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31.10.2012 / Orte und Plätze

Das Alliierten-Museum soll nach Tempelhof

In Reaktion auf einen ursprünglichen Antrag der CDU vom März und auf ein entsprechendes Votum von BVV und Kulturausschuss hat das Bezirksamt dem Parlament mitgeteilt, dass es in zwei Schreiben an das Land und den Bund beide davon in Kenntnis gesetzt hat, dass der politische Wille des Bezirks eine Verlegung des seit 1998 in der Zehlendorfer Clayallee bestehenden Alliiertenmuseums in den Hangar 7 des ehemaligen Tempelhofer Flughafens für wünschenswert erachtet.
Ein Stück amerikanisches „Spionage(r)ohr“. Foto: Ottmar Fischer

In der „Mitteilung zur Kenntnisnahme“ heißt es dazu: „Auch aus bezirklicher Sicht wäre die Übersiedlung des Alliiertenmuseums nach Tempelhof ein großer Gewinn, denn die Geschichte der Alliierten ist unmittelbar mit dem Flughafengelände verbunden.“ Da trifft es sich gut, dass bereits der Gründungsdirektor des Museums, Dr. Helmut Trotnow, zum Ende seiner Amtszeit 2010 einen solchen Umzug empfohlen hatte, denn die Zeit bleibt nicht stehen: Einerseits nimmt die Zahl derer naturgemäß ab, die über ausgestellte Belegstücke eigene Erinnerungen wachrufen wollen. Andererseits gibt es immer mehr Menschen, die aufgrund ihres Alters gar keine eigenen Erfahrungen mit der Nachkriegszeit verbinden können. Darauf sollte man sich daher bei Konzept und Standort einstellen.
Wie das Bezirksamt weiter mitteilt, hat ein vom Bund in Auftrag gegebenes Gutachten inzwischen ergeben, dass ein Umzug in den Hangar 7 nicht nur vorteilhaft für die touristische Erschließung des Themas, sondern  auch  die kostengünstigste Variante wäre. Trotz der dazu bereits aufgenommenen Gespräche zwischen Land und Bund gebe es bislang aber noch keine Ergebnisse.

Was ist zu sehen?
Wer das Museum durch den Eingang des ehemaligen amerikanischen Kinos „Outpost-Theater“ betritt, wird zunächst an Schaukästen entlanggeführt, die neben allerlei militärischem und zivilem Trödelkram auch zeitgeschichtlich Informatives enthalten. Dazu gehören etwa die „Bestimmungen über die Schulspeisung“ von 1949 in Schreibschrift, in denen unter Punkt 6 verkündet wird: „Ein Anspruch versäumtes Essen nachzuholen besteht nicht.“ Und unter Punkt 7 heißt es: „Sofern Essen übrigbleibt, wird es an Schulspeisungsteilnehmer mit freien Tagesfeldern ausgeteilt, aber nur, wenn eine Besch. der Eltern über den Grund des Essensversäumnis vorgelegt wird.“ Selbst an den Schulen scheint man damals keine Zeit für Rechtschreibung und Kommasetzung gehabt zu haben.

Hinter einem demonstrativ mit Kohlesäcken gefüllten Graben geht es zur Luftbrücken-Dokumentation. Mit einem Anteil von 67% an der Gesamtfracht war Kohle neben den Lebensmitteln das wichtigste Transportgut, erfährt man hier, das jedoch vor allem der Stromerzeugung in den West-Berliner Kraftwerken diente. Aber es regnete auch Schokolade vom Himmel, weswegen neben einem Foto von Flieger Halverson und einem seiner für den Schokoladenabwurf selbst gebastelten Taschentuchfallschirme auch der Brief eines Berliner Jungen an ihn mit der Adresse „Flughafen Tempelhof“ ausgestellt ist. Darin heißt es: „Lieber Schokoladenflieger! Gern hätte ich auch einmal Schokolade gegessen, aber nie ist ein Fallschirm von Dir in unserem Garten vom Krankenhaus gelandet. 6 Wochen war ich im Krankenhaus und habe Eure Flugzeuge beobachtet. Ich kann jede Type unterscheiden.“ Ein solcher Typ steht draußen im Freigelände neben dem Speisewagen des französischen Militärzugs, eine britische Hastings TG 503.

Im ehemaligen Bibliotheksgebäude dahinter gibt es als Leckerbissen aus der Kiste Kalter Krieg ein anschaulich wieder hergestelltes Stück Tunnel von jenem 600 Meter langen Spionagetunnel, den US-Pioniere im Auftrag der CIA von einer als Lagerhalle getarnten Radaranlage aus bis in den Osten gegraben hatten, um sowjetische Telefonleitungen anzuzapfen. Freilich war das Unternehmen von Anfang an durch den Spion George Blake verraten gewesen. Doch um ihren Spion vor der Enttarnung zu schützen, ließen die Sowjets die Sache erst bei einer unverdächtigen Gelegenheit hochgehen: Heftige Frühlingsregen hatten mehrere Kurzschlüsse herbeigeführt, sodass die Sowjets eine ganz selbstverständlich erscheinende Inspektion durchführen konnten, die dann öffentlichkeitswirksam als Entdeckung amerikanischer Spionagetätigkeit in Szene gesetzt wurde.

Wenn nun tatsächlich der Umzug des Museums nach Tempelhof durchgeführt werden sollte, so sollte mit dem Standortwechsel auch eine Neukonzeptionierung verbunden werden. Und bei der Erarbeitung eines neuen Konzepts sollten BVV und Bezirk mitwirken, um die Anbindung des neuen Museums an das eigene Tourismuskonzept zu erleichtern. Überhaupt stellt sich die Frage, ob bei dieser Gelegenheit nicht auch der bisherige Trägerverein aufgelöst werden sollte. Bislang besteht der Verein aus sieben Mitgliedern, neben Land und Bund sind dies die drei ehemaligen Westmächte sowie das Deutsche Historische Museum und das Institut für Zeitgeschichte. Zu allem Überfluss gibt es dann aber auch noch einen Beirat, der wiederum von den ehemaligen Westmächten bestückt wird, nämlich mit jeweils drei wissenschaftlichen Mitarbeitern. Die bringen dann eine solch langweilige Sonderausstellung zuwege wie die jetzige Erinnerung an das Sportgeschehen in den drei westlichen Garnisonen, die im wesentlichen aus einer riesigen Vitrine mit Pokalen besteht.

Bei aller Freude über den gerade für uns Deutsche glücklichen Ausgang der Nachkriegsgeschichte sollte eine mit dem Umzug zu verknüpfende Neukonzeptionierung etwas weniger politisch korrekte Alliiertenbejubelung enthalten und stattdessen mehr Hintergrundwissen ausbreiten. Dafür ist das Historische Museum bestens bewährt, weswegen ihm auch die alleinige Trägerschaft angedient werden sollte. Im Beirat sollten statt der ehemaligen Westmächte nur noch Land und Bezirk sich um die Tourismuserschließung kümmern, denn das historische Wissen ist am besten bei den Historikern aufgehoben. Dann könnte die interessierte Öffentlichkeit endlich auch etwas zu den Diskussionen erfahren, die vor dem Entschluss zu einer Luftbrücke nach Berlin bei den Westmächten stattfanden. Immerhin rieten etwa die Vereinigten Stabschefs  der USA zum Rückzug aus Berlin, weil Amerika keinen neuen Krieg führen könne und die Franzosen reagierten auf die krisenhafte Entwicklung in Berlin zunächst mit einem massiven Personalabbau. In ein neues Museum an seinem neuen Standort gehört die ganze Wahrheit!

Ottmar Fischer

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