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01.11.2011 / Orte und Plätze

Das Rohr zur Welt

Der während der West-Berliner Inselzeit am Schöneberger Stadtpark arbeitende Rundfunk im Amerikanischen Sektor (Rias) war ein Propagandasender der Besatzungsmacht (Ansage:„Eine freie Stimme der freien Welt“), und hatte die Aufgabe, den Berlinern in West und Ost das Durchhalten im Schwitzkasten der kommunistischen Weltverbesserer zu versüßen, indem ihnen neben der vorgesehenen Weltanschauung auch der musikalische Schwung des Swing geboten wurde.
Das Rohr zur Welt (Bamberg-Refraktor in der Sternwarte). Foto: Planetarium Berlin
Neue Technik im Planetarium. Foto: Planetarium Berlin

Das Kabarett „Die Insulaner“ gehörte ebenfalls zum damals beliebten Standardprogramm des Senders und sang den durch die Zeitumstände aufgeregten Berlinern in die Ohren: „Der Insulaner verliert die Ruhe nicht“. Das gefiel auch zwei Schulklassen im Jahre 1951 derartig gut, dass sie eben diesen Namen „Insulaner“ im Rahmen eines Wettbewerbs vorschlugen, der zur Namensfindung für den am Munsterdamm zwischen 1946-51 aufgeschütteten Trümmerberg ausgeschrieben worden war. Sie gewannen dafür den 1. Preis und mit ihm 100 DM Siegprämie.

Dieser mithilfe einer Lorenbahn vom Bayerischen Platz bis auf eine Höhe von 78 Metern angewachsene Trümmerberg gefiel wiederum den Leuten von der Rudolf-Foerster-Sternwarte so gut, dass sie hier oben auf dem Gipfelplateau ihre Himmelsbeobachtungsstation errichteten, und im Jahre 1965 am Fuße des Berges das „Planetarium am Insulaner“ dazugesellten.

Neue Technik zur Himmelserkundung
Die Sternwarte hatte schon 1947 ihre Arbeit mit selbstgebauten Fernrohren in einem Ruinengrundstück in der Nähe des heutigen S-Bahnhofs Südkreuz aufgenommen. Und hier wurde auch bereits der alte Bamberg-Refraktor aus dem Jahre 1889 aufgestellt, der aus den ehemaligen Friedenauer Werkstätten von Carl Bamberg stammt, und der noch heute in der großen Kuppel auf dem Insulaner genutzt wird.

Heute bietet der zur Förderung volkstümlicher Astronomie und zur Verbreitung astronomischer Kenntnisse gegründete Verein ein weitgefächertes Programm für alle Altersstufen und für fast jeden Geschmack: Astronomische Live-Vorträge, Hörspiele, Lesungen, Laser-Shows, Multimedia, Live-Musik, spezielle Kinderprogramme. Die Veranstaltungen für Schüler und Kindertagesstätten finden vormittags statt. Am späten Nachmittag und abends gibt es Planetariumsvorführungen mit anschließendem Besuch der Sternwarte. Der Mittwoch bleibt populärwissenschaftlichen Vorträgen vorbehalten.

Dank einer großzügigen Spende der Klassenlotterie gibt es nun im Planetarium seit einem Jahr eine Neuerung, die sich weltweit sehen lassen kann. Denn die erste und bislang einzige Videoprojektion der Welt mit einem absolut schwarzen Hintergrund stellt sicher, dass die Brillanz des hier empfangenen Sternenlichts nicht gestört werden kann. Ermöglicht wird dies durch ein Beamer-System der Firma Zeiss, mit dessen Hilfe die bislang in den Planetarien übliche Dia-Projektion ersetzt werden konnte. Die früher unbewegten Bilder können dadurch in eine bewegte Ganzkuppelprojektion umgewandelt werden und ermöglichen somit eine atemberaubende Sicht auf 360 Grad Nachthimmel.

Auch das All hat ein Schicksal
Aus Anlass der 50-Jahr-Feier zur Errichtung des Insulaners glaubte ein Zeitzeuge sich daran erinnern zu können, dass inmitten des Trümmerbergs auch ein russischer Panzer des Typs T-34 zugeschüttet wurde. Auf unsere moderne Weise hätten wir hier also die indianische Tradition vom Begraben des Kriegsbeils fortgesetzt.

Leider reichen unsere menschlichen Kräfte nicht aus, um unseren Wunsch nach Frieden auch in den anscheinend unendlichen Weiten des Kosmos Wirklichkeit werden zu lassen. Nach allem, was der auf dem Insulaner in Stellung gebrachte Bamberg-Refraktor aus Friedenau und seine zahlreichen Verwandten überall in der Welt uns zeigen, geht es im Universum geradezu mörderisch zu. Da gehen Sterne in Super-Nova-Explosionen zugrunde und unfassbar riesige Materiemassen verschwinden in Schwarzen Löchern.

Da interessiert es uns schon, wo-hin denn nun die ganze Reise eigentlich geht. Dazu gibt es seit langem unterschiedliche Auffassungen. Soeben aber haben drei Astronomen den Nobelpreis für Physik dafür zugesprochen bekommen, dass sie nach Ansicht der Preisrichter in ihren Arbeiten glaubhaft nachgewiesen haben, wie das Schicksal des Alls aussehen wird. Danach zeigt sich im Licht der am Rande des Kosmos beobachteten Sternenexplosionen, dass es auch in fernen Zeiten keinen Zusammenbruch, sondern eine sich ewig noch beschleunigende Ausdehnung geben wird.

War noch zur Zeit Einsteins von einem statischen Weltall ausgegangen worden, hatte der Namensgeber des berühmten Weltraumteleskops, Edwin Hubble, im Jahre 1929 beunruhigenderweise entdeckt, dass die Galaxien sich immer weiter voneinander entfernen. Dadurch ergaben sich drei Möglichkeiten für den weiteren Fortgang der Kosmosgeschichte. Entweder gelangt die seit dem Urknall begonnene Ausdehnung des Weltalls irgendwann zu einem Stillstand im Gleichgewicht zwischen Fliehkraft und Schwerkraft. Oder es kommt mit der Abnahme der Fliehkraft irgendwann zu einem Überwiegen der Schwerkraft und infolgedessen zu einem Zusammensturz des Weltalls zurück auf den Ausgangspunkt. Die nun mit dem Nobelpreis geehrten Astrophysiker aber glauben herausgefunden zu haben, dass sich die Ausdehnung des Weltalls bis in alle Ewigkeit fortsetzt und sich sogar noch beschleunigt.

Weil unser gesunder Menschen-verstand angesichts solcher Erkenntnisse nicht mehr weiterhilft, bieten die Leute vom Insulaner professionelle Hilfe an. Am Mittwoch, dem 23. November um 20 Uhr kommt Professor Dr. Matthias Bertelmann von der Universität Heidelberg ins Planetarium und hält einen populärwissenschaftlichen Vortrag zum Thema: „Vom Erfolg der Kosmologie und den Rätseln der Welt.“
(Eintritt 7 Euro, ermäßigt 5 Euro)
Weitere Informationen, auch zum Programm, unter: <link http: www.planetarium-berlin.de external-link-new-window externen link in einem neuen>www.planetarium-berlin.de/

Ottmar Fischer

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