Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.03.2017

Die Aussicht am Morgen

Von der Gegenwart über die Vergangenheit zum Zeitlosen.

Foto: Thomas Protz

Mitten in seinem „Eugen Onegin“ wendet sich der Dichter Puschkin direkt an uns Nachgeborene: „Vielleicht – welch schmeichelhafte Hoffnung – zeigt dereinst ein Ignorant auf mein berühmtes Porträt ..., dessen geneigte Hand den Lorbeer des Greises zerpflücken wird“. Er hofft demnach, dass der Wert seiner Kunst auch in zukünftigen Zeiten erkannt wird, wenn die veränderten Lebensverhältnisse einen anderen Blick erzeugt haben werden, nennt uns aber vorsorglich schon mal „Ignoranten“. Um uns anzuspornen? Oder glaubt er gar nicht an die Möglichkeit überzeitlichen Lorbeers, will uns Suchende verspotten wie Chuck Berry mit seinem „Roll Over Beethoven“? Und was glauben wir?

Überprüfen wir also unsere Fähigkeiten zum Zeitsprung an einem lokalen Beispiel der Bildenden Kunst. Machen wir uns auf den Weg in die Ceciliengärten am Rande Friedenaus, jener wundersamen Siedlung am architekturgeschichtlichen Übergang vom Jugendstil zum Neuen Bauen, die zu Recht in die Berliner Denkmalliste aufgenommen wurde und zugleich ein Gartenbaudenkmal ist. Dort stehen an den Enden der begrünten Mittelachse zwei Bronzeskulpturen von Georg Kolbe aus dem Jahre 1925: „Der Morgen“ und „Der Abend“, entstanden also hundert Jahre nach Puschkins seltsamem Stoßgebet und hundert Jahre vor unserem Besuch.

Wir lassen die „geneigte Hand“ in der Jackentasche, denn es ist an diesem Februar-Morgen noch winterlich kalt, durchschreiten das romantische Tor zur Siedlung, werfen aber nur einen flüchtigen Blick auf die Gestalt mit dem zur Seite geneigten Kopf des „Abends“, denn sie steht traurig mit leeren Händen da, als habe sie tagsüber gar nichts schaffen können. Ist sie vom Schaffen nur erschöpft oder war ihr Streben gar vergeblich wie das des „Ignoranten“? Wir hingegen sind voll frischen Mutes. Wir bewegen uns erwartungsvoll gen Morgen – und da begegnen wir ihr, der Täterin: „Der Morgen“ ist weiblich, unverhüllt, auf großen Füßen die Last des kommenden Tages mit federnden Knien ausbalancierend, die beiden Arme auf einem unsichtbaren Wolkenkranz das Gipfel-Haupt umfahrend, überlebensgroß sich der Nacht entkleidend. Der Besucher erlebt eine Anrufung, die nicht überwältigt, sondern das eigene Erkennen trägt.

Der Funkenbändiger

Ein solcher Anblick weckt nicht nur die Lebensgeister auch des heutigen Betrachters, er verlockt sogar zum Besuch des damaligen Atelierhauses des Künstlers am S-Bahnhof Heerstraße, dem heutigen Georg-Kolbe-Museum. Dort findet zur Zeit eine von „geneigter Hand“ vorbereitete Ausstellung zu den Schaffensquellen des Bildhauers statt. Sie bietet eine denkbar günstige Gelegenheit, um am Ort des tatsächlichen Geschehens daran teilzuhaben, wie der „Lorbeer des Greises zerpflückt wird“. Hier werden die Besucher zur Entscheidung der Frage befähigt, ob diese nunmehr hundertjährige Kunst auch unsere Bezüge zur Wirklichkeit porträtiert, oder ob sie notwendig der Vergangenheit angehört, wie Puschkin in seiner „Ignoranten“-Anrede andeutet, eine unübertretbare Zeitgrenze uns also endgültig von ihr trennt?

Hier im Museum sind wir der Vergangenheit jedenfalls nahe. Das wird auch in jenem Raum der Ausstellung deutlich, wo eine Gipsform des „Morgens“ vor die wandgroße Farbfotografie einer Rekonstruktion jenes deutschen Ausstellungspavillons gestellt ist, der von Mies van der Rohe für die Weltausstellung in Barcelona 1929 geschaffen wurde, wo sie auf seinen Wunsch auch stand. Die Spannung aus dem Gegensatz zwischen der kubischen Formgebung des Neuen Bauens und der lebendigen Menschlichkeit des „Morgens“ führt dem Besucher vor Augen, dass diese Kunst tatsächlich Funken schlagen kann, sowohl aus einem Architektur-Standort von strengster Formensprache als auch aus der gärtnerischen Einbettung einer eher locker gefügten Wohnsiedlung. Es überrascht daher nicht, dass der Bildhauer zu den namhaften Architekten der Zeit freundschaftliche Beziehungen unterhielt und auch für sie tätig wurde, wie man noch heute in der Eingangshalle des 1929 von Hans Poelzig errichteten Rundfunkhauses an der Masurenallee  feststellen kann, wo sein Sinnbild für den Funkwellenflug zu bestaunen ist.

In einem anderen Raum der Ausstellung wird dokumentiert, wo diese Fähigkeit zur Funkenerzeugung ihren Ursprung hat: Im Tanz. Die Möglichkeit der Tanzenden, sich in der Körperbewegung gleichsam aus ihrer Verwurzelung herauszudrehen, hat den Bildhauer zeitlebens fasziniert. Es wundert daher nicht, dass er mit seiner „Tänzerin“ von 1912 berühmt wurde, die noch im gleichen Jahr als erste moderne Skulptur von der Nationalgalerie erworben wurde. Seine Begeisterung für den Tanz, seine Freundschaft für Tänzer und Tänzerinnen des expressionistischen Ausdruckstanzes, des Russischen Balletts und des amerikanischen Modern dance, wird in der Ausstellung gespiegelt durch zahlreiche Fotos, Briefe und Zeichnungen, die auch einen wichtigen Hinweis darauf geben, dass der Bildhauer des bewegten Augenblicks eigentlich ein ausgebildeter Zeichner war.

In weiteren Räumen wird seine Zeitgenossenschaft beleuchtet, und Künstlerfreunde wie Schmidt-Rottluff oder Kollegen wie Barlach zeigen in Schrift oder Bild ihre Verbundenheit. Auf diese Weise er-muntert, kann der Besucher sich zum Schluss auch den etwa 60 Porträt-Büsten gegenüberstellen, die eigentlich den Eingang zur Ausstellung bilden. Der bedeutendste Bildhauer der Weimarer Republik lässt hier an den bekannten Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft erkennen, dass auch ein Gesicht den Tanz seiner Zeit spiegeln kann. Also, werter Herr Puschkin, hier haben tatsächlich nicht „Ignoranten“, sondern Könner mit „geneigter Hand“ ein „berühmtes Porträt“ gezeichnet. Geht also. Ein eigener Besuch für eine persönliche Annäherung kann deswegen empfohlen werden.

Ottmar Fischer

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, 14055 Berlin
www.georg-kolbe-museum.de
Öffnungszeiten: Täglich 10-18 Uhr. Dauer: Bis 1. Mai

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