Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

23.08.2011 / Menschen in Schöneberg

Das widerspenstige Auto

Sonntagmorgen. Sommerwetter. Frühstück auf dem Balkon.

Lautes Motorengeräusch dröhnt durch die Stille in der kleinen Straße. Immer wieder. Mit durchgetretenem Gaspedal versucht jemand aus einer Parklücke auszuparken.  Endlich ist Ruhe. Es ist geschafft. Plötzlich erneut ein aufheulender Motor und quietschende Bremsen. Will hier jemand eine Rallye fahren in unserer Sackgasse?
Vom Balkon gegenüber ruft jemand „Du musst die Handbremse lösen!“

Ein vorbeikommender Passant, mit Rucksack und in kariertem Hemd, klopft an die Autofensterscheibe und spricht die Fahrerin an. Sie blickt auf die Handbremse und schüttelt den Kopf. Daran liegt es wohl doch nicht. Sie versucht es erneut. Nichts passiert. Sie steigt aus. Das karierte Hemd zeigt auf die hinteren Räder. Die Stimme vom Balkon signalisiert: „Die Bremsen sitzen fest. Da hast Du jetzt ein Problem!“ Die junge Frau blickt verzweifelt nach oben. Sie hat einen knallroten Kopf. Wie peinlich, da steht sie nun mitten auf der Straße und kommt mit dem Auto nicht weg und alle Männer wissen wieder mal alles besser. Sie setzt sich verzweifelt ins Auto und greift zum Handy. Offenbar ruft sie Hilfe an: Was soll ich tun, das Auto will nicht so wie ich will. Sie steigt erneut aus, tritt vorsichtig gegen das Hinterrad. Während sie auf der einen Seite telefonische Instruktionen erhält, steht das karierte Hemd auf der anderen Seite und gibt ebenfalls gute Ratschläge. Die Anwohner schauen verstohlen vom Balkon oder stehen hinter den Gardinen. Sie holt den Wagenheber aus dem Kofferraum. Das karierte Hemd nimmt die Radkappen ab und schlägt lautstark knallend gegen die Räder. So, nun weiß wenigstens der Rest der Straße auch  Bescheid.

Da kommt der rettende Jüngling um die Ecke. Die junge Frau läuft ihm erleichtert entgegen, doch er hat für Mitgefühl jetzt wirklich keinen Sinn. Er steigt konzentriert ins Auto, das karierte Hemd will erklären, wird aber ebenfalls abgewehrt. Er startet, horcht auf das Geräusch, lässt Kupplung langsam kommen,...  Der Wagen rollt! Na also, magic hands. Er zuckt mit den Schultern, was wollt ihr eigentlich?
Die Männer bauen die Radkappen wieder an. Die junge Frau setzt sich erneut hinters Steuer und fährt langsam los.

Ich bin sicher, hinter der nächsten Ecke hält sie erst einmal an und holt tief Luft.
Die beiden Männer verlassen ebenfalls den Schauplatz, jeder in eine andere Richtung, und es kehrt wieder sonntägliche Stille ein.

Christine Bitterwolf

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