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4.12.2017

Der Bahnhof Priesterweg

Die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts gelten allgemein als Sinnbild für den kulturellen Aufbruch. In allen Kunstgattungen suchten deren Protagonisten nach Ausdrucksformen, die das neue Lebensgefühl widerspiegelten.

Dieses war geprägt von der Erfahrung des Krieges und dessen Folgen einerseits und dem Verlangen nach einer friedlichen, freien und gerechten Zukunft andererseits. Der Begriff „Roaring Twenties“ dürfte diesem Umbruch näherkommen als „Goldene Zwanziger“.
In der Architektur bestimmten zwei Strömungen den Diskurs: Expressionismus und Neue Sachlichkeit. In Berlin gibt es noch zahlreiche Beispiele für beide. Die prägnantesten sind jeweils das Ullstein-Haus von Eugen Schmohl in Tempelhof und die Kreuzkirche der Gebrüder Günther in Schmargendorf sowie die Weiße Stadt von Salvisberg/Ahrens/Büning in Reinickendorf und die Siedlung Siemensstadt, konzipiert von Hans Scharoun, u.a. mit Bauten des Bauhaus-Gründers Walter Gropius.

Noch mehr Beispiele gibt es dafür, dass sich beide Richtungen auch überschnitten und gegenseitig bereichert haben. So wurden z. B. mit expressionistischen Stilelementen sachlich schlichte Baukörper akzentuiert. Bauten von Bruno Taut wie die Hufeisensiedlung in Britz oder die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg haben es sogar wie die o. g. Siedlungen auf die Liste des UNESCO-Welterbes geschafft.

Ein vermutlich wenig bekanntes Beispiel stellt der Bahnhof Priesterweg im Südosten Schönebergs dar. Gebaut wurde er 1927/28 für ein künftiges Stadtviertel zwischen Grazer Damm und der Anhalter Bahn bzw. den heutigen S-Bahnlinien 2 und 25. Die Pläne für dieses Stadtviertel sind jedoch niemals umgesetzt worden. Das ursprüngliche Konzept nach der Jahrhundertwende scheiterte am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, das nächste am Widerstand der Kleingärtner und das dritte blieb Berlin (Gott sei Dank!) erspart: Albert Speer wollte hier die logistische Infrastruktur seiner Welthauptstadt Germania ansiedeln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Kleingärten zunächst für die Selbstversorgung von deren Pächtern unantastbar, und später wurde das Areal offenbar von den Stadtplanern lediglich als stille Reserve betrachtet.

Dadurch liegt das Empfangsgebäude des Bahnhofs weiterhin einer städtebaulichen Brache gegenüber. Der Entwurf für den wohlproportionierten Klinkerbau stammt von Reichsbahn-Oberbaurat Günther Lüttich.

1939 wurde ein zweiter Ausgang hinzugefügt. 1985 bis 87 wurde das Empfangsgebäude denkmalgerecht saniert. 1991 bis 95 wurden die beiden Bahnsteige schrittweise nach Süden verlegt, so dass die Ausgänge zum Empfangsgebäude jetzt an deren nördlichem Ende liegen. Am Südende wurde ein komplett neuer Eingangsbereich geschaffen. Die Planung für diese Projekte stammte vom Architekturbüro Hentschel-Oestreich, Berlin.

Eine Variante des Entwurfs für den Priesterweg setzte Günther Lüttich 1931 mit dem Bau des Bahnhofs Neubabelsberg - später Griebnitzsee benannt - um. Das Empfangsgebäude ist hier im Verhältnis zu seinem Vorgänger etwas gestreckt und weist symmetrisch auch rechts einen gerundeten Kiosk neben der kubischen Haupthalle in der Mitte auf. Den Turmaufsatz mit der Uhr gibt es jedoch nur am Priesterweg.

Sollten Sie jetzt Lust haben, das Schöneberger Baudenkmal zu besichtigen, versäumen Sie nicht einen Ausflug zum Naturpark Südgelände auf der anderen Seite der Bahntrasse. Hier lässt sich beobachten, wie Stadtgeschichte quasi rückwärts abläuft, wenn sich die Natur zurückholt, was ihr seit Mitte des 19. Jahrhunderts genommen wurde.

Dieter Hoppe

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