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30.09.2018

Damals in Friedenau

Die seit 1871 entstehende Landgemeinde Friedenau ist trotz aller Veränderungen auch heute noch in Anlage und Struktur gut zu erkennen.

Schmargendorfer- Ecke Lauterstraße. Foto: Archiv edition Friedenauer Brücke

Die fast immer von mehreren Familien und Generationen bewohnten Landhäuser waren schlicht, doch standen sie einzeln an baumbestandenen Straßen, hatten einen Vorgarten und hinter dem Haus war Platz für den Anbau von Kräutern, Obst und Gemüse, oder auch für eine Werkstatt. Der bis heute vorherrschende Eindruck einer grünen Oase im steinernen Umfeld der herangewachsenen Großstadt lässt kaum jemanden ahnen, dass es sich bei dem kleinsten Ortsteil des heutigen Bezirks um den am dichtesten bewohnten Stadtteil ganz Berlins handelt. Was wohl auch daran liegt, dass die ursprüngliche Bebauung schon in der Wachstumsphase zunächst durch Villen ergänzt oder ersetzt wurde, bald darauf aber durch vier- und fünfstöckige Mietshäuser, so dass auf den ersten Blick vor allem die für den heutigen Autoverkehr viel zu engen Straßen daran erinnern, dass die ersten Siedler „auf dem Lande“ zu wohnen die Absicht hatten.

Von allen Straßen vermittelt die Schmargendorfer Straße im Bereich zwischen dem damaligen Wilmersdorfer Platz (heute: Renée-Sintenis-Platz) und Friedrich-Wilhelm-Platz noch am ehesten einen Eindruck von der ursprünglichen Bebauung. Denn hier ist im Ensemble mit den nachfolgenden Stadtvillen und mehrgeschossigen Mietshäusern die größte Anzahl ursprünglicher Landhäuser erhalten, entstanden in den 1880er Jahren. In der damals unter heftigen Auseinandersetzungen mit der Nummer 13 versehenen Villa, das im Jahre 1903 durch ein Mietshaus ersetzt wurde, wuchs die Enkelin jenes Gemeindevorstehers Adolf Fehler auf, nach dem die Fehlerstraße benannt ist. Glücklicherweise hat sie Erinnerungen verfasst unter dem Titel „Meinen Söhnen und Enkeln! Im Oktober 1940“, die in „Friedenau erzählt – Geschichten aus einem Berliner Vorort 1871-1914“ der edition Friedenauer Brücke erstmals veröffentlicht wurden. Darin erzählt die Friedenauerin der ersten Stunde von jener „guten alten Zeit“, als alles anfing, und wie es sich damals anfühlte, unter jenen Bedingungen den eigenen Platz zu suchen und zu finden. Und sie tut dies in einer Sprache, die nicht nur im Ausdruck, sondern auch in den Werturteilen ganz eins ist mit ihrer Zeit. Auch den heutigen Leser berührt ihr warmer Familienton, in dem sie sich ja eigentlich an ihre eigenen Nachkommen wendet, wohl in dem bangen Wissen um die Vergänglichkeit der Zeit.

Wir freuen uns, unseren Lesern in vier Fortsetzungen, beginnend in dieser Ausgabe auf Seite 3, einen wesentlichen Teil dieser Aufzeichnungen vorstellen zu können, und danken der Verlegerin Evelyn Weissberg, dass sie uns diesen authentischen Text dafür zur Verfügung gestellt hat. Anzumerken ist noch, dass voraussichtlich noch in diesem Jahr in der edition Friedenauer Brücke ein neuer großer Bildband mit zahlreichen Aufnahmen und Texten  mit dem Titel „Der Geist von Friedenau“ erscheinen wird, in dem der interessierte Leser auch einige Passagen aus diesen Erinnerungen wiederfinden kann.

Ottmar Fischer

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