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31.10.2012 / Menschen in Schöneberg

Das „Drugstore“ feiert sein 40-Jähriges

Verschlissene Motorradlederjacken mit Nieten, dazu kunterbunte Igelfrisuren. Reißfeste Bomberjacken mit Hosenträgern, obendrauf stoppelige Kahlköpfe. Beides mit möglichst vielen Band-Buttons. Alles je nach Gemüt – oder Geschlecht – auf engen Jeans und Springerstiefel oder Karo-Röckchen, Netzstrumpfhosen und Kreppsohlenschuhe. Berlin 1981? Nein – Berlin 2012!
Foto: Timothy W. Donohoe

Und genauer: Berlin-Schöneberg, Potsdamer Straße Ecke Pallasstraße. Dort befindet sich die eher unrepräsentative Seite Schönebergs; bloß 200 Meter westlich davon liegt die coole, unkonventionelle Goltzstraße, doch könnte sie zwei Meilen entfernt sein. Aber hier, an vier Straßenecken, steht das „steinerne Berlin“, in all seinen Vor- und Nachkriegsvariationen.

Gleich südlich der Kreuzung liegt die Potsdamer Straße 180. In der zweiten Etage des BVG-Hauses sind die Räumlichkeiten eines Kollektivs namens „Drugstore“ untergebracht. Einige Punkrocker und Skinheads warten in kleinen Gruppen vor der Eingangstür auf den Start des abendlichen Konzerts. Manche mit Softdrinkdosen, andere mit Bierflaschen in der Hand. Sie skandieren den revolutionären spanischen Spruch „no pasarán!“, doch lassen sie Besucher mit einem freundlichen Lächeln vorbei. Das Treppenhaus ist blankweiß, riecht allerdings nach dem gestrig gegessenen Döner und dem (all-)gegenwärtigen Bier. Oben, im Flur, lungern ein paar junge Punks auf einem alten Plüschsofa herum, und plaudern. Hinter der Etagentür befindet sich ein riesiger Saal, weit über 100 Quadratmeter groß. Zur Straßenseite steht die Bühne; gegenüber eine Bartheke und weiteres bejahrtes Mobiliar. Hier stehen noch mehr junge Menschen herum – männliche sowie weibliche. Mal sind sie in Schwarz gekleidet, mal in Tarngrün, mal in allen möglichen, froh gemischten Farben.

Im Saal wartet Bonny S., 25 Jahre alt. Die nach eigenen Angaben aus „MeckPom“ stammende Frau kam nach Berlin, weil „man hier ständig was machen kann. Die Stadt bietet eine gute Mischung aus Party, Politik und Stress“. Seit sechs Jahren besucht Bonny das Drugstore, seit vier ist sie Mitglied des Kollektivs. Sie beschreibt den überbezirklichen Treffpunkt als „¸Hangout`“ für überwiegend junge Leute, wo sie sich mit anderen direkt an der Gestaltung des Gruppenlebens beteiligen können“. Kollektiv-Kollege Malte M., 28 , betont dass „nicht nur Punks und (nichtrassistische) Skins, sondern auch Metaller, Hip-Hopper und ‚Goths’ den Laden besuchen. Und – die Mischung mit einigen Älteren aus der alternativen Szene trägt ihr Gutes dazu bei.“

Im September 2012 feierte das Drugstore sein 40-jähriges Bestehen mit Partys und Konzerten. Das von dem Verein Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Berlin verwaltete Jugendprojekt ist eins der ältesten ihrer Art in Berlin; wurde nach gesammelten Erfahrungen mit dem Kreuzberger "Georg-von-Rauch-Haus" – das erste selbstverwaltete Jugendwohnkollektiv in West-Berlin – gestartet. Nach wie vor steht das bezirkliche Jugendamt dem Projekt mit finanzieller Hilfe und formellem Rat zur Seite. Zum Trägerverein „SSB“ gehören heute auch die Wohnkollektive in der Wilhelmstraße 9 (als Tommy-Weisbecker-Haus bekannt) in Kreuzberg und Mansteinstraße 10 in Schöneberg.

Nicht nur laute Musik wird im Drugstore regelmäßig angeboten. Auch an jedem Montagabend bietet eine selbstorganisierte Volksküche vegetarische Gerichte für wenig Geld an. Am Dienstagabend findet ein offenes Plenum, an allen Sonntagen ein kostenloser Filmabend – inklusive Popcorn – statt. Bei den Filmen handelt es sich keineswegs um Blockbuster, sondern vielmehr um Themenkino – erst neulich ein Stummfilm-Abend. An jedem ersten Samstag wird das Programm mit einer Disco-Fête für die „Gothic“-Szene, die sie „Nox Arcana“ nennen, angereichert. Sämtliche Veranstaltungen sind für Interessenten jeden Alters zugänglich. Doch für Alle gilt eine goldene Regel, die auf der Website www.drugstore-berlin.de zu finden ist: Keine Nazis, keine Hunde, kein „Hardalk“ (hochprozentiger Alkohol).

Zum Schluss Bonny S.: „Eine Informationstafel zu dem Projekt mit Pressespiegel und Fotodokumentation kann zu Öffnungsseiten gesichtet werden. Zudem stehen Kollektivmitglieder zum offenen Gespräch bereit. Und selbstverständlich dürfen alle, die wollen, Fragen stellen und mitmachen“.

Timothy W. Donohoe

Drugstore
Potsdamer Str. 180 - 10827 Berlin
http://ssb.tommyhaus.org/drugstore

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