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17.12.2023 / Orte und Plätze

Der eiserne Weg scheitert

Von Ottmar Fischer. Unter dem Titel „Gleisdreieck“ erschien 1960 im Luchterhand-Verlag ein Band mit reimlosen  Gedichten und eigenhändigen Kohlezeichnungen von Günter Grass.
Kohlezeichnung "Spinne" von Günter Grass, aus Gedichtband "Gleisdreieck", 1960. © VG Bild-Kunst, Bonn 2023

Gleich in der ersten Strophe des einleitenden Gedichts „Brandmauern“ betet der Autor seine langjährige Wahlheimat mit den Worten an: „Ich grüße Berlin indem ich / dreimal meine Stirn an eine / der Brandmauern dreimal schlage.“ Und in der Tat ist es für jeden Neu-Berliner ratsam, sich der Spuren der Vergangenheit zu vergewissern, bevor das eigene Werk in Angriff genommen wird, denn so kann die Wiederholung ihrer Fehler vermieden werden. Hier ragten nach den Bomben und Granaten des Zweiten Weltkriegs noch für Jahrzehnte kahle Brandmauern aus einer in Bränden verschwundenen Umgebung hervor. Und der zunächst  schwankende  Neuanfang  musste seine Kraft nicht nur aus der Abkehr von der staatsterroristischen Vergangenheit gewinnen, sondern auch aus der Abwehr der totalitären Verheißungen aus dem Osten der gespaltenen Stadt.

Nun ist das freiheitliche Projekt erneut in Gefahr, diesmal durch den Rückfall Russlands in seine Jahrhunderte prägende Rückständigkeit. Denn der mit List, Tücke und Gewalt sein persönliches Machtstreben mit dem Schicksal seines Landes verknüpfende Putin hat durch seinen Überfall auf die Ukraine  einen Versuch gestartet, die Gewalt als Mittel der Politik aus der Mottenkiste der Geschichte wieder hervorzuholen. Die Ukraine verdient daher unsere Unterstützung nicht nur aus Solidarität mit der notleidenden Bevölkerung, sondern auch um zu verhindern, dass dieses Beispiel alteuropäischer Großmacht-Politik wieder Schule macht. Günter Grass wurde seinerzeit im ganzen Land und darüber hinaus nicht wegen seines Gedichtbands und auch nicht wegen seines ersten Romans „Die Blechtrommel“ bekannt, sondern wegen seiner öffentlichkeitswirksamen Wahlkampfunterstützung für den späteren Kanzler Willy Brandt und die „EsPeDe“. Und noch heute erinnern sich die Friedenauer Nachbarn an die Aufregung in der stillen Niedstraße, wenn der spätere Kanzler in seinem Dienstwagen vorfuhr. Neben dessen historisch gewordenen Ausspruch „Mehr Demokratie wagen“ war es gerade die auf friedliche Koexistenz zielende Erneuerung der Ostpolitik, die Grass zur Unterstützung veranlasste. Und tatsächlich hat es in den 40 Jahren bis zum Ende des Ostblocks wegen der allseitigen Anerkennung des Prinzips der Unverletzlichkeit der Grenzen keinen neuen Weltkrieg gegeben. Und daran muss im Interesse eines dauerhaften Friedens festgehalten werden.

Die Anerkennung der Prinzipien der friedlichen Koexistenz bedeutet freilich auch das Ertragen von Nachteilen. In  den 40 Jahren des „Kalten Krieges“ bedeutete dies sogar die Anerkennung der absurden Stadtspaltung mit allen Konsequenzen. In seinem Gedicht „Gleisdreieck“ aus dem angesprochenen Band heißt es daher treffend: „Gleisdreieck, Sie verlassen sogleich / Gleisdreieck und den Westsektor“. In der Entstehungszeit des Gedichts war eben der Eindruck eines abgebrochenen Lebenszusammenhangs viel deutlicher spürbar als bei einem heutigen Spaziergang durch den jetzigen Gleisdreieck-Park Denn heute ist anhand der erhaltenen Reste des einst riesenhaften Eisenbahn-Betriebs aus Anlagen und Gleisen in drei Richtungen vor allem erlebbar, dass selbst eisern geglaubte Gewissheiten dem geschichtlichen Wandel unterworfen sind. In seinem Gedicht sagt Grass dazu. „Gleisdreieck, wo mit heißer Düse / die Spinne, die die Gleise legt / sich Wohnung nahm und Gleise legt – In Brücken geht sie nahtlos über / und schlägt sich selber Nieten nach / wenn was ins Netz geht Nieten lockert“ Die auf der benachbarten Seite des Gedichtbands abgebildete Zeichnung eines ungeheuerartigen Spinnenkörpers aus stählernen Gerüsten,Viadukten und Gleisnetzen (siehe Foto), gibt diesen Eindruck einer ins Unermessliche gesteigerten Erwartung anschaulich wieder. Und insofern ist zugleich abgebildet, dass nicht nur eiserne und beständig geglaubte Einrichtungen wieder  verschwinden, sondern auch die daran geknüpften Hoffnungen nicht automatisch Bestand haben müssen.

Wer heute vom Gleisdreieckpark aus über die kürzlich als Fuß- und Radwegverbindung eröffnete Yorckbrücke 5 die von den alten Fernbahnlinien nach Dresden und Magdeburg umschlossene Rote Insel anstrebt, der  kreuzt notwendig die  Kolonnenstraße, die in ihrem Namen bereits darauf hinweist, dass in der Kaiserzeit die Kolonnen der Soldaten aus den Berliner Kasernen durch diese Straße  zum Bahnhof Papestraße marschiert sind, wenn es über die „Kanonenbahn“ ins Manöver oder zum Übungsschießen auf die Truppenübungsplätze in der Mark ging. Nur ein unscheinbarer Ensemble-Rest an der Seite des jetzigen Regionalbahnhofs Süd-kreuz, der den alten S-Bahnhof Papestraße nach der Wiedervereinigung ersetzte, erinnert heute noch an den alten Militärbahnhof und die in der Geschichte des Ersten Weltkriegs untergegangene Hoffnung, mit der Kombination von Schiene und Militär den eigenen Großmachtanspruch gewaltsam durchsetzen zu können. Doch haben sich an der General-Pape-Straße einige Gebäude aus jener Hoffnungszeit erhalten, die einst als Kasernen für zwei Eisenbahnregimenter errichtet worden waren, also für Spezialisten der militärischen Logistik auf der Schiene.

Und der namengebende General Pape befehligte nicht nur die Eisenbahnregimenter, sondern sorgte als Stabsoffizier auch für jene minutiöse Zuarbeit auf der Grundlage seiner Fachkenntnisse über Transportkapazitäten und Standorte, die dem deutschen Generalstab die Prognose erlaubte, dass im Falle eines Zweifrontenkrieges aufgrund der schnellen Generalmobilmachung ein schneller Angriff mit überlegenen Kräften im Westen innerhalb von sechs Wochen den Sieg möglich mache, um anschließend die ganze Kraft im Osten einsetzen zu können. Erhalten sind vor Ort auch  die Lokalitäten für die Rekrutierung der Reservisten aus Berlin und Umgebung, die von hier aus mit der eisernen Lokomotive in den eisernen Krieg gezogen wurden. Das Bezirksamt hat vor vielen Jahren bereits einen informativen „Geschichtsparcours Papestraße“ erarbeiten lassen, der auf 14 Stelltafeln Informationen zur Geschichte des Geländes bereitstellt.

Der überarbeitete Begleittext ist im Internet abrufbar unter:
www.geschichtsparcours.de/downloads/Geschichtsparcour-Neudruck_2018.pdf