Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

31.10.2020

„Dada“ oder der Sinn des Unsinns

Von Maria Schinnen. Fünf Treppen waren es bis zum Dachatelier von Hannah Höch in Berlin-Friedenau. Hier, in der Büsingstraße 16, lebte und arbeitete die erste Dadaistin Berlins von 1917 bis 1933, hier entstanden viele ihrer Collagen und Malereien, hier erfand sie auch die „zeitkritische Fotomontage“, mit der sie international bekannt wurde.

Schnitt mit dem Küchenmesser von Hannah Höch.

Eines ihrer berühmtesten Collagen finden wir heute in der Neuen Nationalgalerie. Es ist der 1919 entstandene „Schnitt mit dem Küchenmesser. Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands.“ In diesem Wimmelbild montierte und komponierte sie Maschinen- und Körperteile, Buchstaben und Wortfetzen, Schnipsel aus Magazinen und Zeitungen. Nicht zueinander passende, zerstückelte Abbildungen zwang sie in einen ganzheitlichen Bildkontext. Das ein Quadratmeter große Tafelbild war erstmals 1920 bei der internationalen Dada-Messe in Berlin zu sehen. Es wurde zu einer Art Symbol des Dadaismus.

Dadaismus – die lachende Verzweiflung

Der Dadaismus war die künstlerische Antwort auf die unbegreiflichen und sinnlosen Kriegsereignisse des Ersten Weltkriegs. Fast zehn Millionen Tote, unzählige Witwen, Weisen, Invaliden waren seine Bilanz. Das Deutsche Kaiserreich und sein Militarismusglaube, sein patriotischer Wertekanon, die bürgerliche Scheinheiligkeit hatten zum Massentod auf die Schlachtfelder geführt. Der Mensch war zur Maschine entartet, Kultur und Bildung waren erstarrt und Herr über allem war das Militär. Die Nationalideologie und der Militarismus wurden von den Ewiggestrigen weiterhin bejubelt. Auf diese Perversion reagierten die Dadaisten mit Sarkasmus. Ihr Ziel war es, die Lügen und Selbsttäuschungen zu entlarven, die grotesken Widersprüche aufzuzeigen, die gesellschaftlichen Verkrustungen aufzubrechen. Sie wollten die Menschen verstören, ihnen einen Spiegel vor ihr scheinheiliges Gesicht halten. Nihilismus, Schock, Provokation, Gesellschaftskritik, Anarchie waren ihre Mittel. Sie zerstückelten Gesichter und Körper, deplatzierten sie, verstümmelten und verzerrten Gestalten. DADA war “die lachende Verzweiflung ...

Entstanden war der Dadaismus im Jahr 1916 in der neutralen Schweiz. Auf der Züricher Kleinkunstbühne „Cabaret Voltaire“ boten Hugo Ball, Tristan Tzara und Richard Hülsenbeck abendliche Pantomime-Vorstellungen, szenische Bühnenstücke und Lesungen. Aus vielen Teilen der Welt kamen die Künstler ins neutrale Zürich. Sie wollten eine neue Kunst schaffen, eine Antikunst. Der Begriff  „Dada“ aus der Kleinkindsprache gab der Bewegung ihren Namen.

Von Zürich aus verbreiteten sich die Dadaisten in ganz Europa und Amerika. In Berlin entstand das erste Dada-Zentrum Deutschlands. Am 12. April 1918 fand eine Soirée  dieses „Club-Dada“ statt. Hier stellte der Schweizer Dadaist Richard Huelsenbeck sein dadaistisches Manifest vor und verteilte es als Flugblatt. Huelsenbeck sah seinen Beruf darin, den Deutschen ihre Kulturideologie, die sie als Droge für ihr Gewissen benutzen und den Krieg mit Goethe und Schiller nach außen und innen rechtfertigen, zusammenzuschlagen. Mit allen Mitteln der Satire, des Bluffs, der Ironie, am Ende aber auch mit Gewalt müsse gegen diese Kultur vorgegangen werden. Gegen angemessene Preise sei alles, was mit Geist, Kultur und Innerlichkeit zusammenhängt, symbolisch zu schlachten ... Das Manifest wurde nach dem Erscheinen beschlagnahmt.

1920 fand die Erste Internationale Dada-Messe in der Galerie Dr. Otto Burchard am Lützowufer 13 statt. George Grosz, John Heartfield, Raoul Hausmann und der Oberdada Johannes Baader waren die Organisatoren. Auch Hannah Höch, die einzige Frau des Club-Dada, war mit dabei. 174 Objekte von 27 Dadaisten, Gemälde, Druckbögen, Collagen, Buchumschläge, Aquarelle, Zeichnungen, Dada-Zeitungen, Plakate und Reklameentwürfe hingen auf engstem Raum. Es gab kein einheitliches Programm, jeder Künstler fand seine eigene dadaistische Ausdrucksweise. Gemeinsam war ihnen die Protesthaltung, der Wunsch, Literatur und bildnerische Kunst radikal zu revolutionieren, die bürgerliche Ordnung und den Militarismus lächerlich zu machen, Gegensätze auf die Spitze zu treiben, die Sinnlosigkeit von Logik zu verdeutlichen. Lärmmusik, Simultanvorträge, Zufallsgedichte, Fotomontagen und Collagen aus Zeitungsausschnitten, Fotos und Alltagsgegenständen gehörten zu ihren Ausdrucksmitteln.

Der größte Teil der Messebesucher war erbost über die ausgestellten Werke. Ein anonymer Besucher schrieb in der Deutschen Tageszeitung: „... Es liegt System darin, das deutsche Gemüt, das deutsche Herz und die deutsche Seele mit Gewalt zu vergiften.“ Besonders empörten sich die Besucher über die Verunglimpfungen der Reichswehr. Stein des Anstoßes waren z.B. „Der wildgewordene Spießer Heartfield“ von George Grosz und John Heartfield, einer Schneiderpuppe mit einer Glühbirne als Kopf, Armstümpfen mit Türklingel und Revolver, einem Gebiss zwischen den Beinen und einer rostigen Brust, die mit den höchsten militärischen Orden Preußens dekoriert war. Das war kein Mensch mit Verstand, denn sein Gehirn konnte nach Belieben an- und ausgeknipst werden. Unter der Decke hing der „Preußische Erzengel“, eine ausgestopfte Uniform eines preußischen Offiziers, ausgestattet mit einem Schweinskopf aus Pappmaschee. Diese Puppe und die Mappe „Gott mit uns“ von George Grosz führten zu einem Prozess wegen Beleidigung der Reichswehr. Die Ausstellung sei eine systematische Hetze gegen die Offiziere und das Heer. Das Gericht verhängte Geldstrafen von insgesamt 900 RM.

Die Dada-Messe in Berlin war der Höhepunkt der Bewegung, läutete aber zugleich ihr Ende ein. Ab 1922 gingen die Dadaisten getrennte Wege. Einige entwickelten neue Kunstrichtungen, z.B. den Surrealismus.

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden