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5.03.2013

Aus der Geschichte der Sozialen Frauenschule in Schöneberg

Zerstörte Vielfalt - Zerstörte Frauengeschichte - Vertreibung des Sozialen. Zum Berliner Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ berichtet das Alice Salomon Archiv auf seinen Webseiten.

Dachgarten der Alice Salomon Schule in Berlin Schöneberg ca. 1988. Foto: Eckhard Tramsen

Die Geschichte der modernen Sozialen Arbeit - seit Ende des 19. Jahrhunderts - ist Frauengeschichte, jüdische Geschichte und Schöneberger Geschichte. Sie ist eine Geschichte gelungener interkonfessioneller Zusammenarbeit, einer partnerschaftlichen Kooperation von Männern und Frauen und eigenverantwortlichen bürgerlichen Engagements vor allem von Frauen. In dieser Geschichte ging es um die Überbrückung der sozialen, konfessionellen und Geschlechter-Gegensätze und die Überwindung sozialer Not. Zu den Initiatorinnen gehörten Minna Cauer, Lina Morgenstern, Jeannette Schwerin (aus Mitte), auch weniger Bekannte, wie Auguste Friedemann aus der Potsdamerstraße u.a. Sie gründeten zusammen mit Lokalpolitikern und Kathedersozialisten die Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit, die - seit 1899 von Alice Salomon zu großem Erfolg geführt - einen Schwerpunkt ihrer Tätigkeiten in Schöneberg hatten und Ausgangspunkt für neue Formen der Sozialen Arbeit waren. Aus ihnen ging auch die Soziale Frauenschule hervor, unter dem Dach des Pestalozzi-Fröbel-Hauses. Hier begann 1925 auch die Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit ihre kurze erfolgreiche Geschichte.

Der 30. Januar 1933 bedeutete das Ende dieser Geschichte. Die Vertreibung der Jüdinnen und Juden, der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, der Kommunistinnen und Kommunisten und all derjenigen, die sich nicht widerspruchslos den neuen nationalsozialistischen Machthabern fügten, aus den städtischen und staatlichen Behörden und Ämtern, aus den Hochschulen und Schulen betraf auch die Soziale Arbeit in ihrer vielfältigen Ausgestaltung sowohl im Bereich der Ausbildung wie in der Praxis. Was „Zerstörte Vielfalt“, das Motto des Themenjahres 2013, bedeutet, lässt sich an der Geschichte der Sozialen Frauen-schule und der Sozialen Arbeit lernen / studieren.

Die Vertreibung und Verfolgung betraf die Soziale Arbeit in besonderm Maß. Aus zwei Grün-den: zum einen, weil der Anteil jüdischer Frauen und Männer an der Entwicklung der modernen Sozialen Arbeit seit Ende des 19. Jahrhunderts sehr hoch war. Das trifft auch und besonders auf die von Alice Salomon gegründeten interkonfessionellen Ausbildungsstätten zu.
Der zweite Grund: Mit den Vertreibungen ging nicht nur eine Vielfalt von Ansätzen und Engagement in der Sozialen Arbeit und Ausbildung verloren, sondern es wurde damit in Deuschland "das Soziale" selbst zerstört. An die Stelle einer demokratischen, auf soziale Gerechtigkeit und die Solidarität mit den Schwachen und Hilfebedürftigen gerichteten sozialen Gesellschaft trat die nationalsozialistische Volksgemeinschaft. Sie bedeutete eine Verkehrung des Konzepts des Sozialen in sein Gegenteil, der alle diejenigen zum Opfer fielen, die der "Volksgemeinschaft" nicht von Nutzen waren und ihrer völkischen Definition nicht entsprachen. Soziale Arbeit wurde von einem Instrument zur Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und zum Schutz des Rechts jedes Einzelnen auf ein menschwürdiges Leben zu einem Instrument der Auslese, der Disziplinierung bis hin zur Vernichtung "lebensunwerten Lebens", wie es in der Sprache des NS hieß.

Auch an der von Alice Salomon gegründeten Sozialen Frauenschule verlief dieser zerstörerische Transformationsprozess nicht ohne die Beteiligung der an ihr Beschäftigten: "Ein Abgrund hatte sich aufgetan zwischen denen, die aus dem Rennen waren, und denjenigen, die weitermachen zu können hofften" schrieb Alice Salomon im Exil in ihren Lebenserinnerungen (2008, S. 318).

Im Kontext des Berliner Themenjahres 2013 dokumentiert das Alice Salomon Archiv auf seinen Webseiten "Zerstörte Vielfalt - Die Vertreibung des Sozialen: 1933-1945" in den kommenden Wochen und Monaten diesen Prozess und erinnert an Personen und Ereignisse.

Adriane Feustel


www.alice-salomon-archiv.de/zerstoerte_vielfalt.html
Lit.: Adriane Feustel / Gerd Koch (Hg.): 100 Jahre Soziales Lehren und Lernen. Berlin: Schibri Verlag 2008.


Am 14. März führt Gerhild Komander zum Thema Bildungsgeschichte in Schöneberg unter anderem durch die Barbarossa- und Karl-Schrader-Straße, vorbei am Pestalozzi-Fröbel-Haus und der ehem. Sozialen Frauenschule. Siehe Veranstaltungskalender.

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