Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.02.2016

Das Ende vom Lied

Vier Jahre leidenschaftlicher Arbeit für die Musik in Friedenau

Gerhard Löffler an seinem Lieblingsinstrument. Foto: privat

So viel Musik in einem Gottesdienst ist in der Kirche Zum Guten Hirten am Friedrich-Wilhelm-Platz seit Menschengedenken nicht erklungen. Und ein derart übervoll besetztes Haus zum sonntäglichen Gottesdienst wird wohl auch den beiden Gemeindepfarrern im Gedächtnis bleiben. Grund dafür war die Verabschiedung des Kirchenmusikleiters Gerhard Löffler, den es nach Hamburg an die dortige Hauptkirche St. Jacobi zieht. Allerdings zieht es ihn nicht nur, sondern zu seiner Entscheidung hat auch beigetragen, dass es im Gemeindevorstand nicht nur Begeisterung für sein musikalisches Programm gegeben hat. Und es ist wahr: Der Vollblut-musiker bot neben der eingängigen kirchenmusikalischen Klassik auch Schwieriges.

So gab es etwa in der von ihm selbst ins Leben gerufenen Orgel-vesper jeden Mittwoch bei freiem Eintritt vor regelmäßig über hundert Zuhörern zum Teil auch ungewohnte Klänge aus dem Repertoire protestantischen Grüblertums. Und noch am Sonntag vor Weihnachten wurden die erstaunten Zuhörer in einer durchdachten Orgelvesper „Gott unter uns“ von Bachs Fuge über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“ (BWV 700) zum gedankenvollen „Benedictus“ (op. 59, Nr. 9) von Max Reger geleitet, um schließlich im Weltraumklang von Olivier Messiaens („Die Geburt des Herrn“) zu erzittern, bevor sie in einer enthusiastisch vorgetragenen Transformation für Orgel mit dem Finale der 1. Sinfonie von Louis Vierne glockentönend erlöst wurden.

„Auch das ist Verkündigung“, sagt Gerhard Löffler und widerspricht damit der Ansicht der Gegenpartei im Kirchenvorstand, wo musikalische Grenzerkundungen als bedenklich gelten, weil sie den Andachtswunsch schlichterer Gemüter verfehlen könnten.

Nun ist dieser Gegensatz zwischen Erlösungshoffnung und Wegbeschreibung schon beim Leipziger Kantor Bach ein Dauerthema von Auseinandersetzungen mit der kirchlichen und städtischen Obrigkeit gewesen und ist insofern normal. Doch hat der Friedenauer Kantor im Gegensatz zu seinem Vorbild in Leipzig bei der musikalischen Späterziehung seiner Widersacher offenbar die Geduld verloren, Denn wie anders ist es zu verstehen, wenn Gemeinderatsvorsitzende Claudia Bühler beim an den Gottesdienst anschließenden Sektempfang im Gemeindesaal in ihrer Moderation des Programms sich nicht verkneifen konnte, sie wünsche ihm, dass es ihm in Hamburg etwas besser gelinge, sein musikalisches Temperament zu zügeln. Woraufhin allerdings prompt eine Welle von Buh-Rufen zu ihr zurückschallte.

„Wir sind entrüstet“, sagen drei Sopranistinnen der Friedenauer Kantorei im Gespräch mit der Stadtteilzeitung: „Schon bei der Vorstellung im Chor noch vor der Anstellung war uns klar, den wollen wir, und wir haben das auch allen erzählt, auch gegenüber dem Vorstand, der zunächst skeptisch war und vor einem möglichen Blendwerk warnte. Aber wir alle würden dieses Votum heute immer noch abgeben, und alle heißt Jung und Alt, Männer wie Frauen“. Und in der Tat hat Gerhard Löffler diesen Chor in zahlreichen Aufführungen mit unterschiedlichen Orchestern und Solisten zu einer bis dahin unerreichten Klangvollendung geführt. Mit Hilfe seiner dem Werk zugeneigten Anleitung gelang es dem Chor beispielsweise, in den Szenen leidenschaftlich bewegter Anteilnahme der Matthäus-Passion trotz höchster Erregung im Ausdruck nicht zu weinen, sondern dennoch zu artikulieren. Es ist daher nicht einem Wunder, sondern der hohen Kunst dieses Dirigenten zu verdanken, wenn der Chor mit ihm glücklich wurde, gerade weil er ihm diese große Leistung zutraute und daher auch abzuverlangen wagte.

Und alle, die mit diesem menschlich-musikalischen Können in Berührung gekommen sind, Orchester und Kantorei, Posaunenchor und Kirchenchor, Kinder und Erwachsene, sie alle wollen ihm an diesem Tag des Abschieds noch einmal danken. Kaum drei Schritte kann er sich unter den Gästen bewegen, ohne dass ihm jemand um den Hals fällt und die Hand schüttelt. „Sie haben die Kirchenmusik hier in Friedenau an die Spitze Berlins gebracht“, spricht Pfarrer Wenzel vom Podium in den bewegten Saal, und das ist wohl tatsächlich nicht übertrieben. „Wir haben uns überlegt, Ihnen den Übergang nach Hamburg kulinarisch etwas zu erleichtern. Es gibt dort eine Teufelsbrücke, und genau an dieser Stelle gibt es ein Restaurant „Engel“. Dorthin möchten wir Sie einladen.“ Was wäre schließlich auch eine Kirchenfeier ohne Teufel und Engel.

Abschied mit Posaunen

Aber Pfarrer Moll hatte bei der Entpflichtungsfeier am Morgen in der Kirche ob des Konflikts einen etwas anderen Ton angeschlagen: „Wenn etwas zu schwierig ist, sollte man schweigen“, hatte er zu Beginn des Gottesdienstes salomonisch verlauten lassen, und war verstummt. Doch nahm er später in seiner Predigt den Faden noch einmal auf: „Sie haben uns Töne hören lassen, die wir ohne Sie nicht gehört hätten. Sie waren überraschend!“

Hatte bis dahin ein wechselvolles Spiel von Orgel, Gemeindegesang und Bläsern den musikalischen Rahmen gesetzt, so betrat nun die Friedenauer Kantorei die Szene und brachte im Verein mit dem auf historischen Instrumenten spielenden Barockorchester Aris & Aulis und vier Solisten die Bachsche Kantate „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ (BWV 100). Doch seltsam, obwohl jede der sechs Strophen diesen Titel wiederholt, blieb der musikalische Ausdruck verhalten, als müssten die Musiker einer inneren Stimme folgen und noch andere Gedanken mitsingen. Von dem dank der erfolgreichen Tätigkeit des Kantors auf fast hundert Personen angewachsenen Chor ließen einzig die Tenöre einen zungenschnalzenden Ton hören. Doch mag dies seine Ursache darin haben, dass gerade sie infolge des über die Gemeindegrenzen hinaus wirkenden Rufes des Dirigenten sich jüngst personell endlich komplettieren konnten.

Es folgten noch zwei Klassiker aus der Glanzzeit des Pietismus. Zunächst „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, wobei der Gemeindegesang abwechselnd durch Bläser und Orgel geschmückt wurde. Und dann „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Die Fuge über diesen Choral von Max Reger (op. 40, Nr 9) bildete anschließend den glanzvollen Schlusspunkt nach zweieinhalb Stunden musikgeleiteten Abschieds. Der Organist Gerhard Löffler zeigte noch einmal sein ganzes Können, indem er den nächtlichen Zweifel bis zum Erscheinen des Morgensterns dieser Komposition erlebbar machte. Und dann geschah Unglaubliches für einen Gottesdienst: Die gesamte Gemeinde erhob sich von den Plätzen, die glänzenden Gesichter wendeten sich zur rückwärtigen Orgelempore, und die bewegte und bewegende Verneigung des Scheidenden wurde von minutenlangem Beifall gekrönt, in den sich zum Schluss sogar noch stimmlicher Jubel mischte – in einem Gottesdienst!
Draußen vor dem Eingang wartete derweil ein dünnes Männchen in grünem Filzhut auf den Gefeierten. Mit kältebedingt zittrigen Fingern nestelte er bei dessen Erscheinen einen dicken Umschlag aus seinem Rucksack und überreichte diesen mit dem Bemerken, er enthalte CDs mit Seemannsliedern, die zur Einstimmung in den neuen Wirkungsort beitragen mögen. Als Dauergast der wöchentlichen Orgelkonzerte wolle er auf diese Weise seinen Dank sagen, denn er sei einmal Seemann gewesen und spiele selbst das Schifferklavier.

Ottmar Fischer

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