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25.11.2015

Der Oboist als Feinmechaniker und Filigrantechniker

Zwanzig Uhr im Konzerthaussaal, Geraune, Stimmengewirr, Lachen, Wispern, Räuspern. Plötzliche Stille: Der Konzertmeister mit seiner Geige im Arm ist aufgestanden und blickt in das Orchester.

Stilleben mit Oboe und Kater. Foto: Hartmut Ulrich

Dann erklingt ein klarer Ton, ein reiner Ton, vielleicht etwas klagend, aber doch wunderschön. Sie ist es: Die OBOE (franz. Hautbois). Sie gibt jetzt den Kammerton a vor, nach dem das gesamte Orchester einstimmt. Sie ist das zierliche schwarze Holzblasinstrument aus Eben-, Buchsbaum- oder Grenadillholz, das mit silbernen Klappen versehen ist und an dessen Ende ein doppeltes Rohrblattmundstück sitzt. Viele kennen sie als quakende Ente aus Prokofjiews „Peter und der Wolf“, manche kennen auch ihren „engelhaften“ Ton, wenn sie im Adagio von Mozarts „Grand Partita“ erscheint. Als Englischhorn in Bachs „Matthäus Passion“ ist sie gleich in doppelter Besetzung zu hören. Barockmusikliebhaber kennen sie auch als  „Oboe d’amore“, weshalb sie mitunter auch spöttisch als „Liebesknochen“ bezeichnet wird.

Kein Zuhörer aber kennt die Mühen des Oboisten, das Mundstück für sein Instrument herzustellen, es im Konzert ständig feucht zu halten und dann noch durch gekonntes Blasen zum Schwingen zu bringen und diese wunderbaren Töne zu erzeugen. Wie sagte doch der große Johann Mattheson (Hamburger Komponist und Capellmeister und guter Freund von Georg Friedrich Händel) im Jahre 1713:
„Man hat sich Insonderheit Bey Hautbois auff gute Röhre zu richten, und die beste Maitres pflegen sie sich selber nach ihren Maul zu machen, weil ein gutes Rohr halbes Spiel ist.“

Daniel Wohlgemuth wohnt mit seiner musikalischen Familie hier in Friedenau. Er ist Oboist am Konzerthausorchester Berlin und gleichzeitig der eigene Werkzeugmacher für seine Mundstücke.

SZ: „Wie wird ein solches Mundstück hergestellt, und wie lange dauert diese Arbeit?
D.W.: Alle Arbeitsschritte bei der Herstellung eines Oboenrohres zusammengerechnet, also vom Aushobeln, Fassionieren und Schaben bis hin zum Einspielen und feinen Nacharbeiten des neuen Mundstücks, kommen schon etliche Stunden zusammen. In den Schubladen hinter dem Mundstücketui können Sie ja die Fülle meiner feinmechanischen Werkzeuge dafür erahnen.

SZ: Knarcks, Knirsch“ machte es neulich in Ihrem Zimmer. Die junge Katze des Sohnes hat das in stundenlanger Handarbeit entstandene wunderbare Rohrblatt-Mundstück als Zahnübung zerkaut. Was war Ihr erster Gedanke? Zurückbeißen, Katze an die Wand werfen, oder was sonst ?
D.W.: Da war ich schon sehr wütend, aber leider auch ohnmächtig. Zumal das nicht die erste und einzige Zerstörungsaktion unseres Katers gewesen war. So ein kleines Raubtier hinterlässt eben schon einige Spuren in der Wohnung. Andererseits konnte ich letztlich noch froh sein, dass er nur EIN Mundstück und nicht eine ganze Serie zerstört hat. Und inzwischen „zahnt“ er auch nicht mehr.

SZ: Aber jetzt zu Ihrer Profession. Warum wurden Sie „Oboist“?
D.W.: Ich stamme aus einer sehr musikalischen Familie. Sonntags wurde im Radio immer eine Kantate von Johann Sebastian Bach gehört. Und dabei hat mich besonders die Oboe mit ihrem weichen und geschmeidigen Klang fasziniert. Im Alter von 10 Jahren konnte ich dann auf einer Musikfreizeit in meiner alten Heimat die Oboe einmal probieren, und schon war die Entscheidung gefallen. Also übte ich immer fleißig, und später bot sich die Möglichkeit zum Orchesterspielen an, und dabei ist es geblieben. Seit 2004 spiele ich im Konzerthausorchester Berlin und kann hier die Liebe zum Instrument und den Beruf glücklich verbinden.

SZ: Wie sieht Ihr Leben als Orchestermitglied aus? Ist es nicht schön, abends zu arbeiten, zu feiern und morgens lange auszuschlafen?
D.W.: Jeder Langschläfer denkt: Prima, so möchte ich leben. Aber die Wirklichkeit ist anders: Klar, nach einem gelungenen Konzertabend kann man feiern und sich mit den Kollegen austauschen und freuen; und man kann am Morgen danach ausschlafen. Aber nur in diesem Fall. Ansonsten heißt es auch: vormittags Konzertprobe, Üben. Einen festen Tagesrhythmus gibt es nicht.

SZ: Lieblingskomponisten haben Sie natürlich auch?
D.W.: Eine feste Rangfolge gibt es nicht, und ich kann nur eine kleine Auswahl nennen. Da ist Johann Sebastian Bach, der große Tonmeister, der womöglich von allen Komponisten am meisten Werke komponiert hat, bei denen die Oboe (und ihre nächsten Verwandten, die Oboe d’amore und die Oboe da caccia) solistisch eingesetzt sind. Des Weiteren würde ich Gustav Mahler nennen, dessen Musik bisweilen aus überirdischen Sphären zu erklingen scheint. Aber schon im nächsten Moment klingt sie ganz irdisch, geradezu profan und trivial. Diese ungemein vielschichtige Tonsprache fasziniert mich sehr.

SZ: Zum Schluss bitte noch einige Worte zum Leben in Friedenau:                                                         D.W.: Wir sind vor 11 Jahren hierher gezogen. Hier wohnen nicht nur einige Musikerkollegen, sondern auch viele Menschen wie wir, die die Vielfalt des Lebens, die kleinen Geschäfte, das schulische Umfeld, die unterschiedlichen gastronomischen und vor allem kulturellen Angebote schätzen. Seit einiger Zeit bin ich auch Mitglied im Verein „Südwestpassage“, der die jährliche „Kultour“ und andere interessante kulturelle Aktivitäten in Friedenau organisiert. Nicht zuletzt  gefällt uns die opulente Verkehrsanbindung Friedenaus in alle Gegenden Berlins und des Umlandes.

Übrigens: Am 13.12.2015 um 11.00 und um 15.00 Uhr gibt es für Familien im Konzerthaus die Geschichte „Peter und der Wolf“  als amüsante Persiflage für Sprecher und Orchester: In einer fiktiven Gerichtsverhandlung muss sich der inzwischen aus dem Zoo entwichene Wolf wegen der gefressenen Ente verteidigen. Als Zeugen treten die an der Geschichte beteiligten Personen  als witzig gespielte Instrumente – natürlich auch die Oboe – auf.

Das Gespräch führte
Hartmut Ulrich

Konzerthaus Berlin
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