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25.02.2014

Das „Gespenst der Frauenemanzipation“ vor den Toren Friedenaus?

Die „Sozis“ waren damals die einzige Partei, die für das allgemeine Wahlrecht auch für Frauen [das dann erst am 12.11.1918 beschlossen wurde] eintrat und sich für die Frauenemanzipation stark machte.

Friedenauer Lokal-Anzeiger, Seite 1 vom 16. März 1914. Aus dem Archiv Tempelhof-Schöneberg

Sollte deren Position in den Gemeindewahlen gestärkt werden? Sollten etwa die vielen Frauen und etwa auch die Dienstmädchen in Friedenau künftig mitwählen dürfen? Das war alles zuviel für die vielen Bürgerlichen in Friedenau. Deshalb:  Männer an die Wahlfront!

Die Jahre nach der Entstehung des Deutschen Reichs 1871 waren – bezogen auf die Situation der Frauen – geprägt von der Gründung zahlreicher vaterländischer Frauenvereine mit  den Leitlinien einer „organisierten Mütterlichkeit“( Motto: „Frau soll Frau bleiben, und nicht die Thorheit begehen, Mann sein zu wollen“) und Schluß  mit der “Frauenstimmrechtstrottelei“ (Deutsches Tageblatt 1907) usw.. Beispiele dafür waren der „Flottenbund deutscher Frauen“ (gegründet 1905) zur Unterstützung der deutschen Kriegsmarine, verschiedene Frauenorganisationen im „Bund der Germanen“, der „Zentrumsfrauenbund“ (1911) als Teil der deutschen  Zentrumspartei, und nicht zuletzt der „Deutsche Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“ (1912) in der  „Liga zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“. Bei den allgemeinen Wahlen hatten die Frauen nach dem Willen dieser Vereine  nichts zu suchen.

Am 1. September 1913 fand   im Hohenzollern – Restaurant in der Hauptstraße nun auch die konstituierende erste Sitzung der Friedenauer Ortsgruppe des „Bundes zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“(*) unter der Leitung von Kartellgeschäftsführer Eberhard statt (siehe Friedenauer-Lokal-Anzeiger vom 30. August 1913). Standen doch die Gemeindewahlen in Friedenau am 17. März 1914 vor der Tür, und den Forderungen der Sozialdemokraten nach dem allgemeine Frauenwahlrecht wollten die Bürgerlichen Paroli bieten.

Vor der Gemeindewahl, Anfang 1914, wurden aber auch  Friedenauer  Initiativen zur Unterstützung der Frauengruppen gegen den emanzipationsfeindlichen Zeittrend aktiv. Am 13. Februar 1914 trafen sich z.B. Mitglieder und Gäste des „Vereins für Frauenstimmrecht“ im „Gesellschaftshaus des Westens“ (G.d.W.) in der Hauptstraße 30/31 und am 19. Februar 1914 zog die „Liberale Frauenpartei“ zu einer Veranstaltung in die Victoria-Brauerei in der Lützowstraße. Immer waren zu den Veranstaltungen Frauen, Gäste und Männer  aller Stände und Parteirichtungen eingeladen. Leider wird über die Diskussionsergebnisse nichts berichtet, der Autor wäre damals gern Mäuschen gewesen.

Jedenfalls war das politische Parteienspektrum  im Jahr 1914 laut „Adressbuch für Friedenau“  sehr vielfältig. Es dominierten die „Bürgerlichen“ u.a. mit dem „Konservativen Verein Friedenau“, dem „Nationalliberalen Ortsverein zu Friedenau“, dem „Reichsverband gegen die Sozialdemokratie, Ortsgruppe Friedenau“. Pikanterweise gehörten die obigen bürgerlichen Kandidaten der Gemeindewahlen dem „Verein der Fortschrittlichen Volkspartei für Friedenau und Umgebung“ an. Welchen Fortschritt diese Partei meinte, lässt sich aus den Archivunterlagen leider nicht entnehmen.
Als Gegner der Bürgerlichen zählten 1914  u.a.  der „Sozialdemokratische Wahlverein Friedenau“  und der „Brandenburgische Provinzialverein für Frauenstimmrecht, Südwestliche Vorortsgruppe Berlin“.

Soweit also einige Mosaiksteinchen zum Thema Frauenemanzipation und politische Strömungen 1914 in Friedenau.  Als interessante und weiterführende Lektüre zum Themenkreis der Frauenemanzipation sei auf das Buch der ehemaligen Schönebergerin und Weltbürgerin Hedwig Dohm „Die Antifeministen“ (1912) verwiesen. Ein schönes Zitat ist aus einem anderen Werk von ihr: „Weil die Frauen Kinder gebären, darum sollen sie keine politischen Rechte haben. Ich behaupte: Weil die Männer keine Kinder gebären, sollen sie keine politischen Rechte haben. Und ich finde die eine Behauptung ebenso tiefsinnig wie die andere.“ (Das Stimmrecht der Frauen – 1876). Sie hat übrigens ein ehrenvolles Grab auf dem St. Matthäus-Friedhof in der Großgörschenstraße, und die zum Bahnhof Südkreuz führende Straße ist nach ihr benannt.

Freuen wir uns alle aber schlussendlich über das gegenwärtige und bahnbrechende Highlight des Sports: Erstmals bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi wurde vom IOC das Schispringen der Frauen zugelassen. Und dann gewinnt auch noch Carina Vogt aus Schwäbisch Gmünd die Goldmedaille. Welch später Erfolg des jahrzehntelangen Kampfes um die Frauenemanzipation! Bravo den Herren des IOC!

Hartmut Ulrich

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