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5.03.2013

Berlinale-Hopping '13 – Lust. Last. Frust.

Wie in jedem Jahr, hatte das Berlinalefieber mich wieder gepackt. Die Schlangen an den Vorverkaufsstellen wie immer lang, Zeit und Gelegenheit, sich mit anderen über die alten Zeiten auszutauschen, als man im zugigen Europacenter drei bis vier Stunden warten musste, ehe man sich bis an die Kassen vorgearbeitet hatte. Das ist jetzt besser geregelt, nach anderthalb Stunden hatte ich die ersten Tickets in der Tasche, nicht alles, was ich haben wollte.

Foto: Axel de Roche

Im Berlinale-Palast der übliche Stress: eine Stunde in der Kälte vor der Tür auf Einlass gewartet, weil sie es nicht geregelt kriegen, in diesem unmöglichen Gebäude den Strom der Herauskommen-den von dem der Einlass heischenden zu trennen. Hier ist alles auf die Stars ausgerichtet, wenn die nur gut über den roten Teppich kommen, ist alles in Ordnung. Wer sie sehen will, muss extra warten. Muss ich nicht.

Rumtelefonieren: kommst du mit, ich habe Karten! Wieder Leute getroffen, die ich nur auf der Berlinale sehe: auch wieder da? Gehen wir nachher einen Kaffee trinken? Geht nicht, der nächste Film wartet schon. Vielleicht sehen wir uns noch! Im Kinosaal diese unvergleichliche Atmosphäre, angeregte Unterhaltungen in Englisch, Französisch, Japanisch, Spanisch, die spielerische Eingangsmusik, die den Bombast bei Moritz de Hadeln abgelöst hat, das kleine Berlinalebärchen, ein Bärenkind sozusagen mit ausgestreckten Pfoten, wie ein Kind, das hochgenommen werden will, ich warte auf den Moment, wo sich auf der Leinwand seine Silhouette in den funkelnden Goldtropfen der Feuerblume herausbildet. Und dann kann es losgehen.
Um es gleich zu gestehen: ich habe mich der Filmlust gewidmet, ich hatte keinen Bock auf Last und Frust. Der „Weimar Touch“ interessierte mich, Filme der jüdischen Regisseure, die sie in den frühen 1930ern noch in Deutschland drehten, ehe sie emigrierten, und einige von jenen, die später in Hollywood entstanden. Ich war gespannt, was aus den „City Girls“ der 1910er und 20er Jahre geworden ist, über die die Berlinale 2007 in Stummfilmen berichtet hatte, jene rebellischen Frauen und Mädchen, die nach dem 1. Weltkrieg Korsetts und Zöpfe fallen ließen und die Berufswelt eroberten. Wie wurden sie fünfzehn Jahre später dargestellt? Die Röcke sind länger geworden und auch die Haare, und berufstätig sind sie auch, „kleine“ Verkäuferinnen oder Tippsen, wenn sie nicht gerade verarmte Baronessen sind, und alle, alle warten sie auf den Märchenprinzen. Die Aufmüpfigeren verkleiden sich gern als Männer, Hosenrollen waren in diesen Jahren en vogue. Es wird aber schnell wieder ins Kleidchen geschlüpft und mit hellem Stimmchen gezwitschert, oder das Trotzköpfchen gespielt, wenn ER auftaucht. Es ist zum Heulen. Ich bin enttäuscht. Eine hübsche Überraschung aber Max Reinhardts einziger Hollywoodfilm: Shakespeares Sommernachtstraum von 1935, Glanz und Glitter und Kitsch im Elfenreigen, aber gute Einfälle und hervorragende Darstellungen (der fünfzehnjährige Mickey Rooney als Puck!)

Hatte ich Pech mit meiner - mehr oder weniger freiwilligen – Filmauswahl, habe das Falsche erwischt? Dieser oder jener Forums- oder Panoramafilm, den ich gern gesehen hätte, wurde gelobt. Aber so ist das ja immer auf der Berlinale: manche Überraschungsfilme, weil das Gewünschte ausverkauft ist, und nicht immer ist es eine gute Überraschung.

Auch die Kollegen der großen Presse waren nicht alle zufrieden, wie ich las und hörte. Was war dieses Jahr mit der Jury los? Hier scheiden sich die Geister: ein hehres Thema macht noch keinen guten Film, dazu gehören auch ein gutes Drehbuch, eine gute Regie, gute schauspielerische Leistungen. So verdienstvoll es ist, kleine Filmländer zu unterstützen, sollte doch auf künstlerische Qualität geachtet werden. Wenn das so weitergeht, besteht die Gefahr, dass keine hochkarätigen Filme mehr auf die Berlinale geschickt werden! Vielleicht sollte man noch einen weiteren Bären für wichtige Themen ungeachtet sonstiger Qualitäten einführen?  Einen eisernen Bären zum Beispiel (Gold gab ich für Eisen...)!

Sigrid Wiegand

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