Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

27.03.2020

Die Amis und die Insel

Buchrezension von Ottmar Fischer

Konfetti-Parade zur Verabschiedung der US-Streitkräfte auf der Schloßstraße, 1994. Foto: Archiv Steglitz-Museum

Buchcover mit Foto von einer proamerikanischen Kundgebung.

Nichts bleibt wie es ist. Das wissen wir. Und trotzdem ziehen wir gern auch längere Zeitstrecken zu einem Punkt zusammen, wenn wir eine abgeschlossene Spanne im Gedächtnis speichern wollen. Auf den Punkt bringen, nennen wir das. Dabei verlieren wir leicht aus dem Auge, dass eine historische Wegstrecke aus vielen Punkten besteht, die sich zum Teil sogar widersprechen. Und damit wir das nicht aus Bequemlichkeit vergessen, gibt es die historische Forschung, die alle erreichbaren Punkte in den Blick nimmt und so miteinander verknüpft, dass daraus ein von Logik erhelltes Bild entsteht. Die West-Berlinerin Stefanie Eisenhuth hat sich dieser Aufgabe für die lange Wegstrecke der amerikanischen Militär-Präsenz in Berlin unterzogen. In jahrelanger Forschungsarbeit ist ihr eine detailreiche Untersuchung gelungen, die als Dissertation von der Humboldt-Universität mit summa cum laude ausgezeichnet wurde und nun als mit nüchternen Schwarz-Weiß-Fotos ausgestattetes Buch im Wallstein-Verlag erschienen ist.

In dieser Arbeit geht sie der Frage nach, ob man die lange Anwesenheit der Amerikaner tatsächlich in der Weise auf den Punkt bringen kann, wie das der damalige US-Präsident Bill Clinton aus Anlass der Verabschiedung der letzten 1.500 US-Soldaten am 12. Juli 1994 in seiner Rede vor dem Brandenburger Tor getan hat. Er verknüpfte darin das tapfere Eintreten der West-Berliner für die Werte der Freiheit mit dem Ost-Berliner Aufstand am 17. Juni 1953, erinnerte an das gemeinsame Ausharren mit den Piloten der Luftbrücke und den Panzerbesatzungen am Checkpoint Charlie, und stellte fest, dass nun endlich das Ziel all dieser gemeinsamen Mühen er-reicht sei. In Anlehnung an die berühmten Worte seines Vorgängers Kennedy zu Hundert-tausenden vor dem Schöneberger Rathaus: „Ich bin ein Berliner“, schloss er dann: „In all their names, I say America steht an Ihrer Seite, jetzt und für immer.“

In dieser für die Schulbücher wie für den politischen Tageskampf gleichermaßen geeigneten Meistererzählung gibt es einen einzigen zur Strecke verlängerten Punkt, der das Geschehen bestimmt haben soll: Die amerikanische Präsenz als am Ende erfolgreiche Unterstützung im ausdauernden Kampf der West-Berliner für die Freiheit. Doch lässt sich diese Geschichte wirklich so linear erzählen? Oder hat es neben vielen Hochs und Tiefs innerhalb der Beziehung nicht auch zahlreiche Veränderungen und Entwicklungen rundherum um diese Geschichte gegeben, die ihrerseits Bedingungen geschaffen haben, die am Ende jene gefeierte Wiedervereinigung in Freiheit ermöglicht haben?

Der Wahrheit auf der Spur

Stefanie Eisenhuth geht dieser Frage nach, indem sie die gesamte Wegstrecke noch einmal abschreitet. Sie erzählt von den ersten Tagen der Ankunft als Besatzungsmacht mit den festen Plänen zur Umerziehung, von den strengen Verhaltensvorschriften für die GIs und der Art ihrer Einweisung in Filmen und Vorträgen, von der Enttäuschung der Bevölkerung über das feindselige Verhalten und dem mühseligen Prozess der Annäherung durch die Anforderungen der Realität. Und sie erzählt vom Entstehen des West-Berlin-Mythos als gemeinsamer Schöpfung mit den Amerikanern in der durch die sowjetische Besatzungsmacht hervorgerufenen Bedrohungslage, wodurch aus dem Kriegsgegner die Schutz-macht wurde und aus dem ganzen Berlin ein halbes, eine Insel als Frontstadt und ein Schaufenster der Freiheit, wie ein beliebter Terminus lautete. Sie schildert die Alltagsgeschichte dieser Zusammenarbeit und die vielen offiziellen und privaten Anstrengungen zur Befestigung der entstandenen Freundschaft. Und sie weiß diese Entwicklungen für den Leser anschaulich zu machen, indem sie aus Tagebüchern und Briefen zitiert und sogar auf die Aussagen von US-Veteranen aus Interviews zurückgreift, die sie selbst bei ihrem Forschungsaufenthalt in den USA geführt hat.

Darüber hinaus nutzt sie die amerikanischen und deutschen Archive, weiß in allen Phasen der Entwicklung amerikanische und deutsche Presseberichte zur Illustration einzusetzen und hat stets die Ergebnisse von Meinungsumfragen zur Hand, die von Anfang an durch amerikanische Dienststellen durchgeführt wurden, um die Stimmungslage der Bevölkerung und ihre Haltung zu Einzelfragen zu erkunden. Und sie kennt die Fachliteratur, wie sie in umfangreichen Anmerkungen zu erkennen gibt. Dabei ist für den Genießer hervorzuheben, dass auch Links zu Internetseiten angeboten werden. Beispielsweise kann der interessierte Leser an jener Text-stelle, wo unter Bezugnahme auf einen Bericht des „Spiegel“ die „Spendiermüdigkeit“ der West-deutschen für das ewig wehklagende Schaufenster Berlin besprochen wird, über den in einer Anmerkung notierten Link einem gemeinsamen Auftritt der Berliner „Stachelschweine“ und der Münchner „Lach- und Schießgesellschaft“ beiwohnen. Es ist sogar vermerkt, dass der auf die Textstelle bezogene Sketch zwischen den Minuten 18 und 30 der Wiedergabe anzutreffen ist.

Weder die Franzosen, die als „arme Besatzer“ eher belächelt wurden, noch die Engländer, deren Wirken eher in ihrer westdeutschen Besatzungszone Spuren hinterlassen hat, konnten dem Glamour der amerikanischen Heldenerzählung etwas Vergleichbares an die Seite stellen, stellt die Autorin fest. Und die ging so: Um der Freiheit willen gingen die Europäer einst nach Amerika, und um der Freiheit willen kehren sie nun als Amerikaner nach Europa zurück. Und die West-Berliner sahen sich nun mit erleichterter Begeisterung in diese Erfolgsgeschichte der amerikanischen Nation einbezogen, noch dazu an exponierter Stelle als Vorposten der Freiheit in einer bedrohten Insellage. Darüber hinaus gab es neben der ethnischen und kulturellen Nähe zu den Nachfahren der gemeinsamen  Vorfahren für viele Amerikaner gerade in Berlin auch Anknüpfungspunkte in der Stadtgeschichte selbst. Denn in der allgemeinen Vorstellung sowohl der GIs als auch  der amerikanischen Berichterstatter war die  Modernität des Berlins der  zwanziger Jahre durchaus kompatibel mit der Erlebniswelt amerikanischer Großstädte. Und das hatte nun auch für die West-Berliner Folgen: Keine Stadt Europas wurde derart umfassend amerikanisiert.

Der Mythos verblasst

Doch nach zwanzig Jahren Glamour-Geschichte trübte sich die mythische Erzählung  ein. Und auch das bringt die Autorin detailliert zur Sprache. In der bleiernen Zeit des Kalten Krieges waren viele westdeutsche Jugendliche zugezogen, die den Überlebenskampf der Halbstadt nicht am eigenen Leibe erfahren hatten und die den Mauerbau bereits als Bestandteil der friedlichen Koexistenz der Blöcke ansahen. Für sie war angesichts der atomaren Bedrohung  die Notwendigkeit einer internationalen Rüstungsbegrenzung bewusstseinsprägend, die neue Ostpolitik der Bundesregierung war ihnen wichtig. Und auch für die Berliner hatten Transitabkommen und Besuchsregelungen für Erleichterung gesorgt. In die neu aufgekommene Hoffnung auf weltpolitische Entspannung passte aber der von amerikanischer Seite mit grausamer Härte geführte Vietnamkrieg überhaupt nicht. Und so entzündete sich an diesem Widerspruch sowohl in den USA als auch in Deutschland  eine breite Protestbewegung, die in West-Berlin auch zu gemeinsamen Aktionen mit hiesigen GIs führte.

Bekanntlich wurde aus den anfänglichen Studentenprotesten eine breite antiamerikanische Bewegung mit Anschlägen gegen militärische Einrichtungen und mit Todesopfern. Doch trotz aller Aufregung in der Berichterstattung blieben die Amerikaner stets bestens darüber informiert, dass bis zum Mauerfall die Zustimmungswerte für die amerikanische Truppenpräsenz nie unter 70-80% lagen. Allerdings zeigte die neu entstandene Umwelt- und Friedensbewegung der siebziger und achtziger Jahre insofern Wirkung, als nun auch wieder gemeckert wurde. Die Häuserkampfübungen in Kreuzberg störten plötzlich, die Manöverschäden im Grunewald wurden beanstandet, die Baupläne für amerikanische Familienwohnungen im Naturschutzgebiet Düppel stießen auf jahrelangen Widerstand. So muss als Fazit dieser interessanten Studie zur Deutungsgeschichte der amerikanischen Truppenpräsenz in West-Berlin vielleicht festgestellt werden, dass es am Ende einfach die historische Notwendigkeit war, die alles zu einem guten Ende brachte.

Ottmar Fischer


Stefanie Eisenhuth
Die Schutzmacht
(Die Amerikaner in Berlin 1945-1994)
Wallstein Verlag, 38 Euro

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