Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

22.12.2019

Alfredo, der Botschafter der Sonne

Portrait eines Künstleroriginals aus Schöneberg.

Foto: Elfie Hartmann

Bei meinem ersten Besuch erschrak ich furchtbar. Seine Tür stand angelehnt offen. Es meldete sich niemand auf mein Rufen und Klingeln. Was tun?
Ich rief seinen Namen mehrmals. Nichts rührte sich. Es war total unheimlich, denn bei einem 82- jährigen Mann musste man ja vielleicht mit Allem rechnen. Ich tastete mich also ganz langsam hinein, immer wieder seinen Namen rufend. Nichts rührte sich. Vom Flur aus öffnete ich zögerlich ganz langsam eine Glastür zum Wohnzimmer. Bis zur offenen Balkontür hindurch ging ich nun auf Zehen-spitzen mit extrem mulmigem Gefühl und so vorsichtig wie möglich durch seinen kleinen, wunderbar lichtdurchfluteten Raum. Da fiel die Wohnungstür hinter mir durch den Zug mit lautem Knall ins Schloss. Ich war, starr vor Schreck, urplötzlich ja nun völlig allein mit meinen undefinierbaren Emotionen in dieser mir völlig fremden Wohnung, umgeben von überwältigend farbenfrohen Bildern ringsum. War das die pure Angst?

In dem kleinen Raum mit den unterschiedlich gestalteten kleineren sowie einigen Gemälden in Großformat rundum an den Wänden, der im Sichtfeld befindlichen Staffelei auf dem Balkon, den Hauch des Malers fast körperlich spürend, fielen genau in diesem einen Augenblick sämtliche Ängste von mir ab. Es durchströmte mich für den Bruchteil einer Sekunde eine wohlige Flut von Geborgenheitsgefühlen. Auf eine für mich im Nachhinein noch immer unerklärliche Weise waren von irgendwo her wunderbar beruhigende Schwingungen zu spüren, der imaginäre Atem einer fast fühlbaren, ja, vielleicht der Atem einer ganz und gar nah verwandten Künstlerseele ...

Ich hinterließ ihm also dann, nun wieder ganz professionell, meine Karte plus persönlicher Nachricht wie selbstverständlich auf dem hölzernen Tischchen mit den blau gestrichenen Holzstühlchen davor. Noch einmal sah ich mich um, fühlte mich erstaunlicherweise nicht mehr als Eindringling. Viel-leicht war es ja aber auch die Erleichterung, dass ihm selbst nichts passiert war. Diese Erkenntnis übertraf wahrscheinlich die hier beschriebene, derartig außergewöhnliche und auch von mir erstmalig erlebte Situation.
Er meldete sich nicht. So ging ich nach ein paar Tagen noch einmal hin. Wieder fuhr ich in die oberste Etage. Wieder ging es den hellen langen Gang rechts vorbei an dem ebenfalls offen stehenden, so einladend bestuhlten Balkon mit Aussicht auf das Rathaus Schöneberg. Und weiter entlang zur vierten, der blau gestrichenen Tür mit seinem Namen am Klingelbrettchen.

Die Tür war wieder nur angelehnt! Und wieder ging ich vorsichtig, sporadisch seinen Namen rufend in die mir nun fast schon wie selbstverständlich vertraute kleine Wohnung. Und da war für mich wieder dieser gewisse „Künstlerhauch“ aus jedem Winkel zu spüren, schien mich zu umschweben. Wieder war alles genauso rührend wie liebevoll, beinahe akribisch aufgeräumt. Die große Liegestatt war gleichfalls wieder farbenfroh dekoriert, der Sessel im kleinen Wohnzimmer wieder sorgfältig mit weißem Betttuch ausgekleidet, genau wie der Korbstuhl auf dem ebenfalls wieder offenen Balkon mit der Staffelei dahinter, kunstvolle Installationen an der Wand auch hier zu betrachten. Davor eine kleine Kochplatte direkt vor seinem Blumenkasten platziert, ein kleines Vorratsregal, ein Besen ...

Dieses Mal ging ich jedoch etwas ratlos wieder aus seiner Wohnung hinaus auf den Gang. Dort traf ich eine junge Vietnamesin mit einem großen Badetuch über ihrer Schulter, die ich sogleich nach „dem Künstler“ fragte und auf die angelehnte Tür aufmerksam machte. Fröhlich lachend weiter schreitend rief sie mir zu, dass diese Tür doch immer nur angelehnt wäre, das sei allgemein bekannt, nur verstehe es wirklich niemand im ganzen Haus und - sie würde jetzt duschen gehen.
Neben dem so einladend bestuhlten offenem Mieter-Balkon am Ende des hellen Ganges stehen zwei geräumige abschließbare Duschräume nebst großzügig geschnittenem Vorraum für die Mieter der Etage zur Verfügung, Die Wohnungen selbst haben kein Bade-zimmer sondern nur den kleinen Toilettenraum plus Waschbecken, außerdem die kleine Küchenzeile neben dem Balkon innerhalb des Wohnzimmers. Waschmaschinen sind im Keller für alle Hausbewohner zu nutzen. Das alles erfuhr ich später.

Es wurde immer spannender. Das abenteuerliche Unterfangen sollte aber weitergehen: Ich ging also, noch immer etwas ratlos Richtung Fahrstuhl und: Genau in diesem Moment kam er mir direkt aus dem Fahrstuhl mit strahlendem Lächeln entgegen: „Sie wollen zu mir!?“ Ich war reichlich irritiert wie man sich vorstellen kann, denn er konnte nicht wissen, wann und ob überhaupt ich mich wieder melden, bzw. selbst vorbeikommen würde für ein Interview. Ich erfuhr später letztendlich von ihm, dass er seine Tür absichtlich immer offen bzw. angelehnt lasse, wenn er außer Haus ist. Sein persönliches Training gegen die Ängste sei das. Gestohlen worden sei noch nie etwas. Er sei ein offener Mensch, demzufolge passe hierzu folgerichtig nur eine, eben seine offene Tür. Nur wenn er zu Hause sei, schließe er sie meistens, um seine Privatsphäre zu erhalten.

Ob er den Artikel in der Stadtteilzeitung zur Anregung bzw. zum eventuellen Verkauf einiger Bilder nutzen wolle, fragte ich im Laufe unseres Interviews später, denn im Keller befinden sich noch über 80 Unikate, was er fast nebenbei in diesem Zusammenhang erwähnte. Es folgte ein nahezu empörtes:„ Nein! Ich bin Künstler, kein Verkäufer!“ Gegen eine Spende hätte er aber nichts einzuwenden.
Ihn selbst als Mensch einzuschätzen widerspiegelt beschriebenes Interieur, ja, im Grunde sein ganzes Umfeld auf eine gewisse eigentümlich klare Weise. Der Künstler in ihm ist nicht so einfach zu beschreiben. Seine künstlerischen Arbeiten sind wohl als leicht skurril bis naiv, jedoch in jedem Falle stets durch recht fantasievolle Anbringung mittels diverser Materialien geprägt. Sie leuchten in und aus sich selbst, sind extrem farbenfroh, geben dem Betrachter offensichtlich Botschaften und sind dazu oft mit Fundgegenständen von verlorenem, angeschwemmten Strandgut versehen. Überwiegend hat er unauffällig kleinere Solarzellen integriert, die bei Sonneneinfall unterschiedliche Gegenstände beleben und bewegen können. Besucher werden da-mit von ihm gerne in Erstaunen versetzt, erzählt er mit spitzbübischem Schmunzeln. Mittels auszieh- und schwenkbarem kleinen Spiegel lenkt er die Sonnenstrahlen derart, dass die Dinge anfangen zu „leben“. Pastelltöne existieren in seinen Darstellungen kaum. Farbenprächtig wird dem Betrachter seine Botschaft vermittelt. „Alfredo, der Botschafter der Sonne“, wie er sich selbst bezeichnet und auch gerne genannt wird, lebt was er malt.

Dieses Künstleroriginal, Alfred E. Ploch, ist seit nunmehr fast zehn Jahren in Schöneberg zu Hause. Hier malt und schreibt er unermüdlich über die emotionale Wirkkraft der Sonne. Nach seinem Empfinden ist die Sonnenenergie nicht nur rational-technisch nutzbar, sondern als auf unsere Gefühlswelt wirkende Lichtsubstanz entscheidend für Lebensglück.
Er erzählt:„Meine Arbeit geht auf das direkt Erlebte zurück, auf die emotionale Wahrnehmung, ich nehme unbewusst, aber auch bewusst Licht, Freude, Bedrücken-des auf und übersetze diese emotionale Substanz mittels Farben und Formen auf Leinwand, Papier oder Holz. Und ich fasse dies in die  mir zur Verfügung stehende Wortwelt. Die Verbindung der von mir geschaffenen Originale mit der Natur schafft neue Perspektiven und oft wunderschöne Einheiten, die Freude machen. Ich wünsche mir als Endprodukt meiner Arbeit Freude und Glück. Und wenn dies eine Kunst sein soll, dann bin ich gerne Künstler.“
Dem ist nichts hinzu zufügen, meine ich. Zum Schluss soll hier auf seinen Wunsch hin erwähnt werden, dass er leider krebskrank sei, Sponsoren suche, die ihm eventuell ermöglichen, seine Chemotherapie in einem sonnigen Land für ein paar Monate während der kälteren Jahreszeit ergänzen zu können. Auch wäre er an Ausstellungsräumen, vorzugsweise im nahen Umland von Berlin, interessiert. Man solle gerne alles anbieten.
Freude haben und Freude geben ist das Lebensmotto, welches in seinen Bildern zur sichtbaren Entfaltung kommt. Von seinen wechselvollen privaten und künstlerischen Lebenswegen in den unterschiedlichsten Ländern erzählt er Interessierten (Terminvereinbarung) jederzeit gerne persönlich. Wo immer er sich niederließ, schaffte er sich sein kleines Paradies. So nun auch hier wieder in Deutschland in seiner minimalistischen Umgebung, die nur aus Farben und spielerischer Lebensfreude zu bestehen scheint.

Elfie Hartmann

Kontakt: Alfred E. Ploch
Telefon: 0178 / 206 55 78

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