Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

4.06.2019

Da stand, dass er Humor hat

Von Zuhruddin und Sabine Burmester, die sich aufeinander einließen – und voneinander lernten

Foto: NBHS, B.Lüders

Vor bald vier Jahren wurde Sabine Burmester Vormund für einen Jugendlichen aus Afghanistan. Das war die Zeit, in der sich Hunderttausende von Menschen auf den Weg nach Europa machten – weg aus Kriegs- und Krisengebieten in der Hoffnung auf ein besseres Leben, oft auch einfach nur um zu überleben. Einer von ihnen war Zuhruddin.

Der Sozialpädagogin Burmester aus Wilmersdorf war schnell klar: Das können nicht alleine die staatlichen Institutionen schultern, hier sind ebenso die Bürgerinnen und Bürger gefragt. Aber was tun? Irgendwann entdeckte sie dann auf dem Heimweg dieses Plakat „Vormund gesucht!“ von Cura, dem Vormundschaftsverein des Nachbarschaftsheim Schöneberg. Das war eine Aufgabe, die sie sich zutrauen würde: einem einzelnen Jugendlichen zur Seite zu stehen.

Sie rief bei Cura an, hatte sofort ein gutes Gefühl. Die Mitarbeiterin war ihr sympathisch, und sie wirkte ausgesprochen kompetent. Es gab Informationen zu den Vormundschaften, Frau Burmester besuchte Schulungen, Fragen wurden geklärt, Unsicherheiten besprochen. Eines Tages holte die Mitarbeiterin von Cura dann einen großen Ordner aus dem Regal. Hier waren die jungen Geflüchteten vermerkt, die einen Vormund brauchten, und es stand die Frage im Raum: „Wie soll ich denn nun jemanden kennenlernen? Ich kann doch keinen Jugendlichen aus einem Ordner aussuchen!“ so Sabine Burmester. Ein paar Informationen halfen ihr bei der Entscheidung. „ Ich hatte zunächst Syrien im Kopf“ erzählt sie, „aber dann ist es ein 15 Jähriger aus Afghanistan geworden“. Ausschlaggebend für sie war, dass Zuhruddin aus Kabul kam und somit an das Leben in einer Großstadt gewöhnt war. Vor allem aber hieß es, dass er Humor habe: „Da war es dann klar für mich. Es gab sicherlich genug Probleme zu bewältigen, da konnte eine ordentliche Portion Humor nur gut sein!“. Ansonsten wusste sie nicht sehr viel mehr über ihn, als dass er als einziges Kind der Familie alleine über vier bis fünf Monate auf dem Landweg nach Europa gekommen war.

Cura arrangierte ein erstes Treffen und so lernten sich Zuhruddin und Sabine Burmester im Jahr 2016 kennen. „Schüchtern, sehr sehr schüchtern, ein richtiges Kind noch“, so war ihr erster Eindruck von Zuhruddin. Ein iranischer Betreuer in der Notunterkunft übersetzte ihre Unterhaltung. Beide hatten Bedenkzeit, um der Vormundschaft zuzustimmen. Bereits am nächsten Tag hatten sie sich entschieden – Was ein Vormund aber wirklich für Aufgaben hat, ist dem Jugendlichen erst ganz allmählich verständlich geworden.   

Mit der Entscheidung ging es dann auch sofort los: Unzählige Aufgaben, aber auch ganz eindeutige waren zu erledigen“, so die Ehrenamtliche, „Als erstes musste sehr schnell die Suche nach einer WG für Zuhruddin beginnen. Das war nicht einfach, es gab viele Interessenten. Gemeinsam schauten wir uns Unterkünfte an. Drei Monate hat es ungefähr gedauert, bis endlich eine WG in Berlin-Weißensee gefunden war. Die passte dann sehr gut. Mir war wichtig, dass dort auch deutsche Jugendliche wohnten, damit Zuhruddin die Sprache schnell lernt. Hier blieb er für insgesamt sieben Monate. Dann kam der große Knall: Zuhruddin überwarf sich mit seinem Betreuer und tauchte ab.“ Zwei Wochen lang war unklar, wo er sich aufhielt. Sabine Burmester machte sich Sorgen, Zweifel begannen an ihr zu nagen, ob sie der Aufgabe noch weiter gewachsen wäre. Aber dann entschloss sie sich, aktiv nach Zuhruddin zu suchen, über soziale Netzwerke und Orte von denen sie wusste, dass er dort häufig anzutreffen war. Schließlich fand sie ihn in Spandau, wo er bei älteren Freunden untergekommen war. Letztlich waren alle froh, dass sie wieder Kontakt hatten und gemeinsam die Krise meistern konnten.

Aufgrund ihrer eigenen Erfahrung, aber auch durch die Begleitung bei Cura und den Austausch mit anderen ehrenamtlichen Vormündern, wusste Sabine Burmester: Die Vorstellungen von einem Leben in Deutschland und die Realität, die die Jugendlichen dann vorfinden, klaffen oft weit auseinander. Monatelang waren sie auf der Flucht, meist allein auf sich gestellt,  und dann am Ziel ihrer Träume angekommen finden sie sich wieder -  in beengten Wohnverhältnissen, mit Betreuern, die ihnen Vorschriften machen, geringen finanziellen Mitteln und dem Gefühl wenig zu gelten in einer ihnen fremden Kultur, deren Sprache sie nicht beherrschen. Die Anpassungsleistungen, die den Jugendlichen dabei abverlangt werden, sind manchmal einfach zu groß.

Im Fall von Zuhruddin ging glücklicherweise alles gut. Frau Burmester blieb dran und mit ihr auch viele andere, die ihn begleiteten. Mittlerweile lernt der erfolgreiche Schulabgänger Betriebselektronik in der Lehrlingswerkstatt der BVG und wird voraussichtlich im Februar 2021 die Ausbildung beenden; von seiner Ausbildungsvergütung finanziert er gerade den PKW-Führerschein. Frau Burmester, mittlerweile im Ruhestand, ist nun nicht mehr sein Vormund, sondern seine Patin, so etwas wie eine „ältere Tante“ für ihn. Etwa alle zwei Wochen sprechen sie miteinander, reden zum Beispiel über seine Zukunftspläne oder haben Gespräche über Demokratie und Politik, das interessiert ihn ganz besonders.
Alles in allem ist es sehr gut gelaufen für Zuhruddin. „Zuversichtlich ist er geworden, hat Selbstvertrauen gewonnen. Das Leben sieht er jetzt viel positiver“ sagt Sabine Burmester. „Die Bedingungen für seine Entwicklung in Deutschland waren gute – aber er selber wollte auch immer etwas erreichen, sich integrieren und weiterkommen“, betont sie noch einmal ausdrücklich.

Möchten auch Sie eine Zeit lang einen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen bei der Orientierung im Alltag und der Verwirklichung seiner Ziele begleiten? Dann ist eine ehrenamtliche Vormundschaft oder Patenschaft vielleicht genau das Richtige für Sie! Wir schulen, vermitteln und beraten dabei. Hier erfahren Sie mehr:
Cura Vormundschaftsverein,
Lepsiusstraße 44, 12163 Berlin-Steglitz
Telefon: 221 828 860, Mail: vormundschaft@nbhs.de
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