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06.07.2015 / Menschen in Schöneberg

„Das könnten wir alle machen...“

Herta Müller in der Urania
Herta Müller. Foto: Paul Esser

Als Herta Müller 2009 den Nobelpreis für Literatur erhielt, lieh mir Redaktionskollegin Sigrid Wiegand das Buch „Der Fuchs war damals schon der Jäger“. Ich war beeindruckt von der Wortgewalt der Schriftstellerin, aber ärgerte mich ein wenig über ihren Schreibstil. Jeden Satz musste ich quasi einzeln lesen. Kein Buch, das sich leserfreundlich gibt. Die „Atemschaukel“ las ich deshalb nur in Teilen. Müller wurde keine meiner favorisierten Autorinnen.

Vor einigen Wochen sah ich die Schriftstellerin, die ja auch hier wohnt, in Friedenau, und wie es der Zufall will, sah ich kurze Zeit später, dass sie in der „Urania“ ihre Wortcollagen vorstellen würde. So fügt es sich manchmal. Ich war neugierig. Davon, dass Müller Wortcollagen erstellt, hatte ich gehört. Ich kenne die Technik aus dem Kreativen Schreiben. Sie wird z. B. auch „Cut up“-Technik genannt. Man schneidet Wörter aus und fügt sie neu zu Sätzen zusammen. So einfach ist das eigentlich. Es macht viel Spaß und fördert die Kreativität. Wie eine Nobelpreisträgerin das Collagieren handhabt, und warum sie das eigentlich tut, machte mich neugierig. Also fuhr ich am 10. Juni zur „Urania“.

Dort sprach Herta Müller mit Ernest Wichner, dem Leiter des Literaturhauses Berlin, anderthalb Stunden über Biografisches und über ihr Schreiben und Collagieren. Sie las aus ihrem Buch „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ und stellte einige ihrer Wortcollagen vor, die auch als Bildprojektionen gezeigt wurden. Sie erzählt folgendermaßen, wie sie zu den Wortcollagen kam: „Eines Tages kaufte ich weiße Karteikarten, einen Klebestift und fing an, im Zug mit der Nagelschere aus der Zeitung ein Schwarzweiß-Bild und Wörter auszuschneiden. Auf eine Karte klebte ich dann das Bild und ein paar Wörter: DAS STÖRRISCHE WORT ALSO oder WENN ES EINEN ORT WIRKLICH GIBT STREIFT ER DAS VERLANGEN, oder DIE TASCHENDIEBIN DIE BIN ICH. Ich war verblüfft, weil einzelne Wörter eine ganze Geschichte erzählen.“*

Müller sammelt Wörter, schneidet sie aus, klebt sie auf Karton und kombiniert die Wörter dann zu ihren Wortcollagen, die manchmal kurz und manchmal schon Prosalänge haben. Die entstandenen Werke haben etwas Spielerisches. Inzwischen könne sie schon fast nichts mehr lesen, ohne auszuschneiden, so Müller. „Das könnten wir alle machen ...“, ergänzte sie, als im Gespräch plötzlich das Collagieren von Worten so logisch und einfach erschien. Der Abend war für mich als Zuhörerin zweifach bereichernd. Die Lesung hat mich doch noch einmal neugierig gemacht auf die Prosa von Müller. Darüber hinaus bezaubern die Wortcollagen derartig, dass sie den Nachahmungstrieb beflügeln, vor allem weil die Resultate so überraschend sein können.

Einen Einblick in die Welt der Wortcollagen gibt die Seite <link http: www.hertamueller.de external-link-new-window externen link in einem neuen>www.HertaMueller.de, dort kann man auch Links zu Videos finden, auf denen Müller ihre Collagen zeigt und vorliest. Auch neue Lesungstermine werden genannt.

Isolde Peter

(*Zitiert aus dem Flyer der Dr.Nice GbR, die Literaturtapeten und Reproduktionen zu Müllers Collagen vertreibt).

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