Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

1.05.2017

Achtet das „UNKRAUT“ – Esst „Wildes Gemüse“!

Aus dem Archiv – Vor Hundert Jahren

Der (außer)gewöhnliche Löwenzahn. Foto: Hartmut Ulrich

„Die Bewältigung der Ernährungsschwierigkeiten beginnt mit lebensfreudiger Anpassung“. So begann der wahrhaft philosophische wie auch lebenspraktische Exkurs im „Schöneberger Tageblatt“ vom 3. Mai 1917 über einen Fortschritt in der menschlichen Ernährungsweise, der als Gewohnheit für das ganze Leben bewahrt werden und als Erinnerung an die Notzeiten des 1. Weltkriegs dienen sollte.

„Heute wollen wir von ... den wilden Gemüsen sprechen, die jetzt bei der endlich eingetretenen Frühjahrswärme uns überall entgegen sprießen. Gemüse, die sich sogar an leeren Bauplätzen, zwischen den Häuserblocks der Großstadt in Mengen nachweisen lassen. Vor der Stadt aber, an Wegen und Feldern, an Gärten, Hecken Waldrändern, an Gräben und Flussufern, auch an Eisenbahndämmen, wachsen zahllose Nährpflanzen, von uns meist als Unkraut angesehen, gejätet und fortgeworfen wird, ohne dass man seinen Nutzen erkannt hat.
In den gepflegten Anlagen der Städte sind die wilden Gemüse überall greifbar und die Behörden würden gegen ein sorgsames Ablesen sicher nichts einzuwenden haben.
Der alte Spruch: „Was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht.“, er muß hier zu Schanden werden, wo uraltes Wissen und die Erfahrung von Tausenden Mitmenschen uns ein Nahrungsmittel wiesen, das uns nur durch die kleine Mühe des Suchens entfremdet wurde.
Löwenzahn, den der Berliner als Butterblume kennt, ist der gesündeste Frühlingssalat und gilt in Holland und Frankreich als Leckerbissen. Die junge Brennnessel ist durch ihren Nährsalzgehalt kaum mit einem anderen  Gemüse vergleichbar. Lauch bewahrt vor Darminfektionen und die Sprossen des wilden Hopfens  sind köstlich wie Spargel …, bis in Herbst hinein locken Hederich und die kleine Brennessel zu reicher Ernte. Ja, das Blatt des Gänseblümchens und die zarte eisenhaltige Vogelmiere kann man während des ganzen Jahres suchen.

Die Blätter des Rapünzchens findet man in kleinen Rosetten schon im zeitigen Frühjahr. Die junge Schafgarbe gibt zartes Gemüse oder man schneidet  sie roh wie Lauch und Kresse aufs Brot und, um an der Soße zu sparen, wie Thymian über die Kartoffeln. Der Sauerampfer, in seinen kleinen Spielarten am wohlschmeckendsten, kommt in den westlichen Ländern jede Woche  einmal als Gemüse auf den Tisch, bei uns hat er sich als Suppe eingebürgert ...
Es wäre eine dankbare Aufgabe auch für unsere Lehrer zur Feststellung dieser wilden Gemüse dadurch zu helfen, daß sie sie in Blumentöpfe pflanzen uns an sichtbarer Stelle in der Schule aufstellen. Auch die vorhandenen Schulgärten könnten mit Vorteil für die Aufklärung benutzt werden.“

Am 18.Mai 1917 vermeldete die gleiche Zeitung den Hinweis, dass  der Schöneberger Hausfrauenverein „ ... unter der kundigen Leitung von Fräulein Lange eine Fülle der schönsten Suppenkräuter und Gemüse sammelt, deren Zubereitung Fräulein v. Eckartsberg am nächsten Tage in der Beratungsstelle im Lettehaus des Hausfrauenvereins in ausführlicher Weise vorführt.“ Hoffentlich fällt die Anregung auf guten Boden und wir lernen immer mehr erkennen und ausnutzen, welche Menge von Nahrungs- und Genussmitteln uns durch unsere Wildpflanzen kostenlos zuwächst.“

Hartmut  Ulrich

Nachtrag: Interessierte können sich ab 1. April auch im Schöneberger Südgelände sachkundig machen. Die Saison 2017 wurde hier am 29. März  mit einer kleinen Feierstunde im Beisein von Frau Suhrhoff, Leiterin des Naturparks Südgelände (siehe Stadteilzeitung Schöneberg vom Februar 2016 „Was wäre das  Südgelände ohne Frau Suhrhoff“ von Christine Bitterwolf), Herrn Staatssekretär Tidow von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Herrn Dr. Spandau von der Allianz Umweltstiftung (dem honorigen Sponsor) und den beiden Künstlern „Pimpinella“ mit der Präsentation der Ausstellung „Bahnbrechende Natur“ unter großem Beifall eröffnet. Damit ist das Südgelände auch einer von vielen Projektorten zur IGA Berlin in diesem Jahr. Der Naturpark ist von 9.00 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit täglich geöffnet. Nähere Informationen:  www.suedgelaende.de oder Tel. 030/ 70 09 06 24.

Sachkundige biologische Führungen bieten u.a. die Herren Dr. Wiedenmann („Naturkundliche Entdeckungen zwischen den Gleisen“ – drum-herum@gmx.net)  und Olaf Tetzinski („Pflanzen –ErlebnisFührungen“ – www.tetzinski.de) regelmäßig an.

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