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26.05.2022 / Orte und Plätze

Der mit‘m Bart

Von Ottmar Fischer. Man stelle sich einmal vor, es käme jemand auf die Idee, den Namen Schöneberg ersetzen zu wollen, weil der frühere Mühlenberg für den Rathausbau abgetragen wurde oder weil das namengebende Dorf nicht mehr vorhanden ist.
Foto: Elfie Hartmann

Die Empörung wäre sicher allgemein. Unmut kommt jedoch auch auf, wenn wieder einmal ein Platz oder eine Straße umbenannt werden soll, weil irgendeine politische Opportunität es so will. Schließlich muss man sich dann wieder mal umgewöhnen in einer Welt, die einem ohnehin schön ständig neue Anpassungen abverlangt.

Am 24. März war es wieder mal soweit. Im Beisein von gleich drei Stadträten enthüllte Bezirksbürgermeister Oltmann (Grüne) das neue Straßenschild „Richard-von-Weizsäcker-Platz“, mit dem der gute alte Kaiser Wilhelm als Bezeichnung ersetzt wurde und wohl auch politisch endgültig abgesetzt werden sollte. Denn wir leben nicht mehr in einer Monarchie wie zur Zeit des Reichsgründungskaisers, sondern in einer Republik. Und unter den Präsidenten der Bonner Bundesrepublik ragt der nun republikanisch Geadelte durch seine Gedenkrede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes im ersten Jahr seiner Präsidentschaft hervor. Darin bezeichnete er zum Erstaunen der Weltöffentlichkeit den 8.Mai 1945 erstmals als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“. Und fünf Jahre später wurde er zum Gründungspräsidenten im wiedervereinigten Deutschland.

In der beschlussfassenden Sitzung der BVV vom Januar 2021 war der Vorschlag allerdings nicht in allen Fraktionen auf Zustimmung gestoßen. Die AfD wollte den angemessenen Ort für eine solche Ehrung eher ins Regierungsviertel nach Mitte verlegen, die Linke wollte gleich gar keinen Bezug des Geehrten zu Schöneberg feststellen, obwohl er doch unmittelbar vor seiner Präsidentschaft als Regierender Bürgermeister von West-Berlin im Schöneberger Rathaus seinen Amtssitz hatte, und die SPD erregte sich in der damaligen Debatte besonders darüber, dass entgegen der Beschlusslage der BVV wieder einmal ein Mann mit einer Namensgebung geehrt werden sollte.
Ganz unbeachtet blieb in der Debatte aber mal wieder, was wohl die ursprünglichen Bewohner dazu sagen würden, denn die Schöneberger Bauern waren wie ihre  Berufsgenossen im ganzen Land durchweg kaisertreu und verbanden die Regentschaft von Wilhelm I. mit der Erfahrung eines langanhaltenden Friedens und mit wachsendem Wohlstand. Sie hätten daher mit Sicherheit gegen eine Umbenennung gestimmt. Aber die Ahnen haben in dieser Stadt des ständigen Umbaus ohnehin keine Fürsprecher. Und so geht durch die politisch wohlfeile Namensänderung wieder einmal ein Stück Erinnerungskultur verloren, indem den wehrlosen Vorfahren besserwisserisch über den Mund gefahren wird.

Es bleibt nun zu hoffen, dass die Bevölkerung sich irgendwann mit der Umbenennung aussöhnen wird und insofern auch dem Geehrten nacheifert, der ein unermüdlicher Verfechter der Aussöhnung mit den Völkern Osteuropas gewesen ist, wie der Bürgermeister in seiner Ansprache auf dem Platz ins Gedächtnis rief. Die SPD hatte im Zorn über ihre Abstimmungsniederlage in der BVV ihren Eifer für die Durchsetzung ihrer Forderung nach mehr Sichtbarkeit von Frauen durch die bevorzugte Namensgebung von Straßen und Plätzen nach Frauen sofort verstärkt. Gleich in der nachfolgenden BVV-Sitzung im Februar hatte sie eine umfangreiche Liste mit ihr für eine Ehrung geeignet erscheinenden Frauen vorgelegt und nachfolgend auch geeignete Örtlichkeiten benannt. In der aktuellen April-Sitzung hat sie nun für den eingezäunten Grünbereich am Spielplatz Gleditschstraße die Benennung nach der Komponistin Ursula Maniok vorgeschlagen, die zwar weitgehend unbekannt ist, dafür aber den Vorzug der Weiblichkeit aufweist. Sollten nun also nach und nach immer mehr weibliche Namen auf Straßenschildern auftauchen, so ist bestimmt der Tag nicht mehr fern, an dem auch die SPD sich mit dem Namen Richard von Weizsäcker auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz aussöhnen wird.

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