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31.10.2020

Der vergessene Friedhof

Von Rita Maikowski. Wer durch das schmale schmiedeeiserne Türchen neben dem größeren Tor auf das Grundstück gelangt, befindet sich von einem Moment zum nächsten in einer anderen Welt. Stille. Ungezähmte Natur.

Foto: Rita Maikowski

Foto: Rita Maikowski

Foto: Thomas Thieme

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Foto: Thomas Thieme

Foto: Thomas Thieme

Foto: Thomas Thieme

Windschiefe Kiefern, zerzauste Tannen, mächtige Eichen und Buchen, umrankt von Efeu, Heckenrosen, Brombeergestrüpp, dazwischen lichte Birken und - jetzt im Herbst - leuchtend rotes Weinlaub. Weitere zahlreiche andere Sträucher und Gewächse, deren Namen dem der Botanik weniger Kundigen zwar unbekannt sind, aber trotzdem Auge und Seele erfreuen. Ein kleines Naturparadies, bei dem der Gedanke, dass Fuchs und Hase sich hier zur Nacht verabschieden (oder ihr Wesen treiben), nicht ganz fern ist.  

Der Friedhof am Priesterweg (Eingang am Matthäifriedhofsweg) wird seit Jahren mehr oder weniger sich selbst überlassen. Inmitten von gepflegten und gehegten Kleingärten erobert sich hier die Natur ihr Terrain zurück. Verlässt man den von Linden gesäumten Mittelweg und streift rechts oder links davon durch das Gelände, findet man hier und da verwitterte, überwucherte Grabsteine, teils noch aus dem 19ten Jahrhundert.

Verblasste Inschriften erinnern an Namen, manchmal ganzer Familien, die Gräber sind nicht mehr erkennbar. Ab und zu trifft man aber auch auf ein nicht vergessenes Grab mit frischen Blumen. Weite Teile des Geländes muten parkähnlich an, vereinzelt stehende Bänke laden ein, Ruhe und Mystik des Ortes auf sich wirken zu lassen.

Der ehemals evangelische Friedhof verzeichnete 1899 die erste Beerdigung. Er wurde ursprünglich als „Neuer St.-Matthäus-Kirchhof“ 1895/1896 angelegt, da eine Erweiterung des „Alten St. Matthäus-Kirchhofs“, gelegen auf der roten Insel zwischen Großgörschen- und Kolonnenstraße, mangels verfügbarer Grundstücke nicht möglich war.  

Die größtenteils wohlhabenden Gemeindemitglieder, reiche Kaufleute, Künstler, Wissenschaftler und höhere Beamte, zeigten jedoch wenig Interesse an dem eher abgelegenen kleinen neuen Friedhof. Monumentale Grabstätten und eindrucksvolle Mausoleen wie auf dem „Alten St.-Matthäus-Kirchhof“ sucht man insofern hier vergebens. Für die Gemeinde ergaben sich daraus wirtschaftliche Probleme, sie veräußerte den Friedhof nach dem 1. Weltkrieg an die Stadt Berlin. Damit wechselte er seinen Namen in „Friedhof Priesterweg“ oder auch „Friedhof Schöneberg IV“. Seitdem stand er auch für nichtchristliche Bestattungen zur Verfügung. Davon zeugen heute noch einige Grabsteine auf dem Gelände links des Mittelgangs.

1938 musste ein Teil des Friedhofsgeländes für die Pläne der Nationalsozialisten, Berlin zur Welthauptstadt Germania umzubauen, abgetreten werden. Im Bereich des heutigen Bahnhofs Südkreuz sollte ein gigantischer Südbahnhof entstehen, für die Gleisanlagen wurden Flächen benötigt. Dieses Schicksal ereilte auch andere Berliner Friedhöfe, die betroffenen Grabstätten wurden größtenteils auf den Südwestkirchhof Stahnsdorf umgebettet.  
 
Nach dem 2. Weltkrieg sollte der Friedhof Priesterweg wieder an Bedeutung gewinnen. Aber selbst trotz Aufforstung rentierte sich der städtische Friedhof für den Bezirk Schöneberg nicht. Nach einem Beschluss wurden ab 2005 Beerdigungen nicht mehr zugelassen, ab 2035 gilt der Friedhof als aufgelassen, d.h. das Grundstück kann anderweitig genutzt werden. Die 1895 nach Plänen des Architekten Paul Egelin erbaute, denkmalgeschützte Kapelle wurde 2013 versteigert, umgebaut und wird als Wohnhaus, mittlerweile mit einem Anbau genutzt.   

Üblicherweise werden entwidmete Friedhöfe in Grünanlagen umfunktioniert, aber auch andere Nutzungen sind nicht ausgeschlossen. Diesem ca. 20.000 qm großen Naturkleinod am Priesterweg wäre zu wünschen, dass es ohne große Eingriffe, mit behutsamer, minimaler Pflege, einfach so bleibt wie es ist, sich weiter zu einer kleinen Wildnis entwickelt und damit Lebensraum für Tiere, Insekten und das zu schätzen wissende Bürger bietet -  mitten im Kiez.

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