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13.10.2021

Der Golem – Geister, die ich rief …

Von Maria Schinnen. 29. Oktober 1920. Die Berliner strömen in den UFA-Palast am Zoo, wo der neue Film von Paul Wegener und Carl Boese „Der Golem, wie er in die Welt kam“ uraufgeführt wird.

Filmplakat der UFA

1.740 bequeme Polster stehen zur Verfügung. Das ansteigende Parkett gestattet von jedem Platz aus einen guten Blick auf die große Leinwand, die eher einer Theaterbühne gleicht. Der hohe luftige Raum macht mit seinen extravaganten Farben - die breiten Balkone sind in Mattlila und Gold gehalten, die Logen in Grün und Gold - einen äußerst geschmackvollen Eindruck. Ein Jahr zuvor war das Lichtspielhaus entstanden und mit modernster Technik ausgestattet. Ein exquisites Orchester in symphonischer Besetzung und eine aufwändige Lichtinstallation begleiten den Film. Noch ist Stummfilmzeit, und der UFA-Palast ist mit seinem Live-Orchester und seiner gigantischen Kinoorgel für die herausragende musikalische Begleitung von Stummfilmen prädestiniert. Alle großen Filme der Universum Film AG (UFA) feiern hier ihre glanzvollen Premieren. Der UFA- Palast stellt alle anderen deutschen Kinos dieser Zeit in den Schatten. Er galt als Flaggschiff, als Institution.

Die Jahre 1920 / 1921 brachten eine ganze Reihe neuer Stumm-filme in die Kinos, darunter gleich drei international gefeierte deutsche Meisterwerke, die noch heute als Meilensteine der Filmgeschichte angesehen werden, „Das Cabinett des Dr. Caligari“ (Februar 1920), „Der Golem, wie er in die Welt kam“ (Oktober 1920), „Nosferatu - Eine Sinfonie des Grauens“ (1921). Alle drei gelten als Klassiker des Expressionismus.

Was versteht man darunter?

Der Expressionismus war eine künstlerische Stilrichtung der Jahre 1905 bis 1925, die alle Kunstgattungen, Malerei, Bildhauerei, Literatur, Musik, Film, erfasste und revolutionierte. Er war die Antwort auf eine Zeit, die vom industriellen Fortschritt und wirtschaftlichen Aufschwung geprägt war. Das führte zu einem völlig veränderten Denken. Ökonomie, Funktionalität und Effizienz wurden wichtiger als alles Menschliche. Maschinen übernahmen die Macht, drängten den Menschen in den Hintergrund, ersetzten ihn. Er wurde Teil einer unheimlichen Maschinerie, die den Takt vorgab, ihn beherrschte und bedrohte, zum Objekt degradierte. Der Expressionismus (von expressio: Ausdruck) war ein Aufschrei dagegen. Doch nicht nur das: Er war auch das Aufbegehren gegen formelhaft erstarrte Konventionen, gegen ein dekadentes, erschlafftes Bürgertum, gegen autoritäre, diktatorische Strukturen. Der Expressionismus wollte den Menschen selbst, seine Emotionen, seine Psyche, seine Erlebnisse und inneren Vorgänge wieder in den Vordergrund rücken. Jede Gattung fand ihre eigene Sprache. Die Malerei entfernte sich von allem Äußeren, ignorierte die reinen Sinnesfreuden des Impressionismus, hob  die traditionelle Perspektive auf, reduzierte Formen und Motive, grenzte sie scharf gegeneinander ab und stellte sie plakativ, typisierend mit ungemischten Farben dar. Die Musik experimentierte mit extremen Tonlagen und Lautstärken, Dissonanzen, weiten Melodiesprüngen, freier Rhythmik. Die Literatur wurde von Themen wie Krieg, Großstadt, Zerfall, Angst, Ich-Verlust beherrscht. Bildhauer suchten die Komprimierung auf das Menschliche, schufen Urbilder menschlicher Emotionen. Der expressionistische Film konzentrierte sich auf das Problem des Ausgeliefertseins, schuf Menschen, die von einer unheimlichen Macht oder einer Maschine bestimmt werden. Auch „Der Golem, wie er in die Welt kam“ griff diese Idee auf. Die Dreharbeiten fanden in den UFA-Aufnahmestudios Tempelhof statt und dauerten einen Monat, von Mai bis Juni 1920.

Die Handlung

Nach der jüdischen Legende ist der Golem (hebräisch: Klumpen) die Bezeichnung für ein aus Lehm geformtes, menschenähnliches, stummes Wesen, das gewaltige Größe und Kraft besitzt und Aufträge ausführen kann. Der Weise, Rabbi Löw, baut den Golem und erweckt ihn mit Hilfe eines Sterns auf seiner Brust zum Leben. Er soll helfen, Unheil für die jüdische Gemeinde des Prager Ghettos abzuwenden, welches der Rabbi in den Sternen gelesen hat. Zunächst erweist sich der Golem als durchaus willfährig, hackt Holz, holt Wasser, geht einkaufen. Die Menschen beobachten ihn mit furchtsamem Respekt, sind von seiner physischen Stärke fasziniert. Doch immer häufiger zeigt der Golem auch Emotionen, riecht an einer Rose, wehrt sich zornig, entwickelt Instinkte, die ihn gefährlich machen. Zunehmend wird er zur Bedrohung für das Ghetto. Erst als ein Kind ihm unschuldig einen Apfel reicht, wirkt  er gerührt und glücklich. Ahnungslos zieht das Kind ihm den belebenden Stern von der Brust, er kippt nach hinten und wird zum leblosen Lehmklumpen.  

Die expressionistische Filmsprache des Golem

Der Film wirkt surreal, düster, unheimlich. Spitze Winkel, gekrümmte Linien und grotesk verzerrte Formen prägen das Bild, suggerieren die Enge und Geducktheit, in der die Menschen in ihrem Ghetto leben. Es ist eine künstliche Welt, so künstlich wie der Golem selbst. Die Menschen hausen in einem undurchdringlichen Labyrinth von höhlenartigen, niedrigen Innenräumen, die über dunkle Gänge miteinander verbunden sind. Die Ghettobauten drängen sich eng aneinander, ihre Giebel sind spitz gezackt und nach vorn geneigt. Spitzwinklige Dreiecke herrschen auch in allen anderen Dekoren vor, Berge, Fenster, Türen, Bärte, Hüte. Hell-Dunkel-Kontraste, flackernde Pechfackeln und mysteriöse Schatten tragen zusätzlich zur Düsternis und Beklemmung bei.

Auch die Spielweise der Darsteller wirkt surreal und künstlich: Der Golem, gespielt von Paul Wegener selbst, zeigt mechanische, abgehackte Bewegungen und einen maskenhaft gleich bleibenden Gesichtsausdruck. Damit unterstreicht er seine Andersartigkeit als Puppe und verdeutlicht seine Rolle als Antagonist. Doch auch die Spielweise der übrigen Darsteller ist grotesk übertrieben. Ihre Gesten und Bewegungen sind theatralisch und klischeehaft. Die Massenszenen und stummen Dialoge wirken unheimlich und verschwörerisch.

Ein weiteres expressionistisches Stilmittel ist die Live-Musik. Sie unterstützt die bedrohliche Atmosphäre, verdeutlicht die Gefühle und inneren Vorgänge der Menschen, lässt ihren Charakter lebendig werden, setzt dramatische Akzente. Die ZLB (Landesbibliothek Berlin) hält eine Sonderedition mit vier neuen Soundtracks bereit. Der Hörer kann eine der Neuvertonungen wählen und sich somit seine eigene Filmatmosphäre schaffen. Jede beeinflusst den Gesamteindruck des Films erheblich.

Der Golem war einer der international größten Erfolge des deutschen Stummfilms. In monatelang ausverkauften Vorstellungen war er auch in den Vereinigten Staaten und sogar in China zu sehen.

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