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30.09.2018

Der Stellvertreter

Ein christliches Trauerspiel von Rolf Hochhuth, Fassung für das Schlosspark Theater von Philip Tiedemann

Mario Ramos, Georg Preusse, Winfried Peter Goos, Martin Seifert. © DERDEHMEL/Urbschat

„Ich arbeite nach dem Gesetz, das Thomas Mann formuliert hat. Man soll sich nichts ausdenken, sondern aus den Dingen etwas machen.“ (Hochhuth)

Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“, ein „christliches Trauerspiel“, wie er es nennt, hat eine lange Vorgeschichte, die in ein Konvolut von 360 Buchseiten mit bis zu 45 Figuren mündete. 1963 wurde es in West-Berlin im Theater am Kurfürstendamm unter der Regie von Erwin Piscator uraufgeführt – damals befand sich dort das Haus der Freien Volksbühne. Diese Aufführung führte zum Protest des Vatikans mit der Forderung, gegen das Drama vorzugehen, da es die Rolle des Vatikans im Nationalsozialismus negativ darstellt. Es kam zu internationalen diplomatischen Verwicklungen, die sogenannte „Stellvertreter-Debatte“ entbrannte.

Worum war es gegangen in der Debatte zwischen Papst Pius XII., nach katholischem Dogma der Stellvertreter Gottes auf Erden, und den Nationalsozialisten? Pius XII. hatte sich damals der Kritik an Hitler verweigert: Wenn Gott schon die Ungeheuerlichkeit der Judenvernichtung zuließ, sollte wenigstens sein Stellvertreter auf Erden einschreiten, sprich: bei Hitler intervenieren. „Der Papst hat sich, obwohl dem Vernehmen nach von verschiedenen Seiten bestürmt, zu keiner demonstrativen Äußerung gegen den Abtransport der Juden aus Rom hinreißen lassen“ schrieb 1943 der deutsche Botschafter im Vatikan, und zwanzig Jahre später resumierte Hannah Arendt: „Die Frage, die Hochhuth aufwirft, ist sehr legitim: Warum hat der Papst nie öffentlich gegen die Verfolgung und schließlich den Massenmord an den Juden protestiert? Er kannte die Einzelheiten ...“.
Regisseur Philip Tiedemann erstellte eine abgespeckte Fassung des Dramas, eine sogenannte Strichfassung, die im Schloßpark-Theater jetzt Premiere hatte. „Unsere Fassung verdichtet das Stück auf acht Szenen für sieben Schauspieler und eine Schauspielerin. Die Fragen nach dem Abgrund des Holocaust, der Moral einer Gesellschaft, einem christlichen Selbstverständnis und einer Einheit Europas mögen sich dabei kristallisieren und aktuell gestellt werden.“ (Programmtext).
Hochhuth erfand die Figur eines fiktiven Paters, der die Rolle des Mahners übernahm, jedoch da-mit scheiterte und schließlich anstelle eines verurteilten Juden ins Konzentrationslager ging und dort umkam – ein weiterer Stellvertreter.
Die acht Szenen des Stücks laufen sehr statisch ab: Personen treffen sich, diskutieren miteinander, der Vater mit dem Sohn, der Kardinal mit dem Papst, mit dem Pater. Ein Offizier tritt auf, ab und zu läuft eine Frau über die Bühne, deren Funktion sich nicht so ganz erschließt. Gleißendes Licht wird abgelöst von dämmrigem, ständig wird umgeräumt, werden Wände verschoben, wie ein Kontrast zu den wenig bewegten Figuren. Sie stehen und diskutieren: wie wird sich der Papst zur Judenfrage verhalten, wird er protestieren? Was können sie tun, um ihn zu beeinflussen?
Am Ende wird das Publikum vom Schluss überrascht: soll man klatschen, ist es zu Ende?
Ein sprödes Stück in einer spröden Inszenierung. Man hätte sich eine lebendigere Vorführung gewünscht, eine mitreißendere.  
Rolf Hochhuth nahm persönlich neben den Darstellern viel Beifall entgegen.

Sigrid Wiegand