstorm („Heimebane“); ein ehemaliges Liebespaar, das sich írgendwann wiedertrifft, das ist in Korea nicht anders als bei uns, trotz Verbeugungen und Stäbchenessen („Old Love“). Sehr interessant und wichtig ein Film über das Internet („Profile“): hinter einer vordergründigen Liebesgeschichte wird ausschließlich auf einem Computer-Bildschirm vorgeführt, was sich hinter den Kulissen abspielt, wie und auf welchen Wegen man aufgespürt werden kann, was alles über jemanden herauszubekommen ist, dass es praktisch keine Privatsphäre in der digitalen Welt und den Social Media  gibt. Der Film erhielt den Panorama-Publikumspreis.

Am Schluss dann doch noch einmal Schmackes: „Don't Worry, He Won't Get Far On Foot“. Der da nicht weit kommen wird, ist ein Alkoholiker, den eine Querschnittslähmung durch einen Autounfall im Suff in den Rollstuhl gebracht hat. Joaquin Phoenix spielt den bekannten amerikanischen Comic- Zeichner John Callahan, der nach dem Unfall 1972 in einer Gruppe der Anonymen Alkoholiker mit der strengen Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem Leben zu sich selbst und seinem Talent findet, das ihn durch seinen schwarzen Humor geradezu zum Cartoonisten prädestiniert.

Gus van Sant beschert uns einen rasanten, nachdenklich-unterhaltsamen Film, in dem es viel zu lachen und ein bisschen zu weinen gibt. Der Film gilt als Anwärter auf einen Silbernen Bären.

„Las Herederas“, noch ein Film, der für mich zu den Erlebnissen der diesjährigen Berlinale zählt: zwei mittellose ältere Damen in einer Stadt in Paraguay, die vom Verkauf der Einrichtung ihres geerbten Anwesens (Die Erbinnen) mehr schlecht als recht leben. Ana Brun, die eine von ihnen, hat den Goldenen Bären für die beste Darstellung gewonnen.

Soweit meine Berlinale-Erlebnisse 2018. Warten wir ab, was uns das nächste Jahr bringen wird ...

Sigrid Wiegand

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