Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

4.11.2014

Der Blick zurück als Staunen

Friedenauer Stadtteilmuseum in der Friedrich-Bergius-Schule zeigt Gesamtschau zum 750. Geburtstag von Schöneberg.

Friedenau-Wappen an der Fassade des Schulturms

Lithografie Sportpark - Was für Zeiten. Im Ballon über der Radrennbahn

Postkarte "Der Sportpark Friedenau" aus der Sammlung des Friedenau-Museums

Das Klingelzeichen zum Unterrichtsende schrillt noch immer so, als ob gleich die Feuerwehr zwecks Brandbekämpfung zum Schultor hineinfahren und gleichzeitig der Schwarm der Lerngefangenen zu einer fernen Sonnenwendfeier hinaus stürmen würde. Doch es bleibt alles ruhig an diesem Tag. Bis sich auf dem breiten Treppenaufgang des Eingangsflurs der Schulchor aufstellt. Und dann schallt es von dort auf die im lockeren Halbkreis aufgestellten Zuhörer zuerst himmlisch, dann irdisch herab, so dass die Musik wie von Zauberhand die Ohren öffnet. Diesen günstigen Moment nutzt Michael Rudolph und ergreift in seiner Eigenschaft als Direktor der Friedrich-Bergius-Schule am Perelsplatz das Wort.

Aus Anlass des 750-jährigen Bestehens von Schöneberg richtet er den Blick auf den Ortsteil Friedenau und eröffnet, gewissermaßen als Geburtstagsgeschenk, die erste Gesamtschau der in fünfjähriger Arbeit und mithilfe zahlreicher Unterstützer zusammengetragenen Bestände des hauseigenen Friedenau-Museums. „Angefangen hat es mit diesem historischen Gebäude“, sagt der Schulleiter. Und in der Tat „ist dieses Haus selbst ein Museum“, wie er ausführt, denn mit seinen 1901/02 entstandenen Säulengängen und schmiedeeisernen Treppengeländern weist es in eine Zeit, als hier noch das Friedenauer Gymnasium beheimatet war.

Egon Bahr ging hier zur Schule, der Erfinder der politischen Maxime vom „Wandel durch Annäherung“. Karl-Eduard von Schnitzler erlernte hier den Gebrauch der deutschen Grammatik, was er später, auf der anderen Seite der Mauer, als Chefkommentator seiner Fernsehsendung „Der schwarze Kanal“ für ideologische Mythenbildung einzusetzen wusste. Und hier übte der spätere Kritiker Friedrich Luft seinen Sprachfluss, was ihn dazu anleitete, die Hörer seiner Rias-Sendung bis zum jeweils nächsten Mal mit der Formel zu verabschieden: „Gleiche Selle, gleiche Welle“.

Da liegt es nahe, diesen weit über Friedenau bekannt gewordenen Ehemaligen eine Ahnengalerie aus großformatigen Fotos auf einem der Flure zu widmen. Und falls jemand unter den Besuchern der norwegischen Sprache mächtig ist, kann er hier auch die Nobelpreisurkunde für den ehemaligen Schüler Friedrich Bergius studieren, die ihm im Jahre 1931 für die Kohleverflüssigung zu Benzin überreicht wurde. Sehenswert sind auch die anderen Stationen seines Lebensweges in dieser zu seinen Ehren eingerichteten „Bergius-Galerie“, die mit dem Geburtshaus des Namenspatrons dieser Schule beginnt.

Die Abstellkammer hat Schätze
In einem ehemaligen Abstellraum wird der Besucher dann anschaulich ins historische Friedenau geleitet. Auf 1200 historischen Postkarten ist die Entwicklung des Ortsteils zu verfolgen. Dazu gehören Ansichten vom damaligen Birkenwäldchen neben der Schule und der „Promenade“ zum Wilmersdorfer See, der im Bauschutt des Wagner-Viertels unterging. Ein vergrößertes Foto zeigt das eingeschossige Landhaus in der Niedstraße Nr. 5, wo die Radiofrequenz GmbH der Brüder Loewe und Manfred von Ardenne ihren Ortsempfänger OE 533 entwickelten, der hier als Original in einem Schaukasten zu sehen ist.

Überhaupt wird dem Besucher beim Rundgang durch den Ausstellungsraum klar, dass Friedenau damals geradezu ein Hort von Gründern gewesen ist, von denen einige sogar den Eintritt in den Weltmarkt schafften. Das gilt vor allem für die optischen Werke C.P. Goerz, deren jugendstilige Fabrikgeschosse noch heute einen attraktiven architekturgeschichtlichen Glanzpunkt in der Rheinstraße setzen, wenngleich die ehemaligen Fertigungsräume nunmehr kleinteilig von den verschiedensten Nachmietern genutzt werden. Zahlreiche Erzeugnisse aus der vielfältigen Produktpalette sind in einem deckenhohen Glasschrank zu bestaunen.
Aber hier wird nicht nur auch an die anderen erfolgreichen Friedenauer Firmengründungen erinnert, wie etwa die Werke Bamberg, Askania oder die Bildgießerei Noack. Hier werden auch Einblicke in die Kulturgeschichte vermittelt. Das gelingt einerseits durch Exponate zur Geschichte der ortsüblichen Werbung, andererseits durch die Präsentation von seinerzeit riesigen Schelllackplatten der aufblühenden Unterhaltungsindustrie. Eine der hinter holzgerahmtem Glas aufbewahrten Verheißungen trägt den schönen Titel: „In Friedenau, da weiß ich eine kleine, süße Frau“. Und da erinnert sich der Besucher natürlich sofort an die Comedian Harmonists, deren Gründung bekanntlich in einer Friedenauer Mansardenwohnung stattfand.

Nicht versäumen sollte der Besucher auch einen Gang zur neuen Turnhalle außerhalb des historischen Schulgebäudes. Denn dort hängen auf dem Flur großformatige Ansichten vom ehemaligen Sportgelände direkt neben der heutigen Schule, mit Radrennbahn und Tennisplätzen. Daneben hängen große Mannschaftsfotos von damaligen Vereinsnutzern. So etwa eines vom Männerturnverein Friedenau, dessen Mitglieder nicht nur in einer Tracht, sondern auch in händeverschränkender Eintracht ihre Bärte vorzeigen.

Herzlichen Glückwunsch zu dieser Ausstellung! Wer sie besuchen möchte, muss allerdings erst zum Telefonhörer greifen und einen Termin vereinbaren, sofern er nicht bis zum nächsten Tag des offenen Denkmals warten möchte. Denn dieses erstaunliche Museum befindet sich, wohl deutschlandweit als einziges, in einer Schule! Telefon: 90277 - 7910

Ottmar Fischer

Das Schul- und Stadtteilmuseum Friedenau wird unterstützt von der psd-Bank Berlin-Brandenburg

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