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1.12.2021

Der Kleistpark wird saniert

Nichts bleibt wie es ist. Das gilt für Naturräume ebenso wie für Menschenwerk. Von Ottmar Fischer.

Fotos: Thomas Thieme

Folglich müssen wir immer dann, wenn wir etwas erhalten wollen, die drohenden Veränderungen durch Arbeitsaufwand verhindern, oder wenn die Veränderungen bereits eingetreten sind, müssen wir sie durch Anstrengungen rückgängig machen. Bei Wiederherstellungsmaßnahmen stehen wir aber stets vor der Frage, welchen der bereits vergangenen Zwischenzustände wir eigentlich restaurieren wollen. Diese Frage stellt sich aktuell auch für den Kleistpark, weil die letzten Erhaltungsmaßnahmen bereits aus dem Jahre 2008 datieren, und die Natur bekanntlich nicht danach fragt, wie wir es denn gern hätten. So ist durch Wildwuchs und Vernachlässigung beträchtlicher Sanierungsbedarf entstanden, der nunmehr in Angriff genommen werden soll.
Aus diesem Grund lud die aus dem Amt scheidende Umweltstadträtin Heiß (Grüne) am 8. November zu einem Rundgang durch den Park ein, um die aktuellen Vorüberlegungen zu den Einzelmaßnahmen vorzustellen.

Etwa 50 Parkbegeisterte hatten sich dazu eingefunden und nutzen die Gelegenheit, um mit Fragen und Anregungen am Gestaltungsprozess teilzuhaben. Doch wird dazu Ende Januar eine eigens zu diesem Zweck geplante Veranstaltung in der nahen Sophie-Scholl-Schule stattfinden, in der die ersten Planungsergebnisse auch anhand von Anschauungsmaterial vorgestellt werden sollen.
 
Der Spaziergang begann an den imposanten Eingangs-Kolonaden, deren begleitende Hecke durch eine Kombination aus Rosen und Lavendel ersetzt werden soll. Und damit stellt sich bereits hier die Frage nach der Grundidee der Neugestaltung, wenn nicht alles nur Flickwerk werden soll. Könnte etwa der auf diesem Gelände über 200 Jahre bestehende Botanische Garten Vorbild sein, wenigstens in diesem Restteil und in Anklängen? Dagegen spräche allerdings die historische Unvereinbarkeit der Kolonaden mit der Gartengeschichte, denn ihr Umzug von der Königsbrücke hierher fand in der Kaiserzeit genau zu dem Zeitpunkt statt, an dem der Botanische Garten von hier nach Steglitz an seinen heutigen Standort verlegt wurde. Auch das gläserne Palmenhaus, das einst für die Berliner Ausflügler des 19. Jahrhunderts eine Hauptattraktion darstellte, könnte an seinem alten Platz nicht neu entstehen, denn dort befindet sich heute das ebenfalls in der Kaiserzeit entstandene Gebäude des Kammergerichts, das in der Nachkriegszeit der Sitz des Alliierten Kontrollrats war. Oder sollte etwa an den hier vom Großen Kurfürsten angelegten Hopfengarten angeknüpft werden, oder an die nachfolgenden Küchen- und Kräutergärten?

Unter historischen Gesichtspunkten sind das alles keine wirklich überzeugenden Optionen. Stadträtin Heiß gab denn auch bekannt, dass in dieser Hinsicht eine Entscheidung vom Landesdenkmalpfleger bereits getroffen worden sei. Denn die im Jahre 1945 auf Initiative der amerikanischen Besatzungsmacht erfolgte Neugestaltung des Geländes sei wegen der historischen Sondersituation der damaligen Zeit zum schutzwürdigen Gartendenkmal erhoben worden. Aufgabe sei daher die Wiederherstellung dieses „Gartendenkmals der Moderne“ durch die Bereinigung der Defizite, die zum Teil auch auf „missbräuchliche Nutzung“ zurückzuführen seien. Dazu ist festzuhalten, dass bereits vor zwei Jahren hier im Park  durch die Einrichtung eines Parkläufer-Teams mit einer festen Anlaufstelle erste Versuche unternommen worden sind, die durch eine ausufernde Party-Szene verursachten Beeinträchtigungen mit all ihren Begleiterscheinungen wie Vermüllung, Drogenhandel und Sexarbeit einzudämmen, und zwar durchaus erfolgreich, wie Stadträtin Heiß bekanntgab.

Erneuerung  nutzerfreundlich
Doch neben Schäden durch menschliche Willkür sind auch natürliche Ursachen anzugehen. Dazu gehören Wildwuchs und die Auswirkungen der Dürrejahre. Allein in den letzten drei Jahren sind im Bezirk über 2000 Bäume verlorengegangen. Entsprechend sind auch hier im Park viele Bäume schlichtweg verdurstet. Eine gute Nachricht war daher die Ankündigung, dass im Zuge der Sanierungsmaßnahmen auch das unterirdische Bewässerungswerk aus den alten Zeiten wieder hergestellt und im Zusammenhang mit dem vorhandenen Tiefbrunnen wieder aktiviert werden soll. Das wird den noch aus der Zeit des Botanischen Gartens stammenden Baumbestand hoffentlich retten helfen.

Wie von den Fachleuten des Grünflächenamts und der mit der Sanierung beauftragten Gartenarchitektin Henningsen erläutert wurde, sollen zudem an zwei der ursprünglich drei Stellen der ringförmigen Umwallung des zentralen Rasenovals wieder Sitzmöglichkeiten für einen erhöhten Rundblick geschaffen werden. Die eine soll an der inzwischen mit Moos überwachsenen Steinfigur einer ruhend Schauenden  entstehen, die andere an der gegenüber liegenden Seite, wo jenseits der Anhöhe die Flächen für die neugeschaffenen Spiel- und Sportanlagen aus dem Gartengelände  herausgeschnitten wurden. Außerdem soll rundum der Wildwuchs entfernt und durch insektenfreundliche Waldstauden ersetzt werden. Der wuchernde Eibenbestand soll wie schon zuvor bei der Sanierung des Friedenauer Perelsplatzes zurückgeschnitten werden. Und ein umlaufendes Staudenband soll den bewaldeten Bereich vom Rundweg abgrenzen, während der zentrale Rasen durch einen Ring aus kleinwüchsigen Kiefern eingefasst werden soll, die nur 1,20m groß werden.

Die entstandenen Trampelpfade sollen behutsam geordnet werden, auch der Joggingpfad auf der Wallhöhe bleibt bestehen. Das Hundeauslaufgebiet auf der einen Seite des Kammergerichts und der Kinderspielplatz auf der anderen Seite bleiben erhalten. Es entstehen dagegen nirgends Wildblumenwiesen, weil der allgegenwärtige Rasen als Bestandteil des Gartendenkmals definiert ist. Auch die beiden Rossebändiger sollen nicht wieder an ihren ursprünglichen Standort am Stadtschloss zurückkehren, sondern als Teil der nun denkmalgeschützten Gesamtkonzeption des Jahres 1945 an den Flügeln des Kammergerichts erhalten bleiben. Bleibt nur zu hoffen, dass im Zuge der Sanierungsmaßnahmen auch das Hinweisschild am Eingang nicht vergessen wird. Darauf ist  von dem unglücklichen Adalbert von Chamisso zu lesen, dass er im einstigen Botanischen Garten als „Pflanzenaufseher“ Beschäftigung gefunden hat, was zwar richtig ist. Doch falsch ist die Schreibweise seines Vornamens, der hier wie auch bei Wikipedia fälschlicherweise mit Adelbert angegeben ist, was wohl einfach abgeschrieben wurde, statt das eigene Stadtarchiv oder die eigene Bildung zu bemühen.

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