Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

22.12.2019 / Stadtteilzeitung separat (Zeitungsinhalte)

Der Distelfink (Carduelis Carduelis)

Einer christlichen Sage zufolge saßen diese knapp spatzengroßen Vögel bei der göttlichen Farbvergabe des Federkleides still und bescheiden in der hintersten Reihe und warteten geduldig auf ihre Farbvergabe.
Foto: Hartmut Ulrich

An die Reihe gekommen, war die Farbpalette leer, und so beschloss der Schöpfer, die noch vorhandenen Farbtupfer ausgiebig zu verteilen und aus ihnen eine der buntesten Singvogelarten zu machen: Er verpasste ihnen allen einen goldgelben Bauch, Flügel mit gelben Deckfedern und weißpunktierten Steuerfedern, eine karminrote Gesichtsmaske und - wie es sich gehörte - ein schwarzes Kopfhäubchen. Den Weibchen fehlt aber keine Rippe, sondern bei ihnen endet die rote Gesichtsmaske vor den Augen. Distelfinken besitzen also nur einen schwach ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus (unterschiedliches Aussehen der Geschlechter).
„Goldfinch“ nennen ihn die Bewohner des größten europäischen Geldbörsenplatzes London, „Augsburger Nachtwächter“ wegen dessen Uniformfarben die eher etwas stilleren Bayern; „Chardonneret elegant“ heißt er in Frankreich und als „ Cardellino“ besingen ihn die Italiener. Antonio Vivaldi hat ihm in Opus 10,6 ein Flötenkonzert geschrieben und auch  in den „Vier Jahreszeiten“ mit einer kurzen Violineinlage ein Denkmal gesetzt.
In Mitteleuropa folgen Zungengewandte der lautmalerischen polnischen Bezeichnung  (SZCZYGIEL-Sprechen Sie das mal aus !?)) nur ungern und nennen ihn einfach  STIEGLITZ statt Distelfink. So auch in Friedenau, denn Disteln (Carden) und Blüten mit Samen – ihre Hauptnahrung – sehen wir in den Vorgärten fast nicht, dagegen immer mehr einfallslos und pflegeleicht bepflanzte Bodenflächen, die auch den inzwischen zahlreichen Ratten einen vorzüglichen Unterschlupf bieten.

Stieglitze gelten bei uns als „Standvögel“ und sind gegenwärtig noch nicht als „rote Art“ bedroht. Als Nahrungsspezialisten für Samen verschiedenster Art, vornehmlich der Disteln, verschwinden sie aber allmählich aus monokulturellen agrarischen Räumen und werden zu städtischen  Kulturfolgern. Kleingärten, Parks und Wegränder bieten den tagaktiven und immer rastlosen Vögeln  - vorausgesetzt es gibt nicht nur  Rasenflächen - blumenreiche Nahrung. Hier finden sie auch noch hinreichende Nistmöglichkeiten. In kleinen Gruppen zusammengeschlossen brüten sie im Schutz höherer Bäume. Ihre Nesthygiene ist musterhaft und sollte erwähnt werden: bis sechs Tage nach dem Schlüpfen fressen die Eltern den Jungvogelkot; bis zum 12. Tag wird er aus dem Nest entfernt und danach deponieren die Jungvögel ihren Kot am Nestrand. Das soll mal einer nachmachen!

Unterstützen können Sie die Stieglitze durch Anlegen blumenreicher Flächen und Balkone, durch Vertreiben von Elstern und unangeleinten Katzen, sowie durch samenreiche Winterfütterung in Futterhäuschen. So werden sie am Treiben dieser bunten Vogelschar ihr Vergnügen finden. Aber hüten Sie sich vor dem Erlernen eines Zwiegesangs. So variabel wie Carduelis Carduelis singt kaum eine andere Vogelart. Allenfalls könnten Ihre Kinder ihre Blockflöten hervorkramen und im höchsten Register pfeifen ... Aber was dann die Nachbarn sagen, ist eine andere Geschichte.

Hartmut Ulrich

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