Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

10.03.2018 / Gewerbe im Kiez

Angebot und Nachfrage

Gewerbe an der Rheinstraße in Friedenau
Die Schattenseite der Rheinstraße. Foto: Thomas Protz

Ich habe weder BWL noch VWL studiert. Ich habe im Übrigen überhaupt nicht studiert.
Deshalb möchte ich auch niemandem zu nahetreten, auch nicht demjenigen Unternehmer, der eines Abends bei sich dachte: „Ich glaube, es ist eine gute Idee, in Friedenau auf dem ca. 300 Meter langen Abschnitt zwischen dem Breslauer Platz und der Kaiser-eiche eine fünfte Bäckerei zu eröffnen. Auf diese Weise werde ich bestimmt reich und glücklich.“
Gesetzt den Fall, dass keine bewusstseinserweiternden Substanzen im Spiel waren, muss ich an dieser Stelle meine ehrliche Bewunderung kundtun, schließlich zeugt es nicht nur von originellem Urteilsvermögen, sondern gleichermaßen von großem Mut und Optimismus, anzunehmen, der gemeine Friedenauer bräuchte eher einen insgesamt 28. Bäcker in seinem Kiez als eine zweite Drogerie. Auch ein 34. Friseur sei offenbar wichtiger als ein Kamm, Waschmittel oder jeder andere Gegenstand, den man in einer solchen Drogerie erwerben kann.

So sei es, aufgepasst!, proklamierte einst ein frisch studierter Betriebswirt aus Grunewald. „Ich habe Marktforschung betrieben und stelle die Hypothese auf: Es liegt in der Natur des Friedenauers, sich die Haare lieber beim Friseur kämmen zu lassen, als sich selbst einen Kamm zuzulegen!“
Und er knackte stolz mit den Fingern und ermutigte alle Friseurinhaber Berlins, eine zweite Filiale in Friedenau zu eröffnen, drei Mindestlohn-Sklaven anzuwerben, um darauf hin zu zittern, täglich im Durchschnitt sieben Kunden mit angestrebter Dauerwelle oder Haarfärbung empfangen zu können, welche in der Konsequenz mindestens 30 Euro im Friseursalon lassen, was sie müssen, damit der Friseursalon am Ende des Jahres gerade den roten Zahlen entflieht – Steuern und Ladenmiete nicht mitgerechnet.

Bei um die 28.000 Friedenauern müsste sich also jeder Friedenauer alle 117 Tage, ergo drei Mal im Jahr die Haare färben, eine Dauerwelle verpassen oder anderweitig komplexe und kostenintensive Haupthaarmodifikationen an sich vornehmen lassen, damit keiner der 34 Billigfriseure sich selbst vernichtet. Und auch das nur unter der Voraussetzung, dass es sich um einen Schwarzarbeiterbetrieb mit Hausbesetzervergangenheit handelt.

Doch noch mehr Anlass zum Haare raufen bietet die Süd-West-Berliner Geschirrmalindustrie:
Egal ob morgens um 11 oder abends um 9, egal ob Ostern oder Heiligabend – der Friedenauer malt. Bei Chai Latte, Bio Zisch und mit Hingabe – stundenlang bemalt, betupft und bestempelt er Tässchen, Tellerchen und dekorative Keramikschweinchen zum Verschenken. Alle Jubelmonate ist Ladys Night, da kocht die Stimmung, gemalt wird bis spät in die Nacht.

Es ist doch beachtlich, wie hoch anscheinend der Bedarf an selbstbemalter Keramik ist – zumindest in Friedenau. Bei berlinweit insgesamt acht solcher Geschirrmalläden kommen selbst Meisterindividualistenbezirke wie Mitte ohne aus, der Friedenauer hingegen braucht gleich zwei. Zumindest angenommen, Angebot und Nachfrage stehen noch in irgendeinem Zusammenhang.

Bezüglich des Friedenauers stellt sich also die Frage: Wie hat er nur sein Leben gemeistert, als es ihm noch nicht möglich war, sich auf Keramik von seinen Aggressionen frei zu malen?
Eine Frage, die unbeantwortet bleiben wird.
Genauso wie die Frage nach dem Zweck meiner Amateur-Rechnerei. Doch ich bleibe dabei: Irgendwas kann doch hier nicht stimmen.

Milena Reinecke

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden