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22.09.2022 / Projekte und Initiativen

Abenteuer Bahnfahrt

Von Christine Bitterwolf. Für 9 Euro durch ganz Deutschland? Warum sollte der routinierte ICE-Nutzer nicht mal mit der Regionalbahn fahren?
Foto: Anja Müller / pixelio.de

In den geplanten Wochenend-Ausflug nach Boltenhagen an der Ostesee würde man dann dieses Jahr nicht mit dem Auto, sondern mit der Bahn fahren. Der Umwelt zuliebe. Es waren ja noch keine Ferien, so würde die Bahn noch nicht so voll sein. Das war der motivierende Gedanke.

Samstag früh um 7:00 Uhr ab Friedrichstraße, der 9-Euro-Reisende fand noch eine Sitzplatz, Platz für den kleinen Handgepäckkoffer gibt es nicht, die Ablagen über den Sitzen reichen gerade für eine Strickjacke und unter die Sitze passt höchstens eine kleine Reisetasche. Ab Hauptbahnhof war der Zug voll und in Spandau stiegen noch mehr Passagiere ein.

Die Fahrt endete erstmal in Holthusen, wegen einer Baustelle am Gleisbett. Der Schienen- Ersatzverkehr stand bereit. Das hat ja super geklappt. Es waren allerdings nur zwei normale Stadtbusse für alle Reisenden Richtung Wismar, für viele, viele Reisende mit Gepäck und Kinderwagen und Rollator. Der Fahrer half freundlicherweise dabei, alles zu verstauen und zu packen. Die Leute standen dicht gedrängt in den Gängen. Umfallen konnte keiner, sie stützen sich gegenseitig.

Ab Schwerin ging es dann wieder weiter mit einem Regio, der aber offenbar weniger Wagen hatte als der erste Zug, denn die Passagiere mussten sich wieder dicht an dicht drängen. Es gab nur zwei Toiletten, von denen eine kaputt war. Vor der anderen Klotür stand eine große Frau mit zwei Katzenbabies, die die ganze Zeit laut miauten, und erklärte jedem, der interessiert guckte, alles über Katzenzucht und -haltung, allerdings in einer Lautstärke, die den ganzen Wagen unterhielt.

In Wismar musste sich der 9-Euro-Reisende sputen, denn der Bus, der ihn ans ersehnte Ziel bringen sollte, fuhr schon 6 Minuten später ab Busbahnhof. Jedenfalls stand es so im Internet. In Wismar fuhr der Zug tatsächlich erst 1 Stunde später ab.
Mit einer Dauer von knapp 6 Stunden und 30 Minuten war die Reise nur doppelt so lang, als wenn man mit dem Auto gefahren wäre.

Auf der Rückfahrt am Montag, extra nicht am Wochenende, sollte der Zug von Wismar nach Berlin durchfahren, weil die Baustelle aufgelöst war. Das war der Plan. Wie schön.

Anfangs fanden noch alle Passagiere Platz, obwohl schon einige große Koffer einige Sitzplätze blockierten. Das Publikum war international, an einem Tisch saßen sechs Ukrainer, dahinter ließen sich ein paar englischsprachige Touristen nieder. An der nächsten Haltestelle stieg eine Schulklasse zu und dann kam noch eine Gruppe Jugendlicher aus einem Zeltlager. Von denen hatte jeder einen riesigen Rucksack auf dem Rücken und eine Zelttasche in der Hand. Sie ließen sich auf den Treppen und vor den Türen nieder. Einige zauberten sogar noch bequeme Klapp-Hocker aus dem Gepäck. Sie waren alle nett und freundlich und auffallend ordentlich. In regelmäßigen Abständen wurde einer der Camper mit dem gesammelten Abfall zum Mülleimer geschickt.

Ein Zugbegleiter, der eigentlich die Fahrkarten prüfen müsste, kam nicht durch den Zug. Einerseits wäre er in dem überfüllten Zug gar nicht durch die Menschenmenge durchgekommen, andrerseits wollte er sich sicherlich auch nicht die Beschwerden der Fahrgäste anhören. Die üblichen Ansagen zur Maskenpflicht und über das Freilassen der Fluchtwege fielen ebenso aus. Wozu auch, wenn es nicht durchgesetzt werden kann?

Nach einiger Zeit blieb die Bahn stehen, mitten in der Landschaft. Lange dauerte es, bis die Durchsage kam, es sei ein Halt auf unbestimmte Zeit, wegen eines Feuers am Gleis. Dann rollte der Zug endlich langsam wieder an und schlich sich bis zum Bahnhof Ludwigslust, wo er erneut anhielt. Wenigstens konnten hier die Raucher aussteigen und in Ruhe eine Zigarette nach der andern rauchen. Wegen der fast 1½ stündigen Verspätung wurde der Zug dann in Berlin aus dem Verkehr gezogen und die Reise endete am Bahnhof Zoo. Bitte alle aussteigen! Hier kam es zum Stau, weil viele Passagiere, die eigentlich weiterfahren wollten, nicht so recht wussten, wo sie sich nun hinwenden sollten.

Wenigstens der Berliner Reisende war fast am Ziel und er fand, für 9 Euro hatte ihm die Bahn viel Abenteuerliches und Spannendes geboten.

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