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10.12.2020

Alphorn-Bläser in Schöneberg

Von Christine Bitterwolf Hat Schöneberg viele Gemeinsamkeiten mit den Alpen? Ja. Es gibt 20 Brunnen, die lustig sprudeln, wie in den Dörfern in den Bergen. Es gibt ein bayerisches Viertel. Der höchste Schöneberger Berg, der Insulaner, ist mit rd. 75 Metern nicht ganz so hoch wie die Alpen, aber immerhin, es ist ein Berg. Und sogar die Alphorn-Bläser von Berlin treffen sich in Schöneberg.

Alphorntöne vom Notenblatt. Foto: Berliner Alphornorchester

Das Alphorn gibt es schon seit über 800 Jahren. Ursprünglich diente es den Hirten in den Bergen, um die Kühe zu rufen oder zu beruhigen. Erst im 19. Jahrhundert wurde es als Musikinstrument und als Schweizer Touristenattraktion entdeckt.
Der Klang des Alphorns wird als beruhigend und entschleunigend beschrieben, er hat etwas Sehnsüchtiges. Das Alphorn ist ein Naturton-Instrument und hat nur 4 Grundtöne. Es hat keine Löcher oder Züge, die unterschiedlichen Töne werden ausschließlich durch Lippenstellung oder Blastechnik erzeugt. Besonders gute Alphornbläser können bis zu 16 verschiedene Töne spielen. Obwohl die Instrumente sehr groß sind, braucht es keine besondere Lungenkraft, um sie zu spielen. Es ist nicht schwerer zu spielen als eine Trompete. Und obwohl ein Alphorn bis zu 10 km weit klingen kann, kann man es auch relativ leise blasen. Alphörner gibt es in verschiedenen Größen. Die Instrumente der Bläser in Berlin sind etwa 3,60 m lang, sie können in 3 oder 4 Teile zerlegt werden und dann in einer weichen Tasche transportiert werden.

Das erste Alphorn hat vermutlich Ma-Lou Bangerter, die in der Schweiz geboren ist, nach Berlin gebracht, als sie 1983 in diese Stadt gezogen war. Sie wohnt heute in Schöneberg. Die Musikerin, die ursprünglich eine klassische Violinen-Ausbildung hatte, spielt Alphorn aus Liebe zum Instrument. Im Laufe der Zeit haben sich andere Musiker dazu gefunden, und bald konnte sie ein Orchester organisieren. Das „Berliner Alphorn-Orchester“ besteht überwiegend aus Berufsmusikern. Sie kommen aus verschiedenen Nationen u.a. aus Borneo und USA. Lachend erklärte Frau Bangerter, das Orchester sei bunt wie der Bezirk Schöneberg. Die Künstler spielen vorrangig andere Instrumente wie Trompete, Posaune oder Waldhorn. Sie finden sich jeweils zu den Auftritten zusammen.
Manchmal werden nur 3 oder 4 Bläser engagiert, z. B. für private Feiern oder kleine Empfänge. Das Orchester hatte aber auch Auftritte im Umweltministerium und in der Schweizer Botschaft und es hat 2018 seine Kunst sogar in Frankreich präsentiert. Große Konzerte gibt es z. Zt. coronabedingt nicht, eigentlich hätten die Musiker jetzt im Herbst Engagements auf einem Fest der BVG und auf Oktoberfesten gehabt. Doch so haben einige Bläser spontan beim Festival of Lights vor dem Schöneberger Rathaus gespielt, und im Frühjahr haben sie ihre Musik unter dem Motto „corno contra corona“ (soll heißen: mit dem Horn gegen Corona) im Park hinter dem Rias vorgestellt. Das Repertoire umfasst sowohl traditionelle als auch moderne Kompositionen.

Seit 2014 bietet Frau Bangerer Kurse für Alphorn in der Leo-Kestenberg-Musikschule an. Diese Musikkurse treffen auf so viel Interesse, dass sich inzwischen ein zweiter Lehrer in das Fach einbringt. Mittlerweile gibt es Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene und Workshops zu verschiedenen Themen und Techniken. Die Musikschule hat sogar eigene Alphörner angeschafft, die man ausleihen kann. Mit fleißigem Üben kann ein Anfänger manchmal schon nach ein paar Wochen die ersten Tonfolgen blasen. Eigentlich kann man ein Alphorn nicht falsch blasen, nur unschön.
Einige Schüler aus diesen Kursen haben sich vor genau einem Jahr zu einem „Alphorn Verein“ zusammengeschlossen, deren Ansprechpartner Herr Thomas Mosebach ist. Die Mitglieder sind alle Hobby-Musiker. Sie kommen aus sehr unterschiedlichen Berufen wie Altenpfleger, Physiker, Journalist, Bühnenbauer oder Zollbeamte. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen zu diesem ausgefallenen Instrument gekommen: die einen kannten es aus der Schweizer Heimat, die anderen verbinden damit Urlaubserinnerungen, und wieder andere haben es ausprobiert, weil sie es bei Freunden gehört haben. Alle Vereinsmitglieder sind vereint durch den Spaß am Alphorn blasen. Sie hatten sogar schon einige Auftritte, wie zum Beispiel in einem Blindenheim und bei einer Hochzeit. Wie schön, wenn es dann als kleines Dankeschön hinterher für alle ein Stück Kuchen gibt. Wegen Corona gab es jedoch auch für sie in diesem Jahr nur spontane Aufführungen, beispielsweise auf der Wiese vor einem Altenheim. Sie spielen meist Lieder, die direkt für das Alphorn komponiert wurden, doch einzelne bekannte Melodien, wie die Berliner Luft oder der Preußische Marsch sind extra für ihre Alphörner arrangiert worden.
Die Vereinsmitglieder proben regelmäßig jeden Freitag in der Grundschule am Barbarossaplatz, d. h. wegen der Abstandsregeln proben die Bläser jetzt an verschiedenen Plätzen im Freien. Soweit es möglich ist, setzen sie sich danach auch gerne noch gemütlich zusammen. Es ist sogar schon der Gedanke an eine gemeinsame Vereinsreise im nächsten Jahr aufgekommen. Falls Corona es dann zulässt.
Beide Alphorn-Bläser-Gruppen haben bei ihren Proben und Auftritten im Freien in diesem Jahr die Erfahrung gemacht, dass die vorbeigehenden Passanten gerne stehen bleiben und dem ruhigen Klang der außergewöhnlichen Instrumente begeistert lauschen. Selten wurde ihre musikalische Kunst als ruhestörender Lärm empfunden. Selbst wenn die Polizei vorbeikam, dann blieben die Beamten stehen und hörten zu.
So hat sich der Bezirk Schöneberg im Laufe der Jahre zum Berliner Zentrum für Alphorn-Bläser entwickelt.

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