Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

31.10.2012 / Menschen in Schöneberg

Der Klang der Himmelsleiter

Ein Portrait des Kantor der evangelischen Kirchengemeinde Zum Guten Hirten, Gerhard Löffler.
Gerhard Löffler an der Orgel. Foto: privat

Wir leben in einer Zeit der Verdinglichung und der Relativierung, wovon sogar die Werte nicht ausgenommen sind. Doch die Menschen hoffen wie schon zu den großen Zeiten religiöser Sinnsuche auf Zeichen, die der Seele einen festen Stützpunkt bieten. Existenzielle Krisen rufen uns immer wieder ins Gedächtnis, dass wir „von Voraussetzungen leben, die wir selbst nicht geschaffen haben“, wie der ehemalige Verfassungsrichter Böckenförde so treffend gesagt hat. Wir bleiben daher auf der Suche nach einem festen Halt, von dem aus wir Orientierung gewinnen können. Wir suchen trotz aller materiellen Absicherungen nach einem Ort, der nicht von dieser Welt ist, besonders, wenn wir leiden.

Ein schönes Bild für diese Suche nach einem „absoluten Element“, das der „Relativierung und Verwirrung ein Ende“ zu setzen imstande ist, wie der Religionsforscher Mircea Eliade formuliert, ist die biblische Erzählung von Jakobs Traum auf seiner Brautwerbungsreise: Jakob „kam zu einem Ort, da blieb er über Nacht; denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein des Orts, und legte ihn zu seinen Häupten, und legte sich an demselbigen Ort schlafen. Und ihm träumte; und siehe, eine Leiter stund auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel stiegen dran auf und nieder.“ Und Gott selbst stand zuoberst und sprach: „Ich bin mit dir, und will dich behüten.“

Nun sind derlei Offenbarungen in unserer Welt nicht mehr Bestandteil unserer gewöhnlichen Erfahrung. Aber wenn sich kein Zeichen offenbart, so muss es eben beschworen werden. Und es ist die musikalische Tonleiter, die noch in den Kirchen unserer Zeit Jakobs Himmelsleiter wieder lebendig macht. In der Kirche Zum Guten Hirten am Friedrich Wilhelm Platz finden seit Juni jeden Mittwoch um 18.30 Uhr Orgelkonzerte bei freiem Eintritt statt, die wohl auch wegen der gut fassbaren Dauer von einer halben Stunde in einem Maße besucht werden, das auch die Organisatoren überrascht hat. Es sind jedes Mal über hundert Personen, die dort dem Klang der Orgel auf der Himmelsleiter folgen. Und die Zuhörer kommen aus allen Altersschichten, um jenen „absoluten Stützpunkt“ zu erspüren, der Kraft für die Auseinandersetzung mit der Verworrenheit der Welt bietet.

Von Tönen getragen

Nun gibt es auch nicht zwei gleiche Orgeln, sodass jeder Organist sein Instrument erst kennenlernen muss, um die vorgegebenen Noten in dem inszenierten Klangraum zur Entfaltung zu bringen, doch es gibt natürlich Ähnlichkeiten. Zum Spiel schaltet der Musiker vom Spieltisch aus eine oder mehrere Pfeifenreihen, die von jeweils gleicher Bauart und Klangfarbe sind und zu einem Register zusammengefasst werden. Die Tonfolge wird auf der meist dreistöckigen Tastatur mit den Händen und auch mithilfe der Füße auf Pedalen am Boden aufgerufen. So lassen sich auf vielfache Weise unterschiedliche Tonansätze, Tonhöhen, Klangfarben und Lautstärken miteinander kombinieren, sodass vom lieblichsten Schalmeienklang bis zum donnernden Schwingen eines Bass-Tremolos so ziemlich alles möglich ist, was das nach Erquickung lechzende Herz zu hören begehrt.

Initiator der Orgelkonzerte ist Gerhard Löffler. Im Gespräch mit der Stadtteilzeitung bekennt er seine große Begeisterung für seine Orgel, die er seit seinem Amtsantritt als Kirchenmusikdirektor der Gemeinde im März diesen Jahres immer mehr zu schätzen gelernt habe. Diese Orgel stamme aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, führt er aus,  als im Orgelbau die romantisierenden Klangarten wieder zurückgedrängt wurden. Deswegen erzeuge diese Orgel aus der weltberühmten Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke einen gewissermaßen neobarocken Klangraum, ohne den katholischen Weihrauchklang, mit kühl protestantischem Anruf der Fülle. Er freue sich auf jedes neue Konzert, weil er es liebe, gerade an dieser Orgel zu spielen. Und wir wollen anfügen, dass er sein Fach auch beherrscht. Bereits im Alter von zwölf Jahren begann er mit dem Orgelunterricht. Nach Privatunterricht bei Professor Lücker in Frankfurt durchlief er an der dortigen Hochschule für Musik den Studiengang für evangelische Kirchenmusik mit Ausbildungsgängen für Chorleitung, Orchesterleitung und Gesang. Es schlossen sich ein Studienaufenthalt in New York und der Erwerb des Diploms in künstlerischer Ausbildung für Orgel in Stuttgart an. Und es folgten Preise bei Orgelwettbewerben, sowie Auftritte an berühmten Spielstätten wie St. Nicolai in Leipzig oder Carnegie Hall.

Wer wenigstens 10 Euro nicht scheut, kann noch eine andere  Kunst dieses Musikers am Sonntag, den 25. November, um 18 Uhr im Guten Hirten mit eigenen Augen und Ohren erleben: Unter seiner Leitung spielen Friedenauer Kantorei und Orchester „Ein deutsches Requiem“ von Brahms. Zu Gast sind Barbara Krieger (Sopran) und Daniel Kotlinski (Bariton).

Ottmar Fischer

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden