Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

3.05.2021

„Allerliebster Dziodzio, mein Gold…!“

Von Maria Schinnen. Fast täglich lief Rosa Luxemburg zum Kaiserlichen Hauptpostamt am Wilmersdorfer Platz (heute René-Sintenis-Platz) in Friedenau, um Briefe zu holen oder abzuschicken.

Leo Jogiches

Rosa Luxemburg und Kostja Zetkin

Darunter waren viele Liebesbriefe, 938 schickte sie allein an Leo Jogiches, 613 an Kostja Zetkin. In diesen Briefen lernen wir eine Frau kennen, die so gar nicht dem „Flintenweib“ oder der „Männer verzehrenden Megäre“ entsprach, wie sie nach ihrem Tod oftmals bezeichnet wurde. Im Gegenteil: Wir blicken in das Leben einer äußerst empfindsamen, liebesbedürftigen, anhänglichen und von Zuwendung abhängigen Frau, die sich oft unglücklich und einsam fühlte.

Leo Jogiches
hieß ihre erste Liebe. Sie hatte ihn mit 19 Jahren während ihres Studiums in Zürich kennen gelernt, ein 23-jähriger russischer Marxist, der aus einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Wilna stammte. Er gehörte zu einer Gruppe weiterer polnischer und russischer Marxisten, die sich der Überwindung der Monarchie und des Kapitalismus verschrieben hatten. 1892 begann ihre Liebesbeziehung. Rosa war voll zärtlicher Sehnsucht und überhäufte ihn mit Kosenamen, Leo dagegen blieb lange zurückhaltend und unverbindlich, erzählte wenig Persönliches, schrieb eher Nachrichten und kritische Hinweise zur gemeinsamen politischen Arbeit. Das frustrierte sie. Sie fühlte sich belehrt, nicht genug beachtet und in ihrer Weiblichkeit nicht wahrgenommen. Ständig schwankte sie zwischen Liebesgefühlen und Vorwürfen ihm gegenüber.

„Ich bin ganz die Deine, ich träume in jedem freien Augenblick von dir, in Gedanken lächle ich dir zu. Wann, wann werde ich dich endlich umarmen? ... Das fehlt mir so sehr, dass ich einfach in der Seele dürste …“

„Merkst Du nicht, daß Deine ganze Korrespondenz systematisch den Charakter einer gewaltigen Unlust hat: Ihr einziger Inhalt, das ist ein langweiliges, pedantisches Mentorentum wie üblicherweise die Briefe des Lehrers an den lieben Schüler …  Das alles kommt von Deiner alten üblen Angewohnheit, … mich ewig und in allem zu belehren und die Rolle meines Erziehers zu spielen…“

Als Rosa nach Berlin wechselte, schien Leo doch eine gewisse Anhänglichkeit zu spüren. In seinem Geburtstagsbrief vom 5. März 1899 gestand er ihr, dass er zu ihr gehöre. Sie war überglücklich, antwortete noch am selben Tag, bat ihn, bald nach Berlin zu wechseln, um offen als Mann und Frau zu leben, „eine kleine Wohnung nur für uns, unsere eigenen Möbel, unsere Bibliothek, Stille und regelmäßige Arbeit, gemeinsame Spaziergänge, von Zeit zu Zeit eine Oper, ein kleiner, sehr kleiner Kreis von Bekannten, die man manchmal zum Abendessen einlädt, jeden Sommer für einen Monat aufs Land fahren, aber das dann ganz ohne Arbeit! … und vielleicht noch ein kleines, ganz winziges Baby?“

Doch Leo schob seinen Umzug immer wieder hinaus. Die Gründe waren für sie nicht nachvollziehbar. Also schloss sie daraus, dass er das Zusammenleben mit ihr gar nicht wolle, vielleicht sogar aufgehört habe, sie zu lieben. Sie machte ihm Vorwürfe, er habe sich vor ihr verschlossen und abgeschirmt, sie existiere für ihn nicht mehr. Leo konterte, er fühle sich nicht verstanden, äußerte sogar, sie könne ihm nichts geben. Das verletzte sie so sehr, dass sie drohte, die Korrespondenz mit ihm abzubrechen, damit sich ihr Verhältnis von selbst auflöse.

Kurze Zeit später warf sie alle Distanzpläne über Bord, schlug ihm vor, bei ihrer Wirtin ein zweites Zimmer mit Pension zu mieten, ihn als ihren Cousin vorzustellen, so dass sie zusammen leben könnten, ohne dass ihr gemeinsames Wohnen sie bloß stelle und Klatsch erzeuge.

Im August 1900 kam Leo tatsächlich und zog in die Wielandstraße 23. Doch bald schon nervte Rosa die ganze Geheimnistuerei um ihre Beziehung. Daher mietete sie im Frühling 1902 eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Cranachstraße 53. Drei Jahre lang ging das recht gut, vielleicht auch, weil beide immer wieder abwesend und Rosa 1904 wegen Majestätsbeleidigung eingekerkert war. Im Dezember 1905 reisten sie zur Unterstützung der revolutionären Unruhen nach Warschau. Am 4. März 1906 wurden sie verhaftet. Leo wurde zu acht Jahren Zwangsarbeit in Weißrussland verurteilt, Rosa kam mit Hilfe einer Kaution frei und kehrte im September 1906 nach Friedenau zurück. Bei ihrer Ankunft traf sie den 21-jährigen Sohn ihrer Freundin Clara, der inzwischen ihre Wohnung als Untermieter genutzt hatte.

Kostja Zetkin
„ein schmaler, dunkeläugiger Mann, hübsch, in sich gekehrt und sehr melancholisch“. Die 35-jährige Rosa verliebte sich sofort. Sie genossen die freie Zeit miteinander, machten Spaziergänge, hörten Musik, lasen Romane, betrachteten Sonne und Mond. Doch dabei blieb es nicht. Es entwickelte sich eine innige sexuelle Beziehung. In ihren Briefen sprach sie ihn mit „Geliebter kleiner Bubi“, „Mein süßer Liebling“, „Mein Baby“ an und gestand, wie sehr sie sich nach seinem „schönen, schlanken, nackten Körper“ sehne. Sie dachte ständig an ihn, träumte sogar von einem gemeinsamen Kind.
 
Im März 1907 floh Leo Jogiches aus dem Gefängnis und kam zurück in die gemeinsame Wohnung. Von der neuen Liebesbeziehung ahnte er nichts. Natürlich konnte Kostja nun nicht mehr bei ihr leben. Die Katastrophe war vorprogrammiert. Als Rosa außer Haus war, fand Leo Kostjas Briefe und las sie. Er wurde wahnsinnig vor Eifersucht, drohte ihr, sie totzuschlagen. Sie blieb äußerlich eisig, bekam aber Angst. Beide trafen sich nur noch heimlich und hielten ihre Beziehung zwischen Mai 1907 und Juni 1909 vor allem brieflich aufrecht. Dann wurde die Korrespondenz seltener, distanzierter. Sie spürte, dass ihre Liebe zu Ende ging, dass er nicht länger an sie gebunden sein wollte. „Wenn Du mich nicht mehr liebst, so sag es mir offen mit drei Worten. (…) Du bist es der „Wahrheit“ im Leben schuldig und auch der Achtung für mich.“ Er bestätigte ihre Vermutung und sie gab ihn frei. Dennoch hielten sie in den nächsten beiden Jahren freundschaftlichen Kontakt und Rosa verheimlichte nicht, dass sie ihn weiterhin liebte und begehrte.

Paul Levi
Vier Jahre lang blieb sie ohne Liebesbeziehung. Dann lernte sie 1913 einen 12 Jahre jüngeren Mann kennen, der sie vor Gericht gegen den Vorwurf der „Aufreizung von Soldaten zum Ungehorsam“ verteidigte. Irgendwann müssen sie sich näher gekommen sein. Jedenfalls schrieb sie im Februar 1914 in einem Brief: „Süßer Herr, Du und die herrliche Nacht zittern mir noch in allen Gliedern … Dein blasses leidenschaftliches Gesichtlein mit den dunklen Augen sehe ich immer noch vor mir … Liebling, ich habe Sehnsucht. Ich möchte Deine Augen sehen ...“ Insgesamt 57 Briefe an ihn sind erhalten. Im Dezember 1914 endete ihr Liebesverhältnis. Bis zu ihrer Ermordung im November 1918 blieb er aber ihr Freund und Vertrauter.


Hans Diefenbach
war ein weiterer enger Freund, den sie Jahre zuvor bei Karl und Luise Kautsky kennen gelernt hatte. Beide verband eine große Liebe zur Musik und Literatur. An zahlreichen geselligen Abenden in Rosas Wohnung in Südende/Steglitz veranstalteten sie Literaturlesungen. Doch ihre Beziehung blieb platonisch. Als sie im Gefängnis Wronke in Posen saß, schrieb sie ihm oft sehr lange Briefe, schwelgte in Erinnerungen an die gemeinsamen Abende und Spaziergänge, erzählte, wie sie abends still in ihrer Gefängniszelle sitze, den Geräuschen zuhöre und sich das Leben draußen vorstelle.

Hans Diefenbach starb 1917, als ihn während seines Dienstes als Militärarzt an der Westfront eine Granate traf. Kurz vor seinem Tod hatte der 33-Jährige seiner Freundin Rosa sein Vermögen von
50.000 Mark vermacht, jedoch mit einer Klausel: „…  da meine ausgezeichnete Freundin in der Privatökonomie vielleicht keine ganz so geniale Meisterin ist, wie in der National-Ökonomie“ und „ein impulsives Ausgeben der genannten Summe für irgend einen momentanen politischen Zweck“ zu befürchten sei, solle sie nur die Zinsen erhalten. Sie solle das Geld aber nicht bloß, „wie dies ihrem großartigen Natürel entspräche, für andere bedürftige Leute, sondern in erster Linie für sich selbst verwenden.“ Als Rosa die Nachricht von seinem Tod erhielt, schrieb sie in einem Kondolenzbrief an seine Schwester: „Hans übertraf alle Menschen, die ich kenne, an innerer Noblesse, an Reinheit und Güte. Das ist bei mir nicht der übliche Drang, von einem Toten etwas Gutes zu sagen.“

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