Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

03.02.2013 / Menschen in Schöneberg

Auf der Saite der Liebe

Wer auf der Seite der Liebe sein möchte, hat die Qual der Wahl, denn nur wer den richtigen Partner findet, kann auf der Seite der Liebe leben.
Foto: Ottmar Fischer

Die in Friedenau lebende Musikerin Sarah Perl hat die Saiten der Gambe gewählt, weil sie gerade auf diesem Instrument die „menschliche Stimme“ wahrgenommen hat und daher auch zu Gehör zu bringen vermag. Ich wollte von ihr wissen, wie ihre Wahl zustande gekommen ist und habe sie dazu befragt. Die Viola da Gamba ist ein bereits im 15. Jahrhundert im Zuge der Entwicklung der großen Familie der Saiteninstrumente entstandener Tonerzeugungskörper, der besonders gut geeignet ist, die Sehnsucht der Menschen nach Nähe und Wärme zu spiegeln.  Nach zwei Jahrhunderten Verdrängung aus den Konzertsälen erlebt die Gambe seit Anfang des 20 Jahrhunderts eine Wiederentdeckung. Sarah Perl hält ihrem Instrument seit vielen erfolgreichen Jahren die Treue. In diesem Jahr kommt ihre erste Solo-CD heraus. Zur Zeit arbeitet sie am Berliner Ensemble als musizierende Beglückung einer Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt“ unter der Regie von Katharina Thalbach.

Frau Perl, wenn Sie aus dem Berliner Ensemble nach Hause kommen, haben Sie dann noch Lust auf Kunst?
Die Arbeit mit so großen Künstlern wie Katharina Thalbach, Thomas Quasthoff und der Starbesetzung des Berliner Ensembles ist für mich so inspirierend, dass ich nur in dieser Welt leben will – es weckt eher meine Begeisterung für Kunst und Musik, als dass es mir die Lust nimmt.

Diese Begeisterung muss irgendwie und irgendwo entstanden sein. Wo sehen Sie die Anfänge?
Ich habe nie eine andere Möglichkeit gesehen als die, Musik zu machen, denn ich habe immer um mich herum diese ganzen Anregungen gehabt und bin mit Musik aufgewachsen. Ich stamme aus einer Musikerfamilie!

Gab es für Sie Schlüsselerlebnisse?
Bei meinen Eltern liefen permanent Stones und Beatles, bei meinen Großeltern Bach und Schütz. Beide Formen der Musik habe ich als unglaublich intensiv und ehrlich gefühlt – die Stones mit vierzehn das erste Mal live gesehen, und zeitnah Bachs h-moll Messe als lebensrettende „Maßnahme“ erlebt.

Was hat Sie an Bach so fasziniert?
Bei Bach kann ich das Leben  u n d  den Tod spüren. Und das konnte ich niemals wieder loslassen, nie wieder vergessen.

Aber es hätte für Sie ja immer noch die Möglichkeit gegeben, einen „sicheren“ Beruf zu wählen und ihrer Leidenschaft passiv nachzugehen?
In meinem Leben hat es nie Sicherheitsgedanken gegeben. Außerdem dachte ich mir immer: „Na, Wenn ich es nicht mache, dann macht es keiner – auf jeden Fall nicht so wie ich.“

Sie haben sich für die Gambe entschieden. Warum?
Meine Tante Hille, die mittlerweile eine weltberühmte Gambistin ist, hat mir in jungen Jahren eine Gambe in die Hand gedrückt. Sie hat mich zu Proben, Konzerten und auch auf Orchesterreisen mitgenommen. Dort habe ich erfahren, wie sehr man mit diesem Instrument verwachsen kann, und wie nah die Gambe der menschlichen Stimme ist.

Wie sieht denn Ihr Leben als Musikerin eigentlich aus?
Als freie Musiker müssen wir unabhängig und flexibel sein. Wir müssen offen sein und uns den Gegebenheiten stellen. Wir müssen reisefreudig sein und nicht zu dolles Heimweh haben. Wir müssen lernen, dass wir auch scheitern können und dann trotzdem weiter machen. Wir müssen es aushalten können, nach dem Applaus, nach dem Hochgefühl des Gelingens, einsam im Hotel zu sein. Und: Nur die Verbundenheit mit und das Vertrauen in die Kollegen, Loyalität und die Offenheit füreinander ermöglichen gute Arbeit.

Nun weiß ich ja, dass Sie eine Familie haben. Wie lässt sich das eine denn mit dem anderen verbinden?
Tja, um ehrlich zu sein, ist es ja immer eine Katastrophe, egal welchen Job man macht: wenn man ihn gut machen will, kollidiert beides miteinander. Intensives und kreatives Arbeiten steht eigentlich im Gegensatz zum Familienleben. Hätte ich nicht einen überaus verlässlichen und flexiblen Lebenspartner, der das mit mir aushält und durchzieht, wäre es unmöglich. Und es gibt viele Enttäuschungen für die Kinder: Einsamkeiten, Verlassenheitsgefühle, Sehnsucht, chaotische, ungeregelte Zustände. Andererseits bringt dieses Leben für die Kinder auch viele aufregende und interessante Erlebnisse.

Worin sollen denn die bitte bestehen?
Die Kinder lernen Freiheit kennen: wenn uns danach ist, bleiben wir alle zuhause, lassen Schule auch mal Schule sein und genießen unser Miteinander. Kollegen quartieren sich bei uns ein, wir arbeiten und feiern zusammen, und die Kinder sind mittendrin. Sie erleben, welcher Reichtum in der Vielfalt steckt – und natürlich sind sie auch immer mal wieder stolz, wenn eine neue Platte rausgekommen ist oder richtig gute Projekte laufen, die dann natürlich für alle auch finanziell sehr reizvoll sind.

Wie sehen denn Ihre Zukunftspläne aus?
Ich habe noch nie Zukunftspläne gehabt!

Aber gibt‘s denn was, worauf Sie sich in diesem Jahr besonders freuen?
Jaaa! In meiner Stammkneipe, bei Andre im Cafe Andas – übrigens auch eine lebensrettende „Maßnahme“ - habe ich im Januar ein prima Konzert gespielt, für alle lieben Nachbarn und Leute in Friedenau, mit denen das Miteinander hier so wunderbar ist, und davon wünsche ich mir mehr - in memoriam Jerry Garcia (Greatfull Dead,+), der mir zeitlebens der große Hinweisgeber war:
„You don’t have to control the universe to be happy – just keep an open mind and play the next note – and music will take you to places you never dreamed of.”

Schlussbemerkung: Ich habe mich so über die offenherzigen Auskünfte dieser Künstlerin gefreut, dass ich auch ihre letzte Antwort hier im Original wiedergegeben habe und mir lediglich erlauben will, die Übersetzung anzufügen, die Sarah Perl selbst gefunden hat:
„Du musst nicht alles kontrollieren und in der Hand haben wollen um glücklich zu sein – spiele lieber diese Musik, denn sie wird dich an Orte tragen, von denen du nicht zu träumen gewagt hast!“

Ottmar Fischer

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