Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

5.05.2013

Berlin um 1950

Man solle „die Alten“ befragen, solange sie noch da seien, heißt es jetzt allenthalben, man solle sich von ihnen erzählen lassen, wie es gewesen sei, das Leben im Nationalsozialismus, im Krieg, in der Nachkriegszeit.

Die Schloßstraße am Hermann-Ehlers-Platz. Foto: Ernst Hahn

Zeitzeugenbörsen sind entstanden, alte Menschen erzählen von ihrer Jugend, vom Leben im Krieg, auf der Flucht, als Kinder, als Soldaten an der Front. Manches wird angezweifelt, weil Erinnerungen auch trügerisch sein können, die Gefahr von Vermischung mit späterem Wissen, nachträglichen Erkenntnissen besteht.

Bilder frieren den Augenblick ein

Eine ganz andere Art der Zeitzeugenschaft hat die edition Friedenauer Brücke mit ihrem Fotoband „Berlin um 1950“ dokumentiert. Bilder sprechen eine eigene Sprache. Keine Erinnerungstäuschungen, Fotos frieren den Augenblick ein. Der 1926 geborene Fotograf Ernst Hahn ist in den Jahren 1950 und 1951 mit seiner Rolleiflex durch Berlin gestreift und hat das Bild der zerstörten Stadt festgehalten.

Eine Auswahl von Abzügen seiner sorgfältig sortierten und aufbewahrten Negative hat die Edition in einem 200seitigen Bildband herausgebracht, Bilder, die zeigen: so war es, so hat Berlin ausgesehen fünf, sechs Jahre nach Kriegsende. „Man dachte, das ist so wie nach dem Dreißigjährigen Krieg und es würde ewig dauern, bis sich das wenigstens ein bisschen wieder normalisiert. Und dann war es ja eine relativ geringe Ewigkeit. Hier im Westen war ja schon 1950 eine relative Normalisierung erreicht, wenn auch natürlich noch alles kaputt war“ schrieb die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz im Januar 1986.

Das „normale Leben“

Wie kaputt alles war, zeigen die ohne künstlerische Ambitionen aufgenommenen Schwarz-Weiß-Fotos von Ernst Hahn; aber sie führen uns auch die „relative Normalisierung“ vor, von der Drewitz sprach. Der Fotograf hat seine Schnappschüsse in verschiedenen Berliner Bezirken „geschossen“, sie erzählen vom wieder erwachten „normalen“ Leben in der Stadt: einerseits die Zerstörungen (eine Tafel zeigt die Kriegsschäden im Berlin von 1945 mit ihrer Ballung in Mitte und den nordöstlichen Bezirken); dann im nächsten Schritt die von den Trümmerfrauen geputzten Mauersteine, die in Stapeln von je 200 Steinen aufgeschichtet, eine erste Ordnung in den Trümmerwüsten herstellen; Lastkähne fahren den Schutt ab, bringen Baumaterial. Wiederaufbau in West und Ost. Kinder spielen wie eh und je auf der Straße, Menschen spazieren im kahlen Tiergarten, Straßenändler bieten Seltsames feil. Westberlin hat die Luftbrücke hinter sich und ist auch noch nicht wieder richtig auf die Beine gekommen, es sieht alles noch etwas ärmlich aus. Außer auf dem Kurfürstendamm. Man glaubt es kaum: hier hat schon wieder die Eleganz Einzug gehalten! Man machte sich fein, Ernst Hahn hat schicke Autos und luxuriöse Schaufensterauslagen festgehalten – die Gleichzeitigkeit des Ungleichen. So wie die Stadt einmal war mit ihren armen und reichen Bezirken, so ersteht sie auch wieder. Neu ist die Teilung in Ost und West mit ihren unterschiedlichen Bedingungen, auch sie sind dokumentiert: Westberlin feiert den 1. Mai 1951 auf dem Platz der Republik, Ernst Reuter hält seine flammenden Reden; in Ostberlin trifft sich die Jugend der Welt – die frühen Jahre der Teilung der Stadt, als es noch keine Mauer gab.

Ein Stück Stadtgeschichte

Man kann in dem Bildband blättern und die Atmosphäre der Bilder auf sich wirken lassen; man kann aber auch in den verbindenden Texten von Hermann Ebling die Wege Ernst Hahns durch das Berlin der Nachkriegszeit nachvollziehen und die politische Entwicklung der ehemaligen Hauptstadt verfolgen, ergänzt und vervollständigt durch einen historischen Abriss über die Entstehung von Stadtmitte, Cölln und Berlin, sowie literarische und journalistische Berichte aus den letzten hundert Jahren. So ist ein Stück Stadtgeschichte im weitesten Sinne entstanden, ein schönes und interessantes Buch, das uns, die wir die Nachkriegszeit erlebt haben, noch einmal alles in Erinnerung ruft und den nachgeborenen Generationen ein Bild vom alten und vom bombenzerstörten Berlin und seiner Wiederentstehung vermittelt.

Berlin um 1950
Fotografien von Ernst Hahn
edition Friedenauer Brücke, 2013

Sigrid Wiegand

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