Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

22.12.2019

Der Beschwerdebrief

Vor 100 Jahren: Aus dem Archiv Tempelhof-Schöneberg

Das Verhältnis Kirche und Staat, Grundmotiv für den komödiantischen Film Don Camillo und Peppone (Filmszene, Wiwipedia, Utente:Lodewijk_Vadacchino)

Dr. Hasse (Sozialdemokrat) fragt an, was geschehen könne, um die Kinder Andersgläubiger vor Lehrern zu schützen und verliest einen Beschwerdebrief, der sich gegen einen Lehrer der III. Gemeindeschule richtet. Der Vater des betroffenen Kindes schreibt darin, dass der Lehrer die Kinder fragte, wer nicht getauft sei. Diejenigen, die sich darauf meldeten, fragte er, warum sie nicht getauft seien und ob sie sich nicht taufen lassen wollten. Auch fragte er, welche Eltern aus der Kirche ausgetreten wären und welche Zeitungen die Eltern lesen. Dann stellte er die Frage: Was ist der Mensch, wenn er nicht getauft ist? Als darauf ein Schüler sagte: Ein Heide, stellte er die weitere Frage, was das für ein Geschöpf sei, das frisst und trinkt und für Nachkommen sorgt. Die Antwort lautete: Ein Tier. Damit verglich er den nicht getauften Menschen … Diese Mitteilung wird mit großer Unruhe aufgenommen. Bürgermeister Walger erklärt, dass er wohl im Sinne aller Anwesenden spreche, wenn er ein solches Verhalten eines Lehrers auf das Schärfste verurteile. Die Sache müsse natürlich nachgeprüft werden…. [Auszug aus der Sitzung der Gemeindevertretung am 20. Oktober 1919]  

[Aus der Sitzung der Gemeindevertretung vom 7. November 1919]: …. Schöffe Ott berichtete, dass es sich um den Lehrer Mattulat handele, der vernommen worden sei. Aus der Aussage des Lehrers ergibt sich, dass die in dem Brief zusammengezogenen Vorgänge sich auf drei Tage verteilen und ohne Zusammenhang mit der ersten Frage an den betroffenen Schüler sind. Es handele sich um eine Klasse der I. Gemeindeschule, die an die III. Gemeindeschule überwiesen wurde. Die Kinder waren dem Lehrer nicht bekannt und er nahm ihre Personalien auf. Dabei ergab sich, dass ein Schüler nicht getauft war. Er fragte den Knaben, warum er denn nicht getauft wäre. (Hört! Hört! Zuruf bei den Sozialdemokraten) Der Knabe antwortete, dass sein Vater aus der Kirche ausgetreten sei. Seine Mutter wünsche aber, dass er am Religionsunterricht teilnehme. Er fragte den Schüler, ob er denn konfirmiert werden möchte und wenn er das sein wolle, ob er sich nicht noch nachträglich taufen lassen möchte. (Hört! hört! Das ist Beeinflussung! Zuruf bei den Sozialdemokraten). Zu dieser Frage war der Lehrer berechtigt, weil es wiederholt vorgekommen sei, dass Kinder am Religionsunterricht teilnehmen wollen und sich nachträglich noch taufen ließen. Am zweiten Tag wurden dann im Religionsunterricht die Propheten behandelt und dabei streifte der Lehrer auch die Frage, welche Mittel vorhanden wären, um die Reden großer Männer ins Volk hineinzutragen. Schüler antworteten: Die Zeitung. Der Lehrer fragte nun, welche großen Zeitungen die Eltern lesen und hörte darauf die Titel der verschiedensten großen Berliner Zeitungen (Berliner Tageblatt, Lokalanzeiger, Vorwärts usw.) und meinte, er sehe, es werde von allen Eltern große Zeitungen, die solche Reden bringen, gelesen. Am dritten Tag behandelte er den Propheten Elias und besprach dabei auch den Unterschied zwischen Mensch und Tier, indem er Vernunft und Verstand gegenüberstellte und bemerkte, dass es auch Menschen gäbe, die wie Tiere handeln. Die Knaben antworteten ihm hierauf, das seien grausame Menschen, wie Mörder, Räuber usw. So wurden also drei völlig unabhängige Vorgänge von dem Briefeschreiber in einen Zusammenhang gebracht, der nicht vorhanden war. Bürgermeister Walger empfahl, derartige Sachen nicht gleich in die Öffentlichkeit zu bringen, sondern sie erst im Ausschuss zu besprechen und dort die Untersuchung abzuwarten ... Fräulein Thomas (deutschnational) weist auf den geringen Wert hin, den Kinder-aussagen hätten. Die Kinder seien stark der Suggestion unterworfen. Die Frage des Dr. Hasse müsse umgekehrt lauten: Was geschehe, um den Lehrer in solchem Fall zu schützen? (Sehr richtig! Zuruf von rechts) Wie schwer wäre dem Lehrer der Unterricht, wenn er immer denken müsse, dass er von Spionen umgeben sei … Frau Laskus bemerkt, es sei selbstverständlich, dass das Kind im Religionsunterricht beeinflusst werde. Wer das nicht wolle, solle sein Kind nicht in diesen Unterricht schicken ... Auf eine Anfrage des Doktor Hasse, ob dem Lehrer eine Rüge erteilt worden sei (Lachen von rechts) erklärt Bürgermeister Walger, die Schuldeputation habe die Ansicht ausgedrückt, dass an dem Verhalten des betroffenen Lehrers kein Tadel sei. Er macht noch auf die ungünstige Wirkung aufmerksam, die solche öffentlichen Erörterungen auf die Schule und die Kinder hätten. Dann wird diese Sache verlassen.  

Hintergrund
Mit Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung am 11. August 1919 wurde die Staatskirche abgeschafft. Damit war die jahrhundertealte Allianz von Thron und Altar zerschlagen. Staat und Kirche waren künftig getrennt, Religion Privatsache. Die Menschen konnten sich frei für oder gegen eine Konfession entscheiden oder konfessionslos bleiben. Religionsunterricht gehörte zwar zu den Schul-, jedoch nicht mehr zu den Prüfungsfächern und unterstand der staatlichen Kontrolle. Die Eltern entschieden darüber, ob ein Kind teilnehmen solle. Ab 1919 nahm die Zahl der Kirchenaustritte zu.

Maria Schinnen

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