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04.06.2012 / Projekte und Initiativen

Das Ende der Kreidezeit – Die Zukunft ist in der Schule angekommen

Von außen sieht die Grundschule an der Bäke in Steglitz wie eine ganz normale Schule aus. Erst in den Klassenräumen bekommt man einen Blick in die Zukunft. Da, wo früher einmal die dunkelgrünen Tafeln waren, hängen heute interaktive Whiteboards, weiße Bildschirme mit unendlichen Computerfunktionen.
Foto: Hartmut Becker

Begeistert demonstriert der Schulleiter, Herr Haase, einige Möglichkeiten. Man kann mit einem entsprechenden Stift oder auch nur mit dem Finger darauf schreiben, Farbe und Stärke der Schrift, wie mit Bleistift oder einem dicken Filzstift, lässt sich ganz einfach einstellen. Für Anfänger im Schreiben gibt es auch Linien mit Sternchen oder Smilies. Ist die Schrift unleserlich, wird sie mit einem Klick in Druckschrift verwandelt. Und wenn es dann doch nicht gefällt, gibt es die Schwammfunktion, mit der sich alles wieder wegwischen lässt, ohne dass Wasser kleckert oder Streifen bleiben.

Der Lehrer kann mit Leichtigkeit Worte aus Texten löschen und hat so die Vorlage für ein Lückendiktat. Die Schüler können mit einer Lupenfunktion die Wörter wieder sichtbar machen und so gleich sehen, ob sie beim Schreiben Fehler gemacht haben. Der Computer ist objektiv und neutral. Es gibt kein „der Lehrer ist so gemein“ und „der kann mich nicht leiden“ mehr.

Eine schwierige Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist ... kein Lexikon im Klassenraum zur Hand ... ein schneller Klick zu Google oder Wikipedia und schon ist das Wissen parat. So macht Kindern das Lernen Spaß. Sie sind aufmerksamer, weil der Unterricht fesselnder ist.

Die Grundschule an der Bäke war die erste Berliner Schule, die vollständig mit Whiteboards ausgerüstet war. Inzwischen sind es immerhin schon 20 von 800 Schulen in Berlin. Zum Vergleich: in England sind es bereits mehr als 80 % der Schulen.

Der Schulleiter ist im Jahre 2008 eigentlich mehr per Zufall auf diese Whiteboards aufmerksam gemacht worden. Sie haben ihn sofort überzeugt. Erst hat er nur zwei gekauft, dann für jede Klassenstufe eins, und bald war in jedem Klassenzimmer ein Whiteboard. Die Umstellung von Tafel und Kreide auf digitale Medien vollzog sich innerhalb eines halben Jahres. Die Lehrer der Schule gingen mit. Es wurden Fortbildungen organisiert und kein Einziger hat sich der neuen Technik verweigert.

Seitens des Schulamtes wurde das Projekt „Kreidefreie Schule“ nicht gefördert. Erst als die Umstellung fast fertig war, wurde Geld für einige Boards zur Verfügung gestellt. Mit viel Engagement und kreativen Ideen hat die Schule die erforderlichen Mittel selbst aufgebracht. Die Schüler halfen beim Putzen der Klassenräume, dadurch wurden die Mittel für Reinigungskräfte frei, die Schule organisierte einen Sponsorenlauf, an dem alle Schüler, Lehrer und Eltern teilnehmen konnten, die Eltern spendeten und auch der Förderverein der Schule stellte Geld zur Verfügung. Die Herstellerfirma spendete einige Boards und auch die Wasserwerke schenkten ihre aussortierten PCs für die Klassenräume. Der Schulleiter ist sichtlich stolz auf das Ergebnis.

Natürlich gab es anfangs auch die üblichen Bedenken. Die Kinder sitzen zu Hause schon zu viel vor dem Fernseher und Computer. Und nun auch noch in der Schule. Herr Haase kennt alle Gegenargumente und kann sie routiniert entkräften. Fast jedes Kind hat inzwischen eine Spielkonsole, dagegen hat offenbar keiner Bedenken. Es werden digitale Autorennen gefahren, Hunde ausgeführt und Monster abgeschossen. Warum sollten die Kinder dann nicht auch den Computer zum Lernen nutzen.  Natürlich ist Strom teurer als Kreide, aber fast jeder fährt heute mit dem Auto, obwohl Benzin teurer ist als Hafer. Man kann sich der Zukunft nicht verschließen. Was passiert wenn der Strom ausfällt? Das ist bisher noch nie passiert, aber wenn, dann kann man die Geräte abschalten und darauf mit abwischbaren Stiften wie auf einer herkömmlichen Tafel schreiben.

Immer wieder weist der Schulleiter darauf hin, dass wir die Kinder für die Zukunft und die Berufswelt ausbilden müssen. Und tatsächlich, wenn man sich die heutigen Berufsbilder ansieht, stellt man fest, dass selbst Maler und Friseure z. B. ihre Farben vom Computer berechnen und mischen lassen.

Für jeden Fachunterricht hat das Whiteboard eigene Programme. In Mathematik kann man Kreise und Ellipsen ziehen und mit dem Geodreieck Winkel messen. Im Kunstunterricht kann man verschiedene Bilder betrachten und grafisch analysieren. Für den Sprachunterricht gibt es Grammatik- und Übersetzungsprogramme. Theoretisch könnte man auch mit einer englischen Schule gemeinsam eine Unterrichtsstunde bestreiten. Jeder Lehrer kann seine eigenen Arbeitsbögen entwickeln und speichern. Was an der „Tafel“ von den Schülern erarbeitet wurde, kann gespeichert werden für die nächste Stunde und muss nicht abgewischt werden, weil der nächste Lehrer den Platz braucht.

Die Whiteboards sind mit allen Schulcomputern vernetzt und können auch mit den heimischen PCs der Kinder vernetzt werden. So kann keiner mehr die Hausaufgaben vergessen, wenn sie im Netz eingestellt sind. Und wer krank zu Haus im Bett liegt, kann, wenn er will, laufend die Unterrichtsergebnisse abrufen und muss bei der Rückkehr in die Schule nicht so viel nacharbeiten.

Daneben haben die Kinder selbstverständlich weiterhin ihre Hefte und Bücher, in denen sie lesen und schreiben. Es ist es ihnen freigestellt, ob sie die Hausaufgaben im Heft machen oder am PC ausdrucken, denn nicht jedes Kind hat zu Hause einen Computer, an dem es arbeiten kann.

Abgesehen von dieser revolutionären Technik ist die Grundschule an der Bäke eine ganz normale Schule mit normalen Kindern und normalem Unterricht.  
Schwerpunkt ist seit langem schon das soziale Lernen. Die Lehrer arbeiten eng mit der Schulstation zusammen. Es werden unter den Schülern Streitschlichter ausgebildet, die einen eigenen Raum für Gespräche zur Verfügung haben.
Im offenen Ganztagsbetrieb können die Schüler von 6.00 bis 18.00 Uhr betreut werden und der Hort bietet täglich eine warme Mahlzeit an.
Neben dem Unterricht gibt es diverse Arbeitsgemeinschaften für die Bereiche Sport, Musik und Theater, aber auch für zusätzliche Sprachen wie Türkisch oder Latein.

Darüber hinaus nennt sich die Grundschule an der Bäke auch „lesende Schule“. Es gibt eine ehrenamtlich betreute Schülerbibliothek und viele Lesepaten, hier jedoch nicht wie an anderen Schulen organisiert über die üblichen Verbände, sondern durch die Schule selbst. Es sind Eltern oder andere Verwandte der Kinder, die sich engagieren, oder auch Leute aus der Nachbarschaft, die diese Schule unterstützen wollen. Und es gibt nicht nur Lesepaten, sondern auch Paten für Mathematik und Hausaufgaben.

Allgemein ist diese Schule im Kiez dafür bekannt, dass hier ein besonders gutes Schulklima herrscht und Lehrer, Schüler und Eltern gut zusammenarbeiten.

Christine Bitterwolf


Grundschule an der Bäke
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