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29.01.2014

Barbara Klemm im Martin-Gropius-Bau

300 Fotos sind eine stattliche Zahl, zumal wenn es auf ihnen so viel zu sehen gibt wie auf den Fotos von Barbara Klemm, die noch bis Anfang März im Martin-Gropius-Bau ausgestellt sind.

Leonid Breschnew, Willy Brandt in Bonn 1973. Foto: Barbara Klemm

Nur wenige Leute kennen ihren Namen, fast alle jedoch das eine oder andere Foto von ihr, viele davon Ikonen der deutschen Reportagefotografie, die mit ihren Aufnahmen von den Studentenunruhen Ende der sechziger Jahre ihren Anfang nahmen. Darüber hinaus sind ihre Bilder aber auch fotografische Dokumente und Kommentare zahlreicher Geschehnisse und Umwälzungen, die sich weltweit in den letzten 45 Jahren zugetragen haben. Als Redaktionsfotografin für Feuilleton und Politik der FAZ, in deren Bildarchiv gut 1 Million Negative ihrer Aufnahmen lagern, war sie unablässig unterwegs.

Fotografiert hat sie ausschließlich mit Film, immer in Schwarzweiß, nie mit Stativ oder Blitz, und auch das Entwickeln und - exzellente - Vergrößern ihrer Aufnahmen hat sie in der Regel selbst besorgt, wie auch bei den derzeit in der Ausstellung präsentierten Bildern. Darüber hinaus sind etwa 70 originale Seiten der legendären, 2001 eingestellten Samstags-Beilage „Bilder und Zeiten“ zu sehen, die auf eine geradezu ideale Weise ihren Fotos Geltung verschafften, indem hierbei nicht nur mittels Kupfertiefdruckverfahren und besserer Papierqualität den Fotos ein den Laborabzügen fast vergleichbarer Tonwertumfang und Detailreichtum verliehen wurde, sondern das Bildformat mitunter auch die gesamte Zeitungsbreite erreichen konnte.

Insbesondere anhand dieser Beispiele wird deutlich, daß Barbara Klemms Fotos nicht einfach Illustrationen eines vorgegebenen Textes sind, sondern vielmehr ihre Eigenständigkeit gegenüber dem Geschriebenen behaupten. Daher ist es mit einem flüchtigen Blick auf das den Text begleitende Bild nicht getan, die Fotos wollen vielmehr „gelesen“ werden: ihr Detailreichtum, die Einbettung der durch den Text vorgegebenen Schwerpunkte in visuelle Kontexte, die Abneigung der Fotografin gegenüber jedweder plakativen Schwarzweißmalerei sind wesentliche Qualitäten ihrer Arbeit. Ungeachtet des großen Engagements der Fotografin ist Eindeutigkeit der Botschaft nicht ihr Ding, eher verweisen z.B. gerade ihre zahlreichen Gruppenaufnahmen auf den großen Facettenreichtum scheinbar eingängiger Szenarien. Es geht ihr nicht darum, die Betrachter zu belehren, gar zu bevormunden, sondern sie zum genauen Hinschauen zu animieren, dazu, sich mit den Details und damit auch der Komplexität von Situationen auseinanderzusetzen. Sie fällt kein fertiges Urteil für den Betrachter, sie gibt ihm vielmehr Material an die Hand, eigene Entdeckungen zu machen.

Wandelt man durch die Ausstellungssäle, wird man mit den Auf-nahmen von Ereignissen konfrontiert, die einen unversehens wieder in die Entstehungszeit der Fotos führen: das historische Gespräch zwischen Breschnew und Willy Brandt in Bonn, der Kampf gegen die Frankfurter Startbahn West, der Fall der Mauer, etc .. Aber es sind nicht nur die bekannten politischen Großereignisse, die Barbara Klemm festgehalten hat. Vielmehr hat sie bei ihren fotografischen Streifzügen sich immer wieder mit dem Alltag und den Lebensbedingungen der Menschen auseinandergesetzt, gleich ob in Deutschland oder in Peru, Kuba, Indien oder Kenia. Auf ihren zahllosen Reisen hat sie nicht allein vielfältige Eindrücke des jeweils aktuellen politischen Geschehens notiert, sondern auch, behutsam ihre Umgebung erkundend, die leise wie laute Dramatik des Alltagsgeschehens festgehalten. In der Ausstellung werden 2 Filme gezeigt, in denen man einiges über die Arbeitsweise von Barbara Klemm erfährt, ihre freundliche und überaus zugewandte Haltung Menschen gegenüber, ihre rasche Beweglichkeit, ihr stets geistesgegenwärtiges Interesse, verbunden mit respektvoller Distanz. Nie hat man das Gefühl, sie würde die Dargestellten für ein gutes Foto vorführen oder ausstellen.

Dies kann man sehr gut auch anhand ihrer zahlreichen Portraits verfolgen, Portraits von Künstlern (sie stammt selbst aus einer Künstlerfamilie), von Politikern, Filmschauspielern, Schriftstellern etc.  Sie arrangiert dabei die Menschen nicht, sondern „nimmt, was sie bekommt“, wie sie es einmal formuliert hat. Entstanden sind dabei nicht nur einmalige Dokumente der Zeitgeschichte, sondern oftmals auch Fotos von hoher künstlerischer Qualität. Der präzisen Differenziertheit ihrer Wahrnehmung entspricht die bildgestalterische Umsetzung. Erst der mal kräftige, mal subtile Umgang mit Licht und Schatten sowie großes kompositorisches Feingefühl übersetzen die vorgefundenen Augenblicke in Fotos von großer Ausdruckskraft und Eindringlichkeit.

Die Ausstellung läuft noch bis 9. März im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7. Der umfangreiche Katalog kostet 29 Euro.

Hartmut Becker

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