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10.12.2020

Der kurfürstliche Garten in Schöneberg

Von Ottmar Fischer Als die Welt noch schlichter gestrickt war, wuchs der Blumenschmuck im eigenen Gartenstück gleich vor oder hinter dem Haus, wo er neben den Küchenkräutern und der bescheidenen Hausapotheke aus erprobten Gewächsen gegen Husten und Fieber seinen aufmerksam gepflegten Platz hatte. Das war auch im Dorf Schöneberg nicht anders, höchstens etwas weniger üppig als in den Gegenden mit besseren Böden, von denen die Siedler im 13. Jahrhundert ausgezogen waren, um hier in der Mark ein Auskommen für ihre Familien zu finden.

Das Dorf Schöneberg in einer Radierung von F. Calau. Und das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten über allem, collagiert von Thomas Thieme.

Als im Jahre 1506 das gesamte Dorf in das Eigentum des kurfürstlichen Landesherrn Joachim I. übergegangen war, wird im Dorfkrug so manches böse Wort über die hohen Abgaben und häufigen Dienstverpflichtungen  gefallen sein, denn auf den erbuntertänigen 14 Vollbauern und den 7 Kleinbauern ohne Rechte an der gemeinschaftlichen Feldflur („Kossäten“) lasteten hohe Abgaben, zu denen neben den „Kontributionen“ noch Spannpflichten und Hofdienste hinzutraten, von dem willkürlich erhobenen „Kavalleriegeld“ oder den „Kriegsfuhren“ ganz zu schweigen. Da blieb so manchem Familienmitglied nichts weiter übrig, als mit Erlaubnis „fremde Dienste“ zu nehmen oder sich als Tagelöhner durchzuschlagen. Und mancher wird froh gewesen sein, wenn sich eine bezahlte Anstellung wenigstens in der Nähe ergab, etwa eine Fußstunde entfernt im landesherrlichen Hofgarten.

Dieser im Jahre 1573 von Kurfürst Johann Georg auf der heutigen Museumsinsel angelegte Obst- und Küchengarten verwilderte zwar im Dreißigjährigen Krieg, wurde aber auf Anordnung des Großen Kurfürsten im Jahre 1646 neu und größer wieder hergerichtet, womit eine beispiellose Entwicklung der einheimischen Gartenkultur einsetzte. Es entstand sogar ein Gewächshaus, Springbrunnen wurden angelegt, Statuen aufgestellt. Es gab auch bereits einen botanischen Abschnitt, der sich den medizinisch wirksamen Pflanzen widmete und vom Leibarzt des Kurfürsten betreut wurde. Es gab zudem Fischteiche und Obstplantagen, und natürlich war der beliebte Buchsbaum im Zeitgeschmack zurechtgeschnitten, so wie wir das heute noch im Charlottenburger Schlossgarten besichtigen können. Doch musste bereits im Jahre 1679 ein bedeutender Teil am Zulauf des Kupfergrabens in die Spree einer Bastion für die neue Festungsanlage der Stadt weichen, und nach und nach verfiel auch der übrige Teil, bis schließlich unter dem Soldatenkönig ein Paradeplatz daraus wurde. Allerdings hatte die Gartenkultur inzwischen ein neues Quartier gefunden, und zwar in Schöneberg.

Aufbruch nach Schöneberg

Durch die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges war auch in Brandenburg der Ackerbau so stark zurückgegangen, dass selbst die kurfürstliche Tafel auf Anlieferungen aus Hamburg, Braunschweig oder Leipzig angewiesen war. Es musste also dringend Abhilfe geschaffen werden, und der Kurfürst höchstselbst hatte dazu eine passende Idee. Denn auf seinen Feldzügen und Reisen war er ein großer Kenner und Liebhaber von Gärten geworden, hatte viel Neuartiges besonders in jenen Gegenden gefunden, deren Gärtner wie am Niederrhein infolge der Anbindung der Seestädte an den Fernhandel bislang gänzlich unbekannte Pflanzen kennen und ziehen gelernt hatten. Und das betraf sowohl Zier- als auch Nutzpflanzen, aus Amerika wie aus Asien. Er brachte also viele Anregungen mit nach Hause, wozu auch die Kartoffel aus Südamerika gehörte, die fortan im Schlossgarten gezogen wurde, lange bevor der Alte Fritz sie schließlich per Anweisung zur Ernährungsgrundlage der Mark machte.

Der ebenfalls im Krieg stark verwüstete Hopfengarten bei seinem Dorf Schöneberg bot Friedrich Wilhelm nun die Gelegenheit, die frisch erworbenen Kenntnisse zu erproben. Und er widmete sich dieser Aufgabe fortan mit wahrer Leidenschaft. Er schaffte das Bier-Deputat für seine Bediensteten ab und richtete auf der nun für den Hopfenanbau nicht mehr benötigten Fläche ein wahres Experimentierfeld für einen Garten nach dem Muster all dessen ein, was er nach seiner Überzeugung an weit Besserem zu sehen bekommen hatte. Ein anschauliches Bild von der Entstehung und Geschichte dieses mustergültigen Gartens in der Gegend des heutigen Kleistparks hat uns sein letzter Direktor Ignaz Urban hinterlassen, der nach über 300 Jahren Glanz-zeit das letzte Kapitel des Gartens durch seine Verlegung nach Dahlem selbst aufschlug. Er schreibt  über den Eifer des Großen Kurfürsten, und den weitaus geringeren Eifer der zur Arbeit zwangsverpflichteten Bauern muss man sich dazudenken:
„Er ließ aus Holstein den damals berühmten Küchengärtner Michelmann kommen, welcher die erforderlichen Anlagen machen musste. Da der Grund und Boden noch sehr nass war, so wurden an den beiden langen und an der der Stadt zugekehrten Seite tiefe Längsgräben gezogen, welche mit Fischen bevölkert wurden. An der Straßenseite wurden die notwendigen Gebäude errichtet, und es entstanden vier kleine Teiche, die mit Baumgruppen abwechselten. Den bei weitem größten Teil des Gartens durchzogen zwei sich kreuzende, breite Wege; die dadurch entstandenen vier Abschnitte waren durch schmalere Pfade in Gemüsebeete abgeteilt, an deren Enden je ein Obstbaum gepflanzt wurde.

Zur Bewirtschaftung des Gartens legte ihm der Kurfürst von den benachbarten Dörfern die nötigen Hofdienste zu, gab aus seinem Marstalle, welcher auch einige hundert Fuhren Dung zu liefern hatte, zwei Pferde und auch einen Knecht her, und kaufte zwei zwischen dem Potsdamer und Halleschen Tore auf dem sogenannten Töplitz gelegene Wiesen an, deren Heu für die Unterhaltung der Pferde bestimmt war. Der Aufenthalt in diesem vom Geräusche der Stadt entfernten Mustergarten wurde dem Kurfürsten von Tag zu Tag angenehmer; hier säete, pflanzte und pfropfte er mit eigener Hand. Aus Holland, England, Frankreich und Italien ließ er Samen, lebende Pflanzen und junge Bäume kommen und Versuche mit verschiedenen Sorten Weinreben anstellen; selbst nordamerikanische Bäume, wie Platanen-, Eichen- und Ahornsorten wurden damals schon eingeführt. Besonders bemühten sich die brandenburgischen Gesandten an den auswärtigen Höfen durch Zusendung seltener Gewächse seine Gunst zu erringen. Die Kulturen im kurfürstlichen Küchengarten übten auf das ganze Land den segenreichsten Einfluss aus. Der ganze Adel beeiferte sich damals um die Wette, nach dem gegebenen großen Beispiele seine Obst- und Küchengärten einzurichten; von denselben brachte es in Einführung neuer Gewächse und Obstsorten der Feldmarschall von Derfflinger nach dem Kurfürsten am weitesten.“ Und auf diese Weise verbreitete sich das neue Wissen und Können  schließlich über die gesamte Mark.

Es folgt in unserer nächsten Ausgabe: Vom kurfürstlichen zum botanischen Garten.

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