Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.04.2017

„Als die Juden nach Deutschland flohen“

Der Titel des Buches von Hans-Peter Föhrding und Heinz Verfürth irritiert für einen Moment. Dass in der Nachkriegszeit Juden und Jüdinnen aus Osteuropa nach Deutschland flüchteten, insbesondere in die amerikanisch besetzte Zone, ist ein Teil der deutsch-jüdischen Geschichte, der vielen Leser/innen nicht bekannt sein dürfte. Die Flüchtlinge lebten überwiegend in Lagern, die in allen Besatzungszonen für die sogenannten „Displaced Persons“ (DP) – Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht in ihr Heimatland zurückkehren konnten – angelegt wurden.

Familienfeier (© Privatarchiv Ruwen Waks)

Glücklich wieder vereint: Die Familien Waks und Lesser im DP-Lager Ziegenhain im Herbst 1946 (© Privatarchiv Ruwen Waks)

Selbst diejenigen unter den Überlebenden der Shoah, die an ihren früheren Wohnort zurückkehren wollten, mussten oft feststellen, dass ihr Haus und ihr Eigentum in vielen Fällen von ehemaligen „Mitbürgern“ an sich gerissen worden war. Darüber hinaus gab es in Polen in den Nachkriegsjahren zahlreiche antisemitische gewaltsame Übergriffe. Für die meisten jüdischen Flüchtlinge waren auch die Teile Osteuropas, die nach 1945 der Sowjetunion zugeschlagen worden waren, keine Option. Westliche Länder gaben dagegen nur sehr geringe Einwanderungsquoten frei.

Israel stellte daher für die meisten jüdischen Flüchtlinge ein Sehnsuchtsziel, die Hoffnung auf einen Neuanfang, dar. Allerdings stand Israel bis zur Staatsgründung 1948 unter britischem Mandat. Großbritannien wollte sich nicht mit arabischer Seite anlegen und die eigenen Erdöl-Interessen gefährden, es betrieb eine sehr restriktive Einwanderungspolitik und blockierte Flüchtlingsrouten über das Mittelmeer. Die aus Osteuropa flüchtenden Juden und Jüdinnen gelangten deshalb zunächst nur nach Deutschland, das den meisten als „verbrannte Erde“ galt. Es wurde als reines Transitziel auf dem Weg nach Israel betrachtet.

In den DP-Lagern in Deutschland herrschten zunächst furchtbare Zustände. So fanden sich zum Teil Jüdinnen und Juden im selben Lager wie ihre ehemaligen Verfolger wieder. Menschen, die KZ und Todesmärsche überlebt hatten, mussten weiterhin in zerschlissener Kleidung, ohne medizinische Hilfe, ohne ausreichende Nahrung leben.

Erst als diese katastrophalen Zustände in Amerika publik wurden, gab es einige Verbesserungen – zumindest in den DP-Lagern der amerikanischen Besatzungszone, in Hessen und in Bayern. Diese wurden deshalb auch bevorzugtes Ziel der flüchtenden osteuropäischen Juden, die in diesen Lagern ihr religiöses und kulturelles Leben wieder aufzunahmen. Manche Zeitzeugen fühlten sich an das frühere osteuropäische Shtetl-Leben rund um Synagoge, Thora-Schule, Ausbildung und jiddischer Kultur erinnert.

Das Leben fand allerdings in den engen Grenzen der Lager statt, Kontakt zwischen den jüdischen DPs und der deutschen Bevölkerung gab es kaum. Aussagen deutscher Zeitzeugen im Buch machen deutlich, dass auch im Nachkriegsdeutschland in großen Teilen der Bevölkerung Antisemitismus und Ignoranz vorherrschten. Dies zog sich auch durch Polizei und Verwaltung. Nach der israelischen Staatsgründung 1948 lösten sich die DP-Lager zusehends auf, wobei das bayerische Lager Föhrenwald am längsten, bis 1957, bestehen blieb.

In Berlin gab es in den Westsektoren drei jüdische DP-Lager, darunter eines in im Bezirk Tempel-hof-Schöneberg, nämlich in Mariendorf, im heutigen Wohnkomplex zwischen Eisenacher Straße und Volkspark. Wegen der sowjetischen Blockade Westberlins wurden die DP-Lager Berlins bereits 1948 aufgelöst und die Flüchtlinge in westdeutsche Lager ausgeflogen. Erst 2011 wurde für eine Gedenktafel für das ehemalige Mariendorfer DP-Lager angebracht. Sie ist an der Bushaltestelle Skutaristraße (Adresse: Eisenacher Straße 44-45  Ecke Rixdorfer Straße) zu finden.

Föhrding und Verfürth erzählen die Geschichte der jüdischen Flüchtlinge in der Nachkriegszeit am Beispiel des Schicksals einer Frau und ihrer Familie. Lea Waks überlebte das Ghetto von Lodz und floh 1946 mit ihrer Familie aus Polen. Sie lebte mit ihrem Ehemann und den zwei Söhnen in verschiedenen DP-Lagern. Obwohl ihr Ziel Israel war, siedelten sie schließlich 1957 nach Düsseldorf über. Der ältere Sohn Ruwen zog Ende der Sechziger Jahre nach Israel, der jüngere Sohn Moische lebte später in Berlin und engagierte sich hier in der Jüdischen Gemeinde. Er ist mittlerweile verstorben. Lea Waks zog, nach dem Tod ihres Ehemannes, ebenfalls nach Berlin. Sie war eine engagierte Zeitzeugin und eine bekannte Figur am Bayerischen Platz. Vor einigen Jahren ist sie verstorben.

Die Autoren ergänzen die persönliche Perspektive der Familie Waks mit präziser Darstellung zeitgeschichtlicher Daten. Ihre sorgfältige Recherchearbeit lässt sich an den vielen Aussagen von Wissenschaftler/innen und Zeitzeug/innen, die sie zu Wort kommen lassen, erkennen. Auch die umfangreichen Quellenangaben sind ungewöhnlich für Bücher zur Zeitgeschichte, die ein breites Publikum ansprechen. Es fallen während des Lesens natürlich Parallelen zur heutigen Situation von Flüchtlingen in Deutschland auf. Die Autoren warnen vor zu schnell gezogenen Analogien, stellen aber am Ende ihres Buches fest, dass Ängste anscheinend immer noch recht einfach aktivierbar sind und von mancher Seite für antisemitische und fremdenfeindliche Stimmungen genutzt werden. Umso wichtiger ist ein Buch wie dieses, das Geschichte erzählt, ein differenziertes Bild auf das Thema Flucht wirft und nie der Versuchung erliegt, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben.

Isolde Peter


Hans-Peter Föhrding und Heinz Verfürth:
„Als die Juden nach Deutschland flohen“ - Ein vergessenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 24 EUR

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