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8.07.2018

Abenteuer in Alt-Schöneberg

Spielplatzeröffnung im Heinrich-Lassen-Park

Fotos: Thomas Protz

Einst sangen Bauern und Bürger in den Kirchen ganz Brandenburgs: „Vor Köckeritz und Itzenplitz, vor Krachten, Quitzow, Lüderitz – bewahr‘ uns, lieber Herre Gott!“ Das war in der Zeit vor der Einsetzung der Hohenzollern als Markgrafen, in jener Schreckenszeit also, als nach dem Tode Kaiser Karls IV. das Interesse an der Mark erloschen war, die ritterbürtigen Familien des Landes sich um die herrenlose Beute stritten und mit Raub, Lösegelderpressung, Viehdieb-stahl und Wegelagerei zur Plage der Mark wurden. Den Spreetal-Bewohnern ist besonders Dietrich von Quitzow (1366-1417) im Gedächtnis geblieben, weswegen es in Moabit noch heute eine Quitzowstraße gibt. Unter seiner grausamen und hinterhältigen Anführerschaft gelang es seiner Familie nicht nur, die Konkurrenten unter Gans von Putlitz oder Wichard von Rochow aus dem Prignitzer Felde zu schlagen, sondern sogar die Köpenicker Bürgerschaft oberherrschaftlich auszuplündern.
Diese Zeiten sind gottlob vorbei. Die Quitzowsche Burg gibt es schon lange nicht mehr, und die übriggebliebenen dienen als Ausflugsziele oder romantische Kulisse für Ritterspiele und mittelalterlich kostümiertes Markttreiben. Doch werden nun auch wieder neue errichtet, wenn auch im Verniedlichungsformat als Hotzenplotz-Attraktion für abenteuerlustige Kinder. Nach mehrjähriger Planungs- und Verwirklichungszeit eröffnete am 4. Mai die für Grün- und Spielflächen zuständige Stadträtin Heiß (Grüne) den vollkommen neu gestalteten Spielplatz im Heinrich-Lassen-Park hinter dem Schöneberger Stadtbad mit den Worten: „Die Eröffnung von Spielplätzen ist mir eigentlich das Liebste – und natürlich habe ich auch eine Schere mitgebracht.“ Und die eigens zur Zeremonie eingeladenen Kinder einer nahen Kita beobachteten den Weg dieser Schere ganz genau, denn nach einigen demonstrativen Schnitten in der Luft fand sie zielgenau das rot-weiße Absperrband, und als dieses durchtrennt zu Boden fiel, wurden beide Flügel des Gittertores geöffnet, woraufhin die jubelnde Kinderschar losstürmte, um von diesem sorgfältig überlegten und mit viel Liebe zum Detail ausgeführten Spielangebot Besitz zu ergreifen.

Die Grundidee der Gestaltung ist die Bereitstellung von Erprobungsmöglichkeiten für die kindliche Entwicklungszeit bis zur Vorpubertät. Hier werden Geschicklichkeit und Freude am experimentellen Einsatz der körperlichen Tüchtigkeit kindgerecht herausgefordert, wie Birgit Hoffmann als Planungschefin im Grünflächenamt auf einem Rundgang für die neugierige Presse erläuterte. Es habe dazu auch schöne Anregungen aus dem Kinder- und Jugendparlament und der Spielplatzkommission gegeben, was die Schulausschuss-Vorsitzende Zander-Rade (Grüne)  kopfnickend bestätigte. Auch sei der Ideenreichtum der planenden Landschafts-Architekten (Reif+Eberhard GbR) sowie die Sorgfalt der Ausführung (Hartmann Ingenieure GmbH) zu loben, und nicht zuletzt die kunsthandwerkliche Umsetzung durch die thüringische Holzbaufirma (Spielart GmbH), was wiederum der Berichterstatter bestätigen kann.

Turnierplatz und Turngarten

In der Mitte des weiträumigen Spielplatzes steht die mehrtürmige Holz-Burg, außen wie innen ausgestaltet mit vielen kleinteiligen Angeboten zum tastenden und kletternden Entdecken, aufgeteilt in verschiedenartige Räumlichkeiten mit Aufenthaltsqualität, erreichbar über Sprossen und Stiegen, erkundbar als Einzelziele oder auf Rundgängen, denn alles ist miteinander verknüpft und doch auch im Detail gestaltet. Neben dem Kletternetz ist sogar an Ruhekörbe gedacht worden. Gegenüber der Burg und mit ihr verbunden durch eine Seilbahn, befindet sich ein sogenannter Kletterhügel, der im Ensemble als mittelalterlicher Belagerungsturm fantasiert werden kann, aber vor allem dem kindlichen Bewegungsdrang zahlreiche Kletterpartien bietet. Und von hier aus führt auch ein bodennaher Balancier-Parcours zur Burg, der aus kreuz und quer in unterschiedlichen Stärken und Abständen auf Längsholme montierten Streben besteht, einem gut zu fantasierenden Knüppel-Damm eben, wie er zur Quitzow-Zeit überall in der damals noch sumpfigen Gegend zur Anwendung kam, woran in der Stadt heute noch Namen wie Kurfürstendamm oder Nonnendamm erinnern.

Dieser Knüppeldamm führt aber noch über die Burg hinaus bis in die Gegend des dazugehörigen Dorfes, dem man wegen der geografischen Nähe glatt den Namen Alt-Schöneberg geben könnte. Schon von Weitem sind ein besteigbares Holzpferd und am Eingang des ersten Häuschens eine Modepuppe wie von Oskar Schlemmer zu entdecken. Und weitere Einzelheiten wie drei farblich unterscheidbare Stoffballen und eine auf einem Pfosten aufgesetzte Garnrolle zeigen an, dass in diesem Hause geschneidert wird. Andere Hütten bieten ebenfalls Fantasieanregung durch ihre liebevoll beigesellten Merkmale. So weist die Esse auf eine Schmiede oder das Getreidesilo auf eine Bäckerei. Dieser etwas abgelegene und daher auch geschützte Bereich bietet somit eine schöne Ruhezone für die Kleineren unter den Abenteurern.

Allerdings soll dieser große Abenteuerspielplatz für die ganze Familie etwas bieten, also auch für die Erwachsenen. Deswegen gibt es bereits im Eingangsbereich neben balancierbaren Mauerfragmenten unter anderem auch eine in der Höhe dreifach gestaffelte Reckformation, wodurch also generationenübergreifend die berüchtigte Rolle rückwärts geprobt werden kann. Die beiden Politikerinnen, die als Mütter mehrerer Kinder bereits spielplatzerprobt sind, machten am Eröffnungstag schon mal vor, dass sportliche Bewegung nicht nur krankheitsvorbeugend den Körper ertüchtigt, sondern auch die Seele erheitert. Frisch und frei kletterten sie für ein Erinnerungsfoto auf das erstbeste Holzgerüst – und freuten sich!

Ottmar Fischer

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