Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

28.03.2014

Die arme Poetenherberge

BVV beschließt neues Bilbiothekskonzept

Die neue Bücherei soll ins alte Kaufhaus, für Friedenauerinnen und Friedenauer zu weit. Foto: Thomas Protz

Vor rund vierzig Jahren bezog Max Frisch mit Bedacht in Friedenau eine Wohnung, denn er glaubte, genau hier eröffne sich für ihn durch die räumliche Nähe zu Schriftstellerkollegen wie Günter Grass, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger die Chance zu denkerischem Austausch. Dieses Friedenau übte schon immer und bis heute eine besondere Anziehungskraft gerade auf solche Menschen aus, die Kultur nicht für nebensächlich halten. Das zeigt sich auch an der Beliebtheit der Stadtbücherei im Friedenauer Rathaus. Doch ausgerechnet diese Bibliothek soll nun geschlossen werden, weil hier im kommenden Jahr die Steuerfahndung einziehen will. Dabei ist doch und bleibt die wohnungsnahe Erreichbarkeit von Büchern wegen der Kontaktmöglichkeit mit dem darin auffindbaren Geist die im Wortsinne naheliegende Aufforderung zum gedanklichen Gespräch, insbesondere für kurze oder gebrechliche Beine.

Aber dies ist nicht die einzige Veränderung, die den bezirklichen Bibliotheken bevorsteht. Seit Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) in ihrer Rede zur Verabschiedung des Haushalts angekündigt hatte, dass es ein „weiter so wie bisher“ nicht mehr geben könne. Seither wurde in einem eigens dazu eingerichteten Unterausschuss an einem neuen Konzept für die Bezirksbüchereien gearbeitet, dessen Ergebnisse nun der BVV zur Beschlussfassung vorgelegt wurden. Grundlage der Überlegungen war die nüchterne Sicht auf die Faktenlage. Und daraus geht hervor, dass es der bezirklichen Angebotspolitik in den vergangenen Jahren nicht gelungen ist, die Attraktivität der Bibliotheken in einer Weise zu verbessern, dass diese sich in den Nutzerzahlen niedergeschlagen hätte. Stattdessen ist infolge von unterlassenen Sanierungen und Investitionen bei den Kennziffern „Entleihungen“ und „Besuche“ in der Vergleichsstatistik nun der letzte Platz unter allen Bezirken erreicht worden.

Auferstehen aus Ruinen

Als haushaltslogische Folge davon steht nun ein Defizit von 1,3 Millionen Euro zu Buche. Der daraus folgende Handlungsbedarf erhält seine besondere Dringlichkeit aus der Wirkungsweise der Haushaltsmechanik. Danach muss alles, was in dem einen Bereich zusätzlich und ohne Deckung ausgegeben wird, woanders wieder eingespart werden. Denn zusätzliche Mittel sind unter den gegebenen Voraussetzungen nicht zu beschaffen, weder vom hochverschuldeten Land Berlin, noch durch eigene Schuldenaufnahme, die den Bezirken verboten ist. Das Minus muss also wieder weg, koste es, was es wolle. Nach intensiven Beratungen, von deren Zielstrebigkeit und Umfang die Ausschussmitglieder übereinstimmend berichteten, hat es nun im Ergebnis nicht nur allgemeine Handlungsanweisungen, sondern auch konkrete Schlussfolgerungen gegeben.
So soll die Gertrud Kolmar Bibliothek in die nahe Spreewald-Grundschule verlegt werden, wodurch Mietkosten gespart werden. Die Bezirkszentralbibliothek soll zur Vermeidung der hohen Sanierungskosten von der Götzstraße nach Mariendorf verlegt werden, wo es bislang keinen Bibliotheksstandort gibt. Für Marienfelde soll ein Konzept erarbeitet werden, das eine spürbare Mengenentwicklung einleitet, indem sowohl das Medienangebot als auch die Öffnungszeiten verbessert werden. Für Lichtenrade soll die Fahrbücherei reanimiert werden. Der Brecher aber ist der vorgesehene Umzug der Mittelpunktbibliothek in das ehemalige Hertie-Kaufhaus in der Hauptstraße.

Hier soll nicht nur durch einen Flächenzuwachs um ein Drittel das bibliothekarische Angebot erweitert werden. Hier sollen über die Basisversorgung hinaus auch neue Zielgruppen erreicht werden, indem kundenorientierte Angebote angesiedelt werden, weil auch Gruppenräume
zur Verfügung stehen. So ist daran gedacht, Institutionen und Einrichtungen mit eigenen Inhalten für regelmäßige Veranstaltungen zu gewinnen. Hier sollen neben Lesezirkeln für Kinder, Jugendliche und Erwachsene auch Bewerbungshilfen, Sprachkurse und Rechtsberatungen möglich werden. Volkshoch-schule, Kunst- und Musikschulen sollen helfen, hier die Aufenthaltsqualität eines „Kulturhauses“ zu schaffen.

Das könnte in der Tat ein großer Wurf werden. Allerdings kostet das auch erst mal 500.000 Euro mehr, als die Sanierung der Mittelpunktbibliothek kosten wür-de. Die Rechenmeister des Landes Berlin werden nachrechnen, ob diese Investition durch den erwarteten Mengenzuwachs auch wieder hereinkommen kann. Immerhin gibt es erfolgreiche Beispiele. So hat in Erlangen eine erheblich vergrößerte Bibliothek im Glanz ihres erweiterten Angebots im ersten Jahr ihres Bestehens einen Mengenzuwachs von 100% erzielen können. Das lässt hoffen.

Die Beschlussvorlage wurde mit den grün-rot-schwarzen Stimmen einer supergroßen Koalition nach einer optimistisch eingestimmten Debatte angenommen, wenngleich auch unter Kritik von Linken und Piraten. Nun steht das Bezirksamt in der Pflicht der Überzeugungsarbeit gegenüber den Rechenkünstlern des Landes Berlin. Das Schicksal der Friedenauer Bücherei bleibt derweil offen. Weil der Standort im Friedenauer Rathaus nicht erhalten werden kann und außerdem auch keine geeigneten Schulstandorte als Ersatz gefunden werden konnten, sollen nun Kontakte zu außerstaatlichen Institutionen aufgenommen werden, um eine Lösung für den Erhalt zu finden. Und in der Tat könnten durch die Kooperation mit freien Trägern der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren ganz ähnliche und möglicherweise auch noch ganz andere Synergien zum Vorschein kommen, als sie für das geplante Kulturhaus vermutet werden.

Zur Erinnerung: „Die Wahrheit kann man nicht beschreiben, nur erfinden.“ (Max Frisch)

Ottmar Fischer

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