Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

11.03.2018

„... Brunnen, verschwiegene Weibsmopse ...“

Ottmar Fischer über die Ausstellung "Die 1. Generation - Bildhauerinnen der Berliner Moderne" im Georg Kolbe Museum.

Daphne, Figur von Rene Sintenis, Detailansicht.

Nach Platon und Aristoteles sind alle irdischen Erscheinungen Ausdruck überirdischer Ideen, weswegen auch die Schönheit himmlischen Ursprungs ist. In der Kunst kann diese überirdische Schönheit aber nur wiedergefunden werden, sofern die Künstler sich über die Bespiegelung der chaotisch scheinenden Welt erheben und die ihr zugrunde liegende Göttlichkeit suchen. Die Befähigung dazu muss hart erarbeitet werden, durch Weltabgewandtheit, freiwillig oder fremdgegeben, durch Distanz zum sich selbst genügenden Vergnügen.

Joachim Ringelnatz („Kuddel Daddeldu“) bewunderte an seiner unerreichbaren Freundin Renée Sintenis, die er in Gedichten und Briefen liebevoll „Indianerschöne“ nannte, dass sie im Gegensatz zu ihm zu dieser Askese fähig war. Und Wolfgang Borchert dichtete ihr zu:

Wenn Du
jetzt lachen würdest,
so würde es dunkel tönend verhauchen -
wie unendliche Nächte.

Aber Du lachst nicht -
Du träumst noch ---


Sie selbst schuf dafür in ihrer „Daphne“ ein gleichnishaftes Abbild. Es zeigt die mythische Bergnymphe auf der Flucht vor dem liebestollen Apollon, wie sie sich verwandelt in den Baum der Bergeshöhen, in einen Lorbeer, unerreichbar für den verstörenden Gott. Doch die Flucht der Künstlerin, wenn auch vor anderen Göttern, begann bereits in der von Feld und Flur umrahmten Neuruppiner Kindheit. So sagt die später Lorbeerbekränzte über sich selbst: „Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, so ist es mir, als sei ich durch alle Erlebnisse wie durch einen Traum hindurchgegangen, und zwar so, als ob mich das Leben, das ich zu führen hatte, irgendwie gar nicht anginge.“

Ein ander Mal sagt sie über den realen Ort ihrer Zuflucht: „Ich habe mein ganzes Leben mit Tieren verbracht. Es lag über mir eine vollkommene Unfähigkeit, mit Menschen auszukommen, mit ihnen zu leben. Die Tiere waren mir eine absolute Zuflucht gegenüber all den Anforderungen des Lebens an mich, denen ich mich nicht gewachsen fühlte, weil sie wie ein Stück fremder Organismus in meinem Körper waren. Die Tiere forderten nichts von mir, sie wollten nichts, bei ihnen durfte ich ich selber sein.“ Und ihre Schwester erinnert sich: „Wenn man sie vergeblich zum Essen rief, steckte sie bestimmt im Pferdestall und sah und hörte nichts als die großen stummen Mitgeschöpfe.“ Wer sich nur einen kurzen Augenblick des Verweilens an ihrem grasenden Fohlen auf dem Friedenauer Renée-Sintenis-Platz gönnt, kann die heilende Kraft dieser Zuflucht nachempfinden.

Der lachende Apfel

In der neuen Ausstellung des Georg-Kolbe-Museums wird den Spuren von zehn Frauen nachgegangen, die gleich der Sintenis ihre Zuwendung zur bildnerischen Gestaltung gegen alle inneren und äußeren Widerstände durchsetzen konnten. Allen gemeinsam ist die Geburt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, ihr mühevoll erkämpfter Zugang zu den handwerklichen Lernstätten. Die Sintenis etwa verlässt nach der Übersiedelung der Familie nach Berlin das Gymnasium ohne Abschluss und beginnt ein Studium in der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums, denn dies ist neben der Malschule des bereits 1867 gegründeten „Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin“ die einzige Möglichkeit für Frauen, das künstlerische Handwerk zu erlernen, die Akademien bleiben ihnen bis zur revolutionären Wende von 1919 verschlossen.

Auf ihrem Weg zur eigenen Gestaltfindung bleiben die Frauen nicht unbeeinflusst von den künstlerischen Entwicklungen der Zeit. Die in der Ausstellung „Die Erste Generation“ gezeigten Werke spiegeln die Abkehr vom Expressionismus mit seinen Formen barocker Ausdruckskraft wider, deren Überdehnungen in den Schlachten des Ersten Weltkrieges zu Hohlformen ausgeglüht waren. Gegenständlichkeit ist nun wieder gefragt. Auch die Werke  aus den zeitgleich 1922 in Berlin stattfindenden ersten Einzelausstellungen von Milly Steger und Emy Röder zeugen in ihrer kompakten Formensprache und ihren gespannten Oberflächen von ihrer Herkunft aus dem Expressionismus. Doch hält nun auch die impressionistische Kleinteiligkeit Einzug in die Gestaltung, besonders schön in der mitfühlenden Lebendigkeit der Kleinplastiken der Sintenis.

Zur Wegbegleitung der Selbstfindung gehören die Hungerjahre. Im Atelier von Georg Kolbe verdient sich die Sintenis nach ihrem Abschied aus dem Elternhaus das erste Geld als Modell. Die aktuelle Ausstellung zeigt daher sinnvollerweise hoch an der Wand über der Daphne und dem von ihr geschaffenen Reich der Tiere und Menschen ein Foto Georg Kolbes von ihr als Akt-Modell. Doch schon am Eingang der Ausstellung werden die Besucher durch einen Lorbeerkranz der besonderen Art begrüßt. An der Wand gleich des ersten Raumes steht der Jubelruf der expressionistischen Lyrikerin Else Lasker-Schüler über ihre bewunderte Freundin Milly Steger geschrieben: „... ist eine Bändigerin, haut Löwen und Panther in Stein ... aber auch Brunnen, verschwiegene Weibsmopse ... ist eine Büffelin an Wurfkraft ... Dann lacht sie wie ein Apfel.“

Und in der Tat belegen die rund 100 gezeigten Werke von Milly Steger, Sophie Moll, Käthe Kollwitz, Marg Moll, Tina Haim-Wentscher, Renée Sintenis, Christa Winsloe, Emy Roeder, Jenny Wiegmann-Mucchi und Louise Stomps die außerordentliche „Wurfkraft“ ihrer Schöpferinnen. Im letzten Raum des Rundgangs begegnen wir dem gewichtigsten Werk der Ausstellung, der kolossalen „Mutter mit zwei Kindern“ von Käthe Kollwitz. In ihm vermittelt die geschlossene Form der Ausführung in besonderer Weise das Bergen und Schützen als Ausdruck elementarer Mütterlichkeit. Aber die Auseinandersetzung mit der eigenen Weiblichkeit führt die verschiedenen Künstlerinnen zu ganz unterschiedlichen Aussagen in unterschiedlichen Formen, in Stein und Marmor, in Bronze und Messing, in Holz und Gips.

Himmel und Erde

Da sehen wir eine Tanzende im Ausfallschritt, nicht wie die Daphne im Schrecken auf der bedingungslosen Flucht, sondern in hoffnungsvoller Erwartung, den Kopf in der Bewegungsrichtung mit geschlossenen Augen himmelwärts angehoben, die Arme in der gestischen Öffnung vorgestreckt. Wie einem gefrorenen Fundstück aus der Eiswelt der Gletscher begegnen wir einem sperrig daliegenden Akt, dessen menschliche Natur im Frost zwar gebogen und geborgen scheint, aber doch auch als Nähe spürbar ist. Wir erleben die katzengleiche Schmiegsamkeit geschwisterlich verbundener Freundinnen. Und wo eine Schwangere über ihren Zustand staunt, blickt in der Nähe die Mondgöttin unbewegt auf das weiblich Urgesetzliche, direkt neben einer Versinnbildlichung der Angst.

Überhaupt sind in allen Räumen auf kluge Weise Bezüge hergestellt, ohne die Sicht auf die einzelnen Kunstwerke zu beeinträchtigen. Erfahrbar ist das auch im Raum der Sintenis, der selbstredend von ihren mitfühlsam empfundenen Tierplastiken belebt ist, passend zur Berlinale auch mit dem von ihr geschaffenen Preis-Bären samt dem mehr kindlichen Vorläufer. Quer zum einsam windartigen Langbeinläufer Nurmi und in Reichweite zu einer Glasvitrine mit Dokumentarischem ist der sichtbar gewordene Unterschied zwischen Himmel und Erde platziert, dargeboten in zwei sprechenden Porträts, die zwar in dieselbe Richtung blicken, aber offenkundig nicht dasselbe sehen: In einem maskenartigen Selbstporträt zeigt sich die Sintenis als Göttin Athene, ihre milde Erhabenheit und Erhobenheit andeutend durch das nach unten geneigte Gesicht. Und als erdhafter Nachbar starrt der Riesenkopf ihres Freundes Ringelnatz störrisch nach vorne, als Opfer seiner irdischen Wut in einzelligen Lehm gebannt. Auch im wirklichen Leben wussten beide von diesem Unter-schied, sie als Hüterin ihrer Traumwelt in der Verwandlung zum Himmel gehoben, er als unwandelbarer Sarkasmen-Dichter in die Erde eingebrannt, und damit für die Himmels-Kunst verloren.

Im Eingangsraum ist dieser Kampf zwischen Himmel und Erde als Abschiedsgruß sehr lustig wiederholt: Zwei offenbar ernährungsfreudige Personen befinden sich in einem kunstbedingten Kontakt, eine Sängerin und ihr Zuhörer. Und während ihr weit geöffneter Mund sichtlich von himmlischen Momenten zu singen weiß, richtet sich sein Blick zwar ebenfalls in himmlische Gegenden, doch zeigt der Ausdruck des Gesichtes eher Entschlossenheit zum Durchhalten als ein Erlebnis von Glück. Nun bleibt zwar jedem Besucher dieser reichhaltigen Ausstellung nicht erspart, sich selbst auf die Kunstwerke einzulassen oder es zu unterlassen, das eine besser zu finden und das andere schlechter. Eines aber geht gar nicht, und zwar das, was die nationalsozialistischen Banausen mit der Sängerin und ihrem Zuhörer gemacht haben. Die nämlich entzogen das Paar nach der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ der Öffentlichkeit, vermutlich weil der begeisterten Sängerin der linke Busen dem losen Kleide entschlüpft war. Erst im Jahre 2010 wurde das humorvolle Werk bei Ausgrabungen vor dem Roten Rathaus wiedergefunden, sodass wir es in der Ausstellung nun bestaunen können.

Ottmar Fischer

Georg Kolbe Museum
Sensburger Allee 25
S-Bahnhof Heerstraße
Dienstag-Sonntag, 10-18 Uhr