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11.10.2017

Brennnessel - die deutsche Baumwolle

Not macht erfinderisch: Die Seeblockade der alliierten Kriegsgegner zeigte im Jahr 1917 – dem vierten Weltkriegsjahr – im Deutschen Reich immer mehr ihre Wirkung.

Foto: Hartmut Ulrich

Baumwolle für die Bekleidung von Soldaten und der Zivilbevölkerung wurde knapp.  Brennnesseln (Urtica dioica und Urtica urens maxima), obschon lange Zeit als wohlfeines  Gemüse oder auch als Tierfutter empfohlen, wurden nunmehr anderweitig dringend gebraucht. So meldete das Schöneberger Tageblatt im Oktober 1917:

„Verbot der Brennessel – Verfütterung. Laut der Verfügung des Kriegsministeriums vom 2. Oktober 1917 dürfen Brennesseln weder verfüttert noch als Gemüse verwendet werden. Sobald die Brennesseln abgeerntet sind, unterliegen sie der Meldepflicht an das Webstoffamt der Kriegsrohstoff-Abteilung des Kgl. Preußischen Kriegsministeriums, Berlin SW 48, Verlängerte Hedemannstraße 10 unter der Aufschrift „Nesselbeschlagnahme“. Zuwiderhandlungen werden nach § 6 der Bekanntmachung über die Sicherstellung von Kriegsbedarf vom 26. April 1917 mit Gefängnis bis zu einem Jahre oder mit Geldstrafe bis zu 10.000 Mark bestraft, sofern nicht nach allgemeinen Strafgesetzen höhere Strafen verwirkt sind. Nähere Auskunft erteilt die Nessel – Anbau – Gesellschaft m.b.H., Berlin W 8, Mohrenstraße 42 – 42.“

Berliner Schüler durften damals zwiespältige Freude empfunden haben; sie hatten zwar zur Erntezeit der Brennnesseln mehrfach bis zu zwei Tage schulfrei, durften sich aber über Hautjucken, Niesreiz etc. nicht beklagen.

 
Anmerkung: „Lange Zeit, vor allem während des 1. Weltkriegs, wurde die Sammlung von Urtica dioica in großem Umfang betrieben und daraus eine gebleichte  Faser von seidenartigem Glanz und großer Geschmeidigkeit zur Verarbeitung in der Textilindustrie (Nesselstoffe) gewonnen. Die dabei als Nebenprodukt anfallende Gummisubstanz erwies sich als ein gutes Klebemittel. Auch zur fabrikmäßigen Gewinnung von Chlorophyll wurden Brennnesseln als billiges Ausgangsmaterial häufig verwendet.“
Quelle: M. Furlenmeier; Wunderwelt der Heilpflanzen. Eltville am Rhein 1978, Seite 174

Ergänzung: Gäbe es bereits 1917 den Begriff der „Nachhaltigkeit“, hätte der „Kriegsausschuß für Oele und Fette“ einen Orden aus der Hand des Kaisers verdient.  Was haben Obstkerne, Margarine und Knochenbrühwürfel gemeinsam? Dazu schrieb das „Schöneberger Tageblatt“ am 4. Oktober 1917: „Bouillonwürfel für Obstkerne. Die Obstkernsammelstellen vergüten nach neuesten Abkommen für gesammelte Obst- und Kürbiskerne entweder Geldsummen oder Knochenbrühwürfel. Eine Zuteilung von Oel an die Sammler ist bei dem fünfprozentigen Oelgehalt praktisch undurchführbar. Das Obstkernoel wird im Interesse der Allgemeinheit zur Herstellung von Margarine verwendet. Dagegen ist es dem  Kriegsausschuß für Oele und Fette gelungen, durch die von ihm ausgebaute und sich immer ergiebiger gestaltende Knochenverwertung zur Fettgewinnung an die Sammler entweder Geld oder Knochenbrühwürfel zur Verteilung zu bringen. Die Knochenbrühwürfel sind ein vollwertiges Produkt von einwandfreier Beschaffenheit. Sie werden an die Sammler als besondere Vergütung in Anrechnung für gelieferte Kerne zum Selbstkostenpreis von 2 ½ Pfennig das Stück abgegeben.“

Hartmut Ulrich

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