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22.09.2022 / Orte und Plätze

Der Pianosee, die Kunst und der Regen

Von Elfie Hartmann. Die Potsdamer Straße in Schöneberg ist wohl als eine der gegensätzlichsten Straßenzüge Berlins zu bezeichnen. Man entdeckt auch als Berliner immer wieder Neues.
Foto: Elfie Hartmann

Kommerz und Flaniermeile, das scheint unvereinbar, doch sie hat eben viele Facetten zu bieten, ist man nur interessiert genug, ihrem Verlauf weiter zu folgen. Die Straße, später „Alte Potsdamer Straße“, führt bekanntlich, vorbei an der Neuen Nationalgalerie direkt zum Potsdamer Platz mit dem Sony Center, den Arkaden, Hotels und Museen. Hier befinden wir uns im Bezirk Tiergarten. Es lohnt, zuvor einfach schon mal hinter der Brücke über den Landwehrkanal geschritten, kurzentschlossen rechts abzubiegen.

Hochhäuser versus Natur
Am weithin sichtbaren Hyatt Hotel (Haupteingang) in die Eichhornstraße eingebogen, duftet es „fast hörbar“ dann tatsächlich nach Regenwasser, das von hier aus in einem schilfumrandeten betonierten Becken geführt seinen Anfang nimmt. Es fließt leise plätschernd neben der Straße direkt zum anschließenden Marlene-Dietrich-Platz. Vorbei am Spielkasino und dem bekannten Stage Musical Theater, wo das klare Wasser mittig, parallel zum weitläufigen Eingangsplateau, unterirdisch „verschwindet“. Ab hier ist es verdeckt unter einer ebenerdigen, kaum wahrgenommenen, 20 Meter langen, ca. ein Meter breiten überschreitbaren Metallüberbrückung. Darunter verborgen plätschert das Wasser plötzlich als sanfte wasserfallartige Gegenströmung direkt aus dem Pianosee. Über die zuführende Brücke geschritten, ist man unversehens am Theaterufer, wo sich auch der Bühneneingang zum StageTheater befindet.
Der Pianosee (Namensgeber ist der italienische Star-Architekt Renzo Piano) ist ein mit Regenwasser gespeistes Gewässer, das wichtige Funktionen erfüllt. Es hält das Regenwasser als Hochwasserschutz zurück zur Nutzung und langsamen Ableitung. Für das Stadtklima wirkt er dazu ausgleichend auf Temperatur, Luftfeuchte und Staubentwicklung. Die Reinigungsbiotope sind ein wichtiger Teil eines ökologischen Reinigungskonzeptes. Auf einer kleinen Informationstafel ist der Vorgang zeichnerisch präzise dargestellt. Eine Vielzahl großer Karpfen schwimmt im glasklaren Wasser umher. Enten sind zeitweilig zu Gast, und die Schildkröten, die manchmal gleich kleiner Bronzefiguren auf einem der drei großen Steine direkt in die Mitte des Sees platziert scheinen, sind echt und sonnen sich eben nur zeitweise. Dreistufige Treppen am Ufer entlang führen terrassenförmig zum See und laden ganz nahe am Wasser unkompliziert zum Sitzen ein. Normale Sitzbänke sind natürlich auch vorhanden.

Skulptur versus Installation
Unübersehbar innerhalb der ansprechend angelegten Außenlandschaft aber ist gleich nahe der Brücke im See verankert, die monumentale Skulptur „Galileo“, geschaffen von dem Künstler Mark di Suvero. Die Installation aus Stahl gehört zur Daimler Kunst Sammlung. Auf der Terrasse am Uferrand befindet sich, nach diversen vorangegangenen Restaurationen, zur Zeit das „Viet Bowl“ mit Innen- und Außenplätzen und bietet vietnamesische Küche. Linksseitig des angelegten Sees ist ein Restaurant mit original israelischen Speisen.
Fast unbemerkt bleibt sicherlich oft die so genannte „WindSpiegelWand“ an einer Hausfassade am gegenüberliegendem Ufer. Der, mittlerweile weltberühmte, dänische Künstler isländischer Herkunft hat sie geschaffen: Olafur Eliasson. Er lebt in Kopenhagen, wo er auch studierte, und in Berlin. Seine Installationen sind weltweit in Museen zu sehen und zu erleben. Er spielt überwiegend mit den Elementen, korrespondiert durch seine Kunstinstallationen mit den Menschen und ist im Grunde nicht vergleichbar als Künstler. Er ist Erfinder, Designer, Architekt und Konstrukteur in einem, begeistert weltweit. Seine emotionale Heimat aber ist Island. Der Vater ist Isländer, die Mutter Dänin. In der Weite der isländischen Landschaften entstanden auch die meisten seiner Projektideen. Seine Obsession für Licht bringt er immer wieder in ausgeklügelten Installationen zum Ausdruck.
So spielt er auch hier am Pianosee wieder erlebbar mit den Elementen. Der Wind und die wechselnden Lichtverhältnisse verleihen seiner Fassadeninstallation permanent ein anderes Gesicht. Durch die Bewegung seiner einzelnen Spiegelelemente entsteht manchmal eine Art geheimnisvolles Rauschen, ein zitterndes Rascheln oder auch nur leises Knistern, jeweils nach Windrichtung hörbar.

Künstler versus Erfinder
Er wird auch der Künstler des Unmöglichen genannt, denn er verzaubert sein Publikum weltweit mit seinen oft verblüffend ausgeklügelten und raffiniert gearbeiteten Werken. Er animiert den Betrachter gern zum direkten Einschreiten und Mitwirken. Das sorgt nicht selten für einiges Aufsehen und gleichzeitig für eine freudige Teilnahme. Und zwar durch Mitwirkung von Besuchern aller Altersklassen. Er will die Kunst zum Menschen bringen. Schon früh zeichnete er sich durch große Experimentierfreude und Geduld aus. So ist sein Studio in Berlin gleichzeitig auch Labor. Physikalische Phänomene in der Natur versteht er künstlerisch umzusetzen. Immer wieder mischt er Licht mit Schatten. Seine Licht- und Spiegelinstallation am Pianosee vermag jeden Betrachter zu fesseln. In vergangenen Jahren war der See im Rahmen des Festival of Lights ein Ort farbig beleuchteter Wasserfontainen und faszinierender Lichtspiele, die auch seine Fassade jenseits des Theaterufers wiederum völlig verändert erscheinen ließ. Da der etwas versteckte Platz Tag und Nacht offen zugänglich ist, wirkt das Kunstwerk auch ohne Lichtquellen jeweils entsprechend unterschiedlich. Es widerspiegelt sich im See oder bewegt sich bei Windstille vorübergehend auch mal gar nicht, was allerdings selten vorkommt. Da diese offen gestaltete Naturlandschaft sehr großzügig angelegt ist, ist es dort auch meistens extrem windig. Hier erfährt man also, nahezu überraschenderweise, Natur (fast) pur. Und zwar mitten im Herzen von Berlin.

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