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27.09.2011 / Orte und Plätze

Auf Betonpisten durch die Wiesen

Der Kreuzberger Teil des Gleisdreieckparks, derzeit nicht unwidersprochen „Ostpark“ genannt, ist fertiggestellt - na, sagen wir, fast fertiggestellt – Frau Junge-Reyer hat ihn am 2. September offiziell eröffnet, es gab Schnittchen, Sekt und große Reden, die Sonne schien (!), und alle waren happy.
Schön übersichtlich. Foto: Hartmut Becker

Alle? Die Senatorin jedenfalls jubelte und pries und dankte allen Beteiligten, vorab den Bügerinitiativen (Grummeln im Hintergrund), mit denen sie sich auch weiterhin auseinandersetzen möchte. Wir wünschen viel Vergnügen!
Kreuzbergs Bürgermeister ließ kritische Töne hören, und Matthias Bauer von der AG Gleisdreieckpark erzählte ruhig-sachlich, aber nicht unemotional von den Erwartungen und Wünschen, die von den Anwohnern an ihren Park gehegt worden waren und was aus ihnen geworden ist. Er sprach von vertanen Chancen und vergebenen Möglichkeiten und gab der Hoffnung Ausdruck, dass der Park letztendlich auch in seiner endgültigen Form Erholungsmöglichkeiten bieten werde.

Der Beginn des angekündigten Rundgangs mit Frau Junge-Reyer zog sich hin, wir lauschten einem hörenswerten „Trümmerfrauen-Chor“, der uns mit Dreißigerjahre-Schlagern unterhielt und machten uns dann allein auf den Weg oder besser auf die Piste: das Beton- oder an einigen Stellen auch Asphaltband zieht sich durch den gesamten Park und wird den Fußgängern als „Spazierweg“ angeboten. Anderswo gibt es auch Kopfsteinpflaster; das ist allerdings historisch und fällt in die Kategorie „Zugeständnisse“, sollte also nicht kritisiert, sondern umgangen werden! Mir taten bald die Füße weh, und wir wichen auf die weiträumigen Wiesen aus.

Zweierlei fiel uns zuerst auf: die vielen Spielplätze für Kinder  und Jugendliche unterschiedlicher Altersgruppen, und die kleinen Inseln mit „Ruderalvegetation“, die sich auf lange ungenutztem Gelände, in unserem Fall dem Gelände der still gelegten Güterbahnhöfe, bildet und nahezu das gesamte Gebiet des heutigen Parks bedeckt hatte. Teils noch von Schienen durchzogen,  sind sie eingezäunt - Betreten verboten! - und können wie ein Museumsdiorama betrachtet werden. Von Erfahrungsraum keine Spur. Dass es auch anders – und besser – geht, kann man im Naturpark Südgelände erleben.
Was haben wir denn erwartet? Wir wussten es doch, haben alle Pläne studiert und viele Diskussionen verfolgt, das zähe Ringen um Zugeständnisse erlebt und das Unverständnis der Landschaftsplaner für die Bedürfnisse der Anwohner, die auch schon mal als „privilegierte Minderheit“ bezeichnet wurden, die ihre Wünsche gegen die Interessen der „schweigenden Mehrheit“ durchsetzen wollten... Auf die „schweigende Mehrheit“, die ja nichts sagt, lassen sich dann gut die eigenen Wünsche projizieren. Frau Junge-Reyer ließ es sich nicht nehmen, dieses Totschlagargument in ihrer Rede aufzuwärmen (auf dass es für künftige Fälle präsent bleibe?)

Im Grunde ist es ein Kuriosum. Das Planungsbüro Loidl hat in einer Art sich selbst erfüllender Prophezeiung genau das geschaffen, wovor es gewarnt hatte: ein Patchwork von einem durchgestylten Park mit durchgestylten Spielplätzen und hier und dort eingestreuten Reminiszenzen an die Vergangenheit: ein ehemaliges Bahngelände mit seinen Relikten und den Freiräumen, die ein unreglementiertes Gebiet bietet, die gerade in einer naturfernen Großstadt unverzichtbar sein sollten! So etwas kommt heraus, wenn ein Kompromiss zwischen zwei völlig unterschiedlichen Erwartungen geschlossen werden muss und die Seite, die das Sagen hat, sich nicht wirklich auf die Vorstellungen der Bürger einlassen will. Es wäre durchaus ein repräsentativer Eisenbahn-Naturpark möglich gewesen, der Berlin alle Ehre gemacht hätte; stattdessen haben wir nun einen schicken Hybrid, der nichts mehr aussagt: versiegelte Wege, zugerichtete Natur, und alles schön übersichtlich.

Nur im nach Süden verlegten interkulturellen Garten „Rosenduft“ blühen und reifen Kürbisse und Zucchini, und die Herbstblumen lugen durch den Zaun. Die Besucher erobern sich ein Stück Freiheit, kaum einer hält sich an die für ihn vorgegebenen Wege, und die Kinder haben vom gesamten Park Besitz ergriffen, sie toben überall herum.

Sigrid Wiegand

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