Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

28.06.2014

Alle reden vom Wetter, Vicki nicht

Das sollte eigentlich der Start in eine glückliche Zukunft werden, damals vor fünfzig Jahren. Die neu bezogene Wohnung in der Bundesallee 83 mit ihren 128qm war groß genug, um sowohl der Familie als auch dem „Kunst- und Werbedruck Horst Mann“, wie das Startup der Eheleute zehn ereignisreiche Jahre lang hieß, ausreichend Platz zu bieten.

Foto: Hartmut Becker

Und 165 DM für die Miete waren gut erschwinglich. Doch musste dazu auch einiges bewegt werden. Die Wohnung war noch auf Vorkriegsstandard, es musste gründlich renoviert werden. Die aus wilhelminischen Zeiten stammende Küchenmaschine war gerade entfernt worden. Sämtliche Leitungen lagen über Putz. Im Bad thronte noch der berühmte Kesselofen, und die Heizung im Winter musste selbstredend in allen Zimmern mit Kohle sichergestellt werden.
Zwei Zimmer dienten dem Gewerbe, vollgepackt mit all den Maschinen, die zur Herstellung von Druckerzeugnissen notwendig waren. Da gab es die Plattenkamera, das Belichtungsgerät für die Folien, die Dunkelkammer mit dem Entwicklungstisch für die Filme, den Leuchttisch für die Montage. Das Drucken besorgte die Offsetmaschine RKL von Rotaprint, die glücklicherweise leiser arbeitete als die Nähmaschine. Es gab die Schneidemaschine, die Zusammentragmaschine, eine Falzmaschine, eine Heftmaschine zum Klammern und auch eine Buchbindemaschine.
Und alles lief auch gut an. Dissertationen und Kataloge wurden gedruckt. Der Kundenstamm wuchs. In wenigen Jahren hatte sich herumgesprochen, wo professionelle Hilfe bei der Herstellung von Druckerzeugnissen zu finden war. Es kam bei größeren Projekten zu Kooperationen mit anderen Druckereien, etwa mit Dürschlag in Kreuzberg. Und in der Zeit der beginnenden Jugendrevolte führten die entstandenen Kontakte auch zu Aufträgen der Falken, der Humanistischen Union und des Republikanischen Clubs, dieses Zentrums der damaligen „Außerparlamentarischen Opposition“, die von Freund und Feind „APO“ genannt wurde.

Die antiautoritäre Zeit
So ist es nicht verwunderlich, dass gerade hier, wo es wie so oft im damaligen Berlin noch keine Außenklingel gab,  in der Nacht des 2. Juni 67 ein durchdringender Pfiff von der Straße her ertönte: Lang, lang, kurz, kurz, kurz. Das war der rhythmisierte APO-Schlachtruf der Anti-Vietnamkriegsbewegung „Ho-Ho-Ho Chi Minh“. So hieß zur Zeit des Vietnamkriegs der nordvietnamesische Regierungschef und Feind der Amerikaner.  Wie sich herausstellte, kam der Pfiff von einem Eilboten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), jener APO-Gruppierung, die sich damals auch mit dem berühmt gewordenen Plakatspruch der Bundesbahn „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ zu profilieren wusste. Denn statt der Eisenbahn des Originals wurden vom SDS die Köpfe der marxistischen Säulenheiligen plakatiert. Der Bote brachte ein fertiges Papier zum Tod des wenige Stunden zuvor bei der Anti-Schah-Demonstration erschossenen Benno Ohnesorg, welches Ereignis zum Fanal für die nun folgende Aufstandsbewegung der „Achtundsechziger“ wurde. Die Flugblätter wurden hier noch in derselben Nacht gedruckt, vom Boten gleich wieder mitgenommen und am nächsten Tag bereits überall verteilt.

Auch das Attentat auf den APO-Anführer Rudi Dutschke fand in der Bundesallee seinen Niederschlag. Hier traf per Brief aus der DDR in handgeschriebenen Noten und handschriftlich getextet ein Lied mit dem Titel „Drei Kugeln für Rudi Dutschke“ ein, das sofort in den Druck ging. Der Komponist war Wolf Biermann, jener Liedersänger also, der wegen seiner anhaltenden Renitenz später aus der DDR ausgebürgert wurde.
Die antiautoritäre Aufregung ergriff damals sogar die Schulen. An der Schadow-Schule in Zehlendorf gab es in jener Zeit eine Schülerzeitung mit dem Titel „Der Rote Turm“, deren Ausgabe Nr. 2 aber bereits beschlagnahmt wurde, weil sie einen kritischen Artikel über den Nato-Verbündeten Franco und dessen autoritäre Herrschaft in Spanien enthielt. Weil die Ausgabe wegen der Beschlagnahme nicht verkauft werden konnte, gab es auch keine Einnahmen, weswegen die Auftraggeber die Herstellungskosten nicht begleichen konnten. Der Herausgeber der Zeitung hieß übrigens Peter Brandt, und der Comic-Zeichner des Blattes war sein Bruder Lars, beides Söhne des späteren Bundeskanzlers Willy Brandt. Zu diesem Artikel wurde eine Radierung von Peter Ackermann abgedruckt, die den Titel „Das spanische Fenster“ trug. Dieses Bild hängt noch heute in der Wohnung in der Bundesallee, denn es wurde nicht wieder abgeholt. Vielleicht wurde es auch als Schmerzensgeld für die nicht geleistete Zahlung ehrenhalber dort „vergessen“.

Die Legende einer Heldin
Die Schwierigkeiten wegen nicht oder nur schleppend eingehender Zahlungen wurden überhaupt mehr und mehr zum Problem. Sie wurden sogar derart gravierend, dass sie dem Ehemann schließlich über den Kopf wuchsen. Und damit begann für Viktoria Marx ihre ganz persönliche Heldengeschichte. Nach zehnjähriger Partnerschaft machte sich Horst Mann mit einer neuen Freundin auf und davon nach Kanada, nachdem er in einer Nacht- und Nebelaktion während der Abwesenheit seiner Frau sämtliche Arbeitsmaschinen aus der Wohnung geschafft und zu Geld gemacht hatte. Zurück blieben die mittellose Ehefrau mit den zwei kleinen Kindern und die Schulden. Es folgten Gläubigerbesuche, Zahlungsbefehle und Pfändungsbeschlüsse. Eine Zeit größter Not und Belastungen war zu bestehen.
Doch jetzt kam das Erbe ihrer ostpreußischen Großeltern in ihr durch. Die hatten unter Armutsbedingungen acht Kinder großgezogen, und alle waren was geworden, wie sich Viktoria Marx vor Augen führte. Und aus diesem Vorbild zog sie Kraft. Durch ihre Mitarbeit im Arbeitskreis Berliner Eltern (ABE), im Sozialistischen Frauenbund in der Moabiter Stephanstraße und im Schülerladen in der Mecklenburgischen Straße hatte sie Kontakte gefunden, die sich nun bewährten. Es gelang, nachbarschaftliche Hilfe zu organisieren und eine berufliche Perspektive zu finden.

Mit geliehenen 500 DM wurde ein Zimmer renoviert und vermietet. Die Hochschulzugangsberechtigung wurde erworben. An der FU wurde eine Halbtagstätigkeit übernommen. An der Pädagogischen Hochschule erfolgte parallel die Ausbildung zur Hauptschullehrerin. Und dieser Belastungsdreiklang wurde nun für Jahre zu ihrer alltäglichen Praxis: Kinder, Arbeit, Ausbildung. Von ihrem Mann gab es keinen Unterhalt, Geld für einen Anwalt in Kanada hatte sie nicht. Es gab keine Waschmaschine im Haushalt, sogar die Äpfel wurden einzeln abgezählt, um zurechtzukommen. Geschenke zu den Kindergeburtstagen wurden selbst genäht, und überhaupt gelang alles immer nur aufgrund präzisester Kalkulation bei punktgenauer Zeiteinteilung.

Wenn endlich Gelegenheit zum Lernen für die Ausbildung gekommen war, wollte oft gerade dann nichts in den Kopf. „Ich musste mich zur Ruhe zwingen, habe mir den Wecker gestellt und mir vorgesagt, ich kann jetzt hier erst aufstehen, wenn ich dieses Pensum geschafft habe“, so Viktoria Marx im Gespräch mit der Stadtteilzeitung.

Doch hat diese kraftvolle Frau ihr Ziel schließlich erreicht, wenn auch auf andere Weise, als sie sich das beim Einzug in die noch heute von ihr bewohnte Wohnung erträumt hatte. Es sind am 1. Juli genau 50 Jahre seither vergangen. Ereignisreiche Jahre. Sie hat nun auch Muße gefunden, diese aufregende Zeit in einem Buch zu beschreiben. Es sei besonders all  denen zur Lektüre empfohlen, die darüber verzweifeln können, wenn sie sich mal irgendetwas Überflüssiges nicht leisten können.

Ursula Viktoria Marx
„Wohin so eilig, Vicki?“
Im Selbstverlag, 320 Seiten, Fotos, 19 Euro
Kontakt: vicky-marx(at)gmx.de

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