Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

7.06.2013

Ausbildungsoffensive Großbeerenstraße

Die Zeitungen sind voll davon, Unternehmen warnen schon seit Jahren: Die Fachkräfte werden uns knapp. Tausende Lehrstellen sind frei, während gleichzeitig Tausende von Schulabgängern keinen Ausbildungsplatz finden. Wie kann das sein?

Das Unternehmernetzwerk Großbeerenstraße hat sich eine andere Frage gestellt: Was können wir dafür tun, Angebot und Nach-frage in zufriedenstellender Weise zusammenzubringen? Denn es gilt viele verschiedene Faktoren zu berücksichtigen, zuallererst: Weiß der zukünftige Auszubildende überhaupt, dass es unsere Ausbildung gibt? Wenn nicht, wie soll ein junger Mensch auf die Idee kommen, sich beispielsweise in der Druck- oder Metallbranche zu bewerben?
Aus dieser Fragestellung ergab sich folgerichtig die Einrichtung des Ringpraktikums; Schülerinnen und Schüler von netzwerknahen Schulen werden über Praktikumsmöglichkeiten informiert und zunächst in der Schule darauf vorbereitet, während eines dreiwöchigen Praktikums drei verschiedene Firmen zu durchlaufen und dabei an einem Produkt zu arbeiten, das in einer großen Abschlussveranstaltung stolz vorgeführt werden kann.

Das Ringpraktikum geht bereits in die dritte Runde und hat etliche Ausbildungsverträge hervorgebracht, worüber sich der Initiator und Vorstandsmitglied des Vereins Netzwerk Großbeerenstraße, René Mühlroth, sichtlich freut. „Nun ist es aber wichtig, die Jugendlichen auf ihrem Weg durch die Ausbildung zu begleiten, damit möglichst jeder zu seinem Abschluss kommt. Jeder Ausbildungsabbruch ist nämlich nicht nur eine Niederlage für die Jugendlichen, sondern auch ein schwerer wirtschaftlicher Verlust für die beteiligten Betriebe.“
Die Chancen, dass alles gut läuft, sind bei der beschriebenen Bewerberwahl eigentlich erfreulich hoch, denn die Betriebe konnten bei den Praktika sehr genau herausfinden, ob die Praktikanten das erforderliche Interesse und eine entsprechende Begabung mitbringen: „Noten interessieren uns gar nicht so sehr“, betont Mühlroth. „Wichtig ist die Haltung, die die jungen Leute mitbringen: Ja, wir setzen uns dafür ein, hier arbeiten zu können – und das wollen wir honorieren.“
Die Berliner Abbrecherquote ist erschreckend hoch: Ein Drittel aller Ausbildungen wird nicht beendet. „Und hier setzt unser Mentorenprogramm ein“, erklärt Mühlroth. „Die Betriebe übernehmen das Fachliche und stellen einen innerbetrieblichen Mentor bereit, der Ausbildungsprobleme mit den Auszubildenden klärt; parallel dazu stellen wir ein außerbetriebliches, ehrenamtlich begleitetes Projekt auf die Beine, das die Soft Skills der Jugendlichen schult.“ Denn gerade an emotional-sozialen Aspekten scheitern viele. „Eigenverantwortung, Pünktlichkeit, Sorgfalt, respektvoller Umgang – da gibt es oft Defizite, die irgendwann zu Schwierigkeiten führen“, sagt Mühlroth. „Wir denken, dass bei einem gemeinsamen Projekt, das nicht von betrieblichen Vorgaben belastet ist, alles gefördert werden kann, was zu einer guten Teamleistung gehört.“

Und was für ein Projekt soll das sein? „Wir wollen unser Netzwerk auf dem Karneval der Kulturen präsentieren, und den Wagen dafür werden die Auszubildenden der beteiligten Unternehmen gestalten – komplett von der Konzeption über die Materialbeschaffung, Aufbau und begleitender Musikauswahl“, freut sich Mühlroth. „Dafür stellen die Betriebe die jungen Leute wöchentlich für ein paar Stunden frei, und die Auszubildenden selbst geben ein paar Stunden ihrer Freizeit dazu“. Der Hintergedanke ist auch, Perspektiven für eine sinnvolle Gestaltung des Tages nach der Arbeit zu eröffnen; und außerdem auch zu zeigen, wieviel Eigeninitiative den Auszubildenden zugetraut wird. „Wir hoffen, dass diese Wertschätzung ihres Einsatzes und ihrer Leistung die Auszubildenden dazu bringen wird, auch nach ihrer erfolgreichen Ausbildung dem Standort und ihrem Ausbildungsbetrieb verbunden zu bleiben. Wir wünschen uns eine Stärkung des Gemeinschaftsgedankens und des Gefühls, miteinander mehr und besseres bewirken zu können, als wenn jeder allein steht.“

Diese gesellschaftlich relevante Perspektive wird auch vom Senat wohlwollend gesehen. Arbeitssenatorin Dilek Kolat nahm das Netzwerk daher in ihr Ausbildungsförderprogramm auf, und angrenzende Bezirke lassen sich von der Netzwerkarbeit inspirieren. „Es gab auch schon Anfragen, unser Konzept in anderen Stadtteilen zu implementieren“, erzählt Mühlroth. Immer mehr Schulen in Tempelhof-Schöneberg wollen sich am Ringpraktikum beteiligen. Die Bewerberauswahl für die nächste Runde des Ringpraktikums läuft; der erste Wagen für den Karneval der Kulturen wird zwar erst im nächsten Jahr fahren können, doch die Vorfreude ist schon groß. Und zum Schluss werden die Jugendlichen selbst dazu befragt, inwiefern sie für ihre Ausbildung von diesem Projekt profitiert haben. Denn das Netzwerk Großbeerenstraße ist lebendig und lernfähig. Wir werden berichten.
Interessierte Unternehmen, ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren sowie Lehrerinnen und Lehrer können sich informieren unter www.netzwerk-grossbeerenstrasse.de oder mit Herrn Mühlroth Kontakt aufnehmen unter info(at)netzwerk-grossbeerenstrasse.de

Sanna v. Zedlitz

 

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