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26.11.2014

Der Stadtpark Schöneberg und die Eiszeit

Über Senken, Falten, Rinnen, Toteislöcher, Endmoränen, Rodelberge, Milchhäuschen, Steinpils-Kuren, Notausgänge, Todesbahnen, Sonnenhungrige und Bezirksgrenzen.

Die Brücke über die Eiszeit.

An der „Todesbahn“. Fotos: Thomas Protz

In TV-Dokumentationen können wir die Oberflächenverschiebungen unserer Erde, die sich über Jahrmillionen hinweg vollzogen haben, im Zeitrafferverfahren betrachten. Wir hätten das Geschiebe also nicht wie im Fernsehen beobachten können, wären wir damals dabei gewesen. Genau genommen ist es auch immer noch im Gange, wir wissen es nur nicht, wenn wir keine Geologen sind.
Es war die Eiszeit, die die Oberflächenveränderungen auslöste. Das vorrückende Eis schob die Erdmassen vor sich her, bildete Erdhebungen, -senkungen und -faltungen, Gräben und Abflussrinnen, hinterließ Findlinge und Toteislöcher. An seinem Rand entstanden die Moränen, Aufschüttungen von Gesteinsmaterial und Sand, die uns in unserem Umkreis kleine Erhebungen wie zum Beispiel den Fichtenberg in Steglitz oder den Kreuzberg hinterließen und auch den Mühlenberg, an dem unser Rathaus erbaut wurde.
Die ersten Ansiedlungen befanden sich im sogenannten Urstromtal, einer gewaltigen Entwässerungsbahn der Schmelzwässer am Ende der letzten Eiszeit. Eine schmale Abflußrinne zog sich in südlicher Richtung über das heutige Schöneberg und teilte sich schließlich in eine Kette kleiner Seen auf, deren letzter der Ententeich vor unserem Rathaus ist. Diese Niederung, das sogenannte Fenn, zieht sich 2,5 Kilometer lang als Grünzug nach Westen über den Volkspark Wilmersdorf bis zum Stadtring.

Schnee von gestern
Als Schöneberg im dreizehnten Jahrhundert gegründet wurde, war das natürlich längst alles Vorgeschichte, im wahrsten Sinne des Wortes Schnee von gestern. Das galt übrigens auch schon für die Sueben, deren kulturelle Reste man bei Ausschachtungen in der Hauptstraße fand und ins 1.-3. Jahrhundert datierte, bevor sie westwärts ins Ländle weiterzogen. Nicht auszudenken, mer würde hier alle schwäbisch schwätze!

Bei uns in Schöneberg können wir ganz nah am Geschehen sein, wenn wir uns unseren Stadtpark ansehen. Ob wohl um 1900, als der Stadtbaurat Friedrich Gerlach in seinem Bebauungsplan für Schöneberg eine Parkanlage konzipierte, noch jemand an die Eiszeit dachte, wenn man mit dem morastigen Untergrund zu kämpfen hatte, ebenso wie 1908-10 beim Bau der U-Bahn? Immer wieder wurde das Gelände von Absackungen bedroht, Bauten und auch der Hirschbrunnen drohten im Untergrund zu versinken und mussten mit Eichenpfählen verankert werden. Mit riesigen Sandmassen wurde der 30 Meter tiefe Sumpf aufgefüllt und trocken gelegt, wozu man den ausgehobenen Sand für den U-Bahnbau verwendete. Da die Eichenpfähle nach fast hundert Jahren zu faulen begonnen hatten, mussten sie zwischen 1995 und 2005 durch Betonpfähle ersetzt werden.

Kurpark ohne Kur
Für die Gestaltung des Parks wurde 1906 ein Wettbewerb ausgeschrieben, seine endgültige Form setzte sich aus einer Kombination verschiedener Wettbewerbsbeiträge zusammen. Es sollte einen landschaftlichen Teil und einen repräsentativen Teil geben, und so ist es bis heute geblieben: um den Hirschen herum haben wir den repräsentativen sogenannten Kurpark mit Balustraden, Brunnen und Milchhäuschen, in dem es auch Kaffee gibt und vielleicht auch die Ingredienzen für wenigstens eine, die sogenannte Steinpils-Kur: ein Pils - ein Steinhäger ...
Der landschaftliche Teil beginnt mit dem Ententeich, dem Relikt aus der Eiszeit, und erstreckt sich Richtung Westen als lange – und oft feuchte – Wiese in einem Tal mit erhöhten Rändern, das noch die uralte Schmelzrinne erkennen lässt und den Kindern  Rodelhänge bietet. Spielplätze wollte man ihnen hier aber nicht bauen, es sollte um Ruhe und Naturbeobachtung gehen!

Beide Parkteile werden durch die U-Bahnlinie 4 und die Carl-Zuckmayer-Brücke voneinander getrennt. Die nun allerdings ist gar keine Brücke, obwohl sie wie eine Brücke aussieht und auch so heißt. Es ist die Innsbrucker Straße, die hier den Park überquert und gleichzeitig die Decke des U-Bahnhofs Rathaus Schöneberg bildet, der auf der Parkebene liegt, nachdem die Züge aus ihrem unterirdischen Tunnel herausgekommen sind, in den sie hinter dem Bahnhof auch wieder eintauchen.

Einen zweiten Ausgang in der Innsbrucker Straße auf der anderen Seite des Parks hat man sich gespart und stattdessen einen Notausgang in den großen Glasscheiben direkt in den Park hinein angelegt. So brauchte man nicht noch einmal mit der Bauerei anzufangen, nachdem seit dem Feuer im Jahr 2000 im U-Bahnhof Deutsche Oper, der auch nur einen Ausgang besaß, jeder U-Bahnhof zwei Ausgänge haben muss!

Es war in Schöneberg ...?
Einstmals Stadtpark Schöneberg, heißt er seit 1963 Rudolph-Wilde-Park nach dem ersten Schöneberger Bürgermeister seit der Eingemeindung Schönebergs in Groß-Berlin im Jahre 1920, der seinen Namen für den Rathausvorplatz gegeben und an John F. Kennedy verloren hatte, der sich einst selbst zum Berliner ernannte. Aber wenn ich vom Stadtpark Schöneberg rede, weiß jeder, was ich meine. Wirklich jeder?
Der Stadtpark Schöneberg bereitete mir große Überraschungen, als ich seiner Geschichte nachzuspüren begann. Er ist nicht das, was ich zeitlebens dachte! Wenn ich als Kind mit dem Rodelschlitten die „Todesbahn“ herunter kariolte, diesen aus heutiger Sicht eher rührenden Hügel am Spielplatz, glaubte ich mich in Schöneberg. Weit gefehlt: ich war in Wilmersdorf! Wir kamen von der Prinzregentenstraße, hinter uns der Volkspark Wilmersdorf, vor uns der Stadtpark Schöneberg - dachten wir damals, und das dachte ich auch noch vor kurzem. Ein Blick in die Stadtgeschichte belehrte mich eines anderen: die Grenze zwischen Schöneberg und Wilmersdorf bildet an dieser Stelle die Kufsteiner Straße - der Rodelberg, der große Spielplatz, das Restaurant Pusteblume, die anliegenden Häuser - alles, was man von der Prinzregentenstraße aus in Richtung Osten sehen kann, liegt in Wilmersdorf! Schöneberg beginnt am RIAS-Haus.
Der Stadtpark Schöneberg meiner Kindheit liegt also in Wilmersdorf. Bei Umfragen stellte ich fest, dass auch anderen diese Tatsache nicht so genau bekannt ist. Manche halten sogar die Bundesallee für die Grenze zwischen Schöneberg und Wilmersdorf, und im Netz fand ich - horribili dictu! - bei Ytti.de tatsächlich ein Foto vom Ententeich am U-Bahnhof Rathaus Schöneberg unter der Überschrift „Volkspark Wilmersdorf“ ...

Allerdings war der Wunsch der Schöneberger Altvorderen nach Ruhe und Naturbeobachtung, ohne Sport und Kinderlärm, durch den großen Wilmersdorfer Spielplatz – ja, ergänzt, konterkariert? worden. Denn auch dort hatte man große Pläne. Der Wilmersdorfer Obergärtner Thieme gestaltete 1913 anschließend an den fertigen Schöneberger Park das Gelände zwischen der Kufsteiner und der Prinzregentenstraße als Spielwiese mit dem Spielplatz als östlichstem Punkt. Erst die Wiese jenseits der Prinzregentenstraße bis zur Kaiserallee (heute Bundesallee) war mit Blumenrabatten und Holzbänken für die ruhebedürftigen Erwachsenen vorgesehen.
Heutzutage sitzen und liegen sie überall im Rudolph-Wilde-Park und im Volkspark Wilmersdorf, die ruhebedürftigen Erwachsenen. Bei schönem Wetter sind die Wiesen gesprenkelt mit Sonnenhungrigen. Die Zeiten, in denen die Deutschen sich nicht auf den Rasen trauten und deshalb auch keine Revolutionen anzettelten, sind vorbei.

Sigrid Wiegand

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